Bevor ich mir mein erstes Tattoo habe stechen lassen, hielt ich die Behauptung, man würde dabei ein dezentes Suchtpotential entwickeln, für ein Gerücht. Jetzt sitze ich hier, ein Jahr später, um 11 Motive reicher. Dutzende neuer Ideen im Kopf. Eine ewiglange Liste von Wunsch-Tätowierern im Instagram-Feed. Viele von ihnen leben in London, Zürich, Mailand, Moskau, Paris, Barcelona – glücklicherweise gibt es aber auch direkt in meiner Nachbarschaft einige heiße Kandidaten, wenn es darum geht, das nächste Stück unberührter Haut zu vernichten.

Eine meiner liebsten Berliner Tattoo-Künstlerinnen ist Suzan Rinow. Sie nahm mir auf einer Party die Jungfräulichkeit und stürzte mich in die Abhängigkeit – ein wundervoller Abend. Außerhalb der Tattoo-Welt dürfte sie auch Berghain-Stammgästen bekannt vorkommen (sie schenkt euch an der Bar die lebenswichtigen Flüssigkeiten ein). Suzan studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bildende Kunst, danach ging’s in die Hauptstadt zur Kunsthochschule Weißensee, um die Bandbreite der visuellen Kommunikation zu erlernen. Für ihre Abschlussarbeit hat sie den Oberkörper eines Freundes in Kunst verwandelt: Die beiden ließen sich Tarotkarten legen. Er bekam die zahlreichen Motive für die Ewigkeit, sie ein imaginäres Extra-Sternchen für Kreativität und eine Doku über den Transformationsprozess. Schon dort, bei ihrem ersten großen Projekt, ist ihr Stil gut erkennbar: Feine Linien und Dotwork treffen auf geometrische Formen, Mythologie-, Wald- und Fabel-Wesen. Sie kann aber auch alles andere stechen, zum Beispiel Replika von Magritte – da spreche ich aus eigener Erfahrung, siehe rechter Oberschenkel – oder Landschaften. Und für alle Harry Potter-Fans: sogar Alraunen. In jedem ihrer Blackworks sieht man, dass Suzan ihr Handwerk zunächst auf der Leinwand, auf Papier gelernt hat, und die Haut für sie als weitere Kommunikationsfläche dient. Eine Fläche, die durch ihre Bilder Worte findet.