Die Definition von Nähe und Distanz in Istanbul ist definitiv anders als in Berlin. Das fängt schon bei der Breite der Straßen an. Ich erinnere mich an einen Abend mit einer Kommilitonin in Cihangir: Wir sitzen vor einer Bar, ich dreh mich um und zucke zusammen, als plötzlich ein Auto neben mir steht. Wörtlich. Neben mir! Wir lachen. Straße und Gehweg fallen in Istanbul manchmal in eins.

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Die Stadtteile, Menschen mit ihren Gedanken, Ideen und Lebensweisen, Kulturen, Sprachen, Religionen sind so verschieden, so fern und doch so nah beieinander, dass ich mich oft frage: Wo gibt es hier eigentlich Übergänge, Grenzen oder Verschmelzungen?

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Eigentlich ist jedes Wochenende im Stadtteil Eminönü wie ein Altstadtfest. Es ist voll, eng und hektisch. Die Geschäfte sind nach Branchen direkt nebeneinander angesiedelt. Wenn ich Kameraequipment suche, muss ich nur herausfinden, wo die „Kameraequipment-Straße“ ist. Das hört sich eigentlich ganz einfach an, wären da nicht hunderttausende andere Menschen, die vielleicht auch eine dieser Straßen suchen. Ein in Deutschland sozialisierter Mensch braucht wahrscheinlich eher zwei Armlängen Abstand zu seinen Mitmenschen, um nicht nervös zu werden.  Hier muss man einfach tief Luft holen und sich ins Getümmel stürzen, ganz nach dem Motto “go with the flow, and you’ll be a flower”.

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Die hektische Betriebsamkeit am Wochenende in Eminönü habe ich wirklich lieben gelernt. Auf der Straße spreche ich einen Händler mit perfekt frisiertem Afro an, um ihn zu porträtieren. Anfängliche Distanz kann dank einer netten Frage schnell zu Nähe, einem tollen Gespräch oder sogar dem ein oder anderen Porträt führen. Meine Kamera ist manchmal der Schlüssel dazu, Menschen kennenzulernen. Ähnlich betrachtete Fotografin Diane Arbus schon ihre Kamera als Schlüssel zur Seele des Menschen.

 

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Am pazar (Sonntag) geht es zum Einkaufen auf den pazar (Markt) nach Tarlabaşı. Auch hier herrscht eher Handlängenabstand zu den Mitmenschen. Händler grölen, Leute drängen sich vorbei, naschen, probieren und machen ihren Großeinkauf. Das Zusammenleben verschiedener Kulturen funktioniert in Tarlabaşı gefühlsmäßig gut. Trotzdem käme niemand auf die Idee, höflich zu bitten, mal vorbeizudürfen oder sich nach dem Anrempeln zu entschuldigen. Man darf sich einfach nicht so schnell auf die Füße getreten fühlen; Ellenbogen raus, mit dem Einkaufstrolley das Revier markieren und weiter geht’s.

Manchmal kommen einem die Menschen aber dann doch eindeutig zu nahe: Ein Freund unterhält sich mit einem Händler. Plötzlich zückt ein Kind ein Klappmesser, schlitzt seinen Beutel auf. Ich reagiere lautstark und rufe „Hey, was machst du da?“. Lautsein hilft in der Türkei übrigens oft, um sich durchzusetzen. Die Jungs ziehen Leine.

 

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Ebenso Lautstark und zusätzlich aufreibend ist das tägliche Erlebnis im Istanbuler Straßenverkehr. Gehupt wird eigentlich immer, und als Fußgänger geht man wahrscheinlich eher ein Risiko ein, wenn man die Straßenverkehrsordnung berücksichtigt. Am Zebrastreifen auf haltende Autos zu warten, ist also Zeitverschwendung. Aber nicht die Hoffnung verlieren. Mein Tipp: nach rechts und links schauen, loslaufen, auf eine Slalomfahrt der vorbeiheizenden Autos hoffen und einen letzten Hechtsprung auf die andere Straßenseite wagen.

Ganz gleich wie man am Istanbuler Verkehr teilnimmt, auf welchen Markt man geht oder in welcher Bar man sitzt, verspürt man meist mehr Nähe als Distanz. Eine Henriette Reker würde euch vielleicht den Armlängen-Abstand im Getümmel empfehlen, ich hingegen eher Schuhe mit Stahlkappen für den Fall, dass euch doch mal jemand auf die Füße treten will.

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Fotografie & Text: Darwin Stapel