im gegenteil heißt das Magazin, welches von Herzen kommt. Ein Magazin über Singles, das jedoch keine Singlebörse ist. Hier wird nicht zur Seite geswipt, sondern fleißig gelesen und gescrollt.

Denn hier werden Liebesgeschichten nicht nur erzählt, sondern auch geschrieben. 

Jule, eine der Mitbegründerinnen, studierte Modedesign, hat mal als Reiseleiterin, mal in der Verlagswelt und zuletzt als Online-Community-Managerin gearbeitet. All das war nicht wirklich ihr Ding, es sollte endlich etwas mit Substanz her. So kam sie eines Abends gemeinsam mit ihrer Freundin Anni  – somit wäre das Gründerinnenduo komplett – bei einem Aperol Spritz auf die Idee, das Online-Magazin im gegenteil zu gründen. Wie aus einer Schnapsidee Realität wurde.

Wie habt ihr euere Idee letztendlich umgesetzt?

Wir standen beide noch in Arbeitsverhältnissen, waren aber nicht ganz glücklich mit unseren Jobs. Anfangs glaubte ich, dass wir im gegenteil Hobby-technisch aufziehen und nebenbei machen könnten. Es war auch eher als eine Art Portfolio für mich als Fotografin und Anni als Schreiberin gedacht. Wir bemerkten ziemlich schnell, dass uns die Arbeit an im gegenteil sehr viel Spaß macht. Das war unsere enorme Motivationsquelle. Ich erwartete anfangs durchaus auch negatives Feedback, da wir die Single-Profile öffentlich ins Netz stellen. Deshalb wollten wir die Idee zunächst klein halten und sie an unseren Freunden und deren Umfeld erproben.

An dem Tag, an dem wir damit online gingen, wurde das Thema direkt von vielen Blogs aufgegriffen. Alles ging unglaublich schnell. Am selben Abend hatten wir bereits die tausend Facebook-Likes geknackt – und öffneten einen Champagner. Am nächsten Tag trafen wir uns sogar schon mit einem Investor aus San Francisco. Anschließend kamen Radiosender und Tageszeitungen auf uns zu, dicht gefolgt von Frauen-Magazinen und dem Fernsehen. Wir wurden da quasi hineingeschmissen. Nach zwei Wochen war ich bereits so überfordert mit der Nachfrage um das Magazin, dass ich beschloss, meinen festen Job zu kündigen.

Warum hast du dich für ein Online- und nicht Print-Format entschieden?

Aus eigenen Erfahrungen ist mir bekannt, wie überfordernd Redaktionssitzungen sein können. Ich besitze eine Fotografie-Seite, habe schon mehrere Jahre einen eigenen Blog und sah die digitale Welt als richtiges Medium. Ich schätze das Format eines Print-Magazins, dachte aber, dass die Verbreitungsmechanismen online eine weitaus höhere Chance bieten.

Denkst du, dass sich der Erfolg von im gegenteil durch die Schnelligkeit des Internets potenziert hat?

Na klar, bei Printmedien ist es eher so, dass die Themen weit im Voraus geplant werden und sie nicht tagesaktuell berichten können. Das ist online ein riesengroßer Vorteil.

Tinder ist zu unpersönlich

Was ist anders an eurer Single-Plattform und inwieweit unterscheidet sich euer Content von anderem?

Wir starteten 2013 gleichzeitig mit Tinder, dessen Format uns nicht wirklich gefiel. Wir wollten etwas Persönlicheres und hatten sogar mal vorgesehen, handgeschriebene Briefe einzubinden. Das stellte sich leider als schwer realisierbar heraus. Es gab vorher keinen vergleichbaren Content. Es gab keine Verknüpfung von Homestorys und Kontaktanzeigen – obwohl die Idee an sich ja total simpel ist.
Es war uns aber auch wichtig, Inhalte zu posten, wenn wir gerade keine Single-Porträts anzubieten hatten. So beschlossen wir, zusätzlich zum eigentlichen Online-Magazin auch einen Blog mit Texten und Reportagen anzubieten.

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Und was funktioniert heute besser? 

Oft sind das die Texte des Blogs. Ich denke, man selektiert das Single-Angebot und schaut sich nicht immer alle Profile an. Bei den Texten ist das anders. Die werden sehr konstant sehr gut gelesen. Gerade die Themen Herzschmerz, Trennung, Dating-Apps und die Verpeiltheit unserer Generation gehen immer gut, aber auch Themen wie HIV, Literatur, Verhütung, Sex, das Älterwerden oder Selbstliebe. Im Grunde beschäftigen wir uns mit Dingen, die uns auch privat interessieren.

Ist Facebook euer Hauptpool?

Ganz genau. Über Instagram teilen wir zusätzlich auch, was wir im täglichen Leben so machen. Facebook hingegen soll inhaltlich hochwertiger gehalten werden – obwohl unsere Yoga-Selfies wirklich auch sehr hochwertig sind. Auf jeden Fall mag ich es, wenn der Content sich auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen unterscheidet.

Gibt es Content, den du nur ungern auf deiner Seite sehen möchtest?

Wir erhalten viele Gastbeiträge. Ich beurteile nach meinem eigenen Geschmack, was online gestellt wird und was nicht. Alles, was ich persönlich als langweilig oder als nicht gut geschrieben empfinde, selektiere ich aus, denn hier zählt einfach mein Qualitätsanspruch. Emotionale Texte, in denen der Sachverhalt des Herzschmerzes an sich immer wieder aufs Neue interpretiert, mit Naturgewalten verglichen und neu verschachtelt wird, kommen aber dennoch bei unseren Lesern sehr gut an (lacht). Ich achte genau drauf, wie der Inhalt eines Textes sprachlich aufgebaut ist. Dann ist es wichtig, ob der Artikel kreativ ist. Die Länge spielt auch eine Rolle. In den meisten Fällen ist es aber wohl einfach eine Bauchentscheidung.

Texte mit Hang zum Depressiven kommen nicht so gut an.


Was ist denn guter Content für dich?

Ich dachte, inzwischen zu wissen, welche Texte gut funktionieren, werde aber oft noch überrascht. Es gibt eben unterschiedliche Sender und Empfänger. Bei fremdem Content ist es mir wichtig, dass er von Herzen kommt oder zumindest gut recherchiert ist. Dazu wähle ich dann ein Foto aus, das möglichst die Stimmung unterstreicht. Der Artikel muss bei den Lesern hängenbleiben, sodass sie anderen davon erzählen.

Was nicht so gut ankommt, sind zum Beispiel Texte, die einen Hang zum Depressiven aufzeigen. Es gibt auch Texte, die wir super finden und die Leser wiederum nicht. Wir stehen da einfach trotzdem hinter. Ganz wichtig an einem Artikel sind erfahrungsgemäß der Teaser und das Bild. Headlines sind meines Erachtens nicht unbedingt relevant. Texte, die wir öfter posten, wie etwa unsereReihe Gedankenspiel, bestehen aus Themen wie Liebe und vielem rund um unsere Generation. Diese sind leider oft eher negativ und repräsentieren nicht die Palette dessen, was das Leben alles zu bieten hat. Ich freue mich dann immer sehr bei positiveren Texten über das Frischverliebtsein.

Ich habe mal gehört, dass man Artikel im Internet nicht so ernst nehmen soll, da sie von jedem geschrieben werden können. Was hältst du von dieser Aussage? 

Ich denke, dass es im Internet wahnsinnig viel Mist zu lesen gibt. Dasselbe gilt aber auch für einige Print-Artikel. Jeder sollte selbst entscheiden, welche Inhalte er konsumieren möchte, ganz gleich, ob im Internet oder in Print.

Wenn du Online und Print mit jeweils drei Eigenschaften beschreiben müsstest, welche wären das?

 Bei Print fallen mir direkt die Eigenschaften „hochwertig“, „altertümlich“ und „liebevoll“ ein. Online hingegen ist eher „schnelllebig“, „vielseitig“, aber auch „überfordernd“.

Wird sich der Inhalt von im gegenteil ändern?

In Zukunft ist viel Neues geplant. Bis vor kurzem haben wir uns politisch gesehen noch herausgehalten. Jetzt möchten wir die Reichweite unseres Magazins für Angelegenheiten nutzen, die wir für wichtig erachten. Das kann alles sein; vom Verein Jugend Rettet, den wir unterstützen, über den Weg zur Selbstakzeptanz und -liebe bis hin zu Aufklärungsthemen oder unserem neuen Baby Behind Berlin’s Books. Herzensangelegenheiten eben. Und nebenbei verkuppeln wir noch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das können wir nämlich echt gut.

Foto & Gif: Schall&Schnabel