Noureddine „Nouri“ Elmoussaoui wurde im Mai dieses Jahres zu Deutschlands World Class Bartender 2016 gekürt. Damit ist der 27-jährige Sonnyboy, der seine Kreationen in der angesagten Frankfurter Cocktail-Bar „The Parlour“ mixt, der beste Bartender Deutschlands. Ende dieser Woche jettet der gebürtige Marokkaner nach Miami, wo er Deutschland gegen 50 Länder vertritt und sich vielleicht zum besten Barkeeper der Welt shaken wird. Besonders stolz sind wir deshalb, dass uns Nouri vor zwei Monaten an der Blogparty mit seinen Drinks beehrt hat.

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Gemeinsam unterwegs in Kreuzberg Alle Fotos: Natalie Mayroth

Und weil Nouri für das Interview extra nach Berlin gekommen ist, haben wir uns nicht in einer eher schicken Cocktail-Bar wie sein Arbeitsplatz „The Parlour“ in Frankfurt getroffen, sondern uns ganz Berlin-mässig in Kreuzberg „Bei Schlawinchen“ verabredet, eine der wenigen verbliebenen Original-Eckkneipen, die rund um die Uhr geöffnet hat und wo es nie zu früh ist, ein Bier zu trinken.

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Etwas anders als die Frankfurter Bar „The Parlour“, wo Nouri seine Drinks normalerweise mixt: Die Eckkneipe „Bei Schlawinchen“, die seit 30 Jahren täglich 24 Stunden geöffnet hat.

Nouri, du bist ganz in schwarz gekleidet. Kommst du direkt vom Berghain?
Na ja, direkt aus dem Berghain komme ich nicht (lacht). Aber du hast Recht. Ich war gestern Nachmittag tanzen dort. Das mache ich ab und zu, wenn ich nach Berlin komme. Dafür ziehe ich nach meiner Barschicht in Frankfurt nicht immer noch weiter, obwohl viele denken, als Bartender sei man eh immer am feiern. Aber das habe ich mittlerweile gelernt. Ich interessiere mich nicht nur fürs Cocktailmixen, sondern auch für Kunst, Mode, Essen, Reisen oder Musik. Deshalb stehe ich auch gerne am Morgen auf und gehe ins Museum.

Apropos Mode: Sind die stylischsten Bartender auch die besten Bartender?
Ich liebe Mode! Ich wollte schon als kleiner Junge immer die coolsten Sneaker haben. Bar und Mode ist eine Symbiose von Ästhetik. Eine Bar ist ein Gesamtkonzept Die Möbel, die Gläser, die Akkustik, das Licht, die Drinks und eben auch die Klamotten des Personals sollten stimmig sein. Dadurch werden die die Drinks aber nicht besser. Die müssen sowieso gut sein.

Wie wichtig ist die Selbstinszenierung in der Bar-Szene geworden? Ist es ähnlich wie bei den DJ´s, die früher noch im dunklen Eck ihre Musik spielten und jetzt im Club im Mittelpunkt stehen?
Ein Bartender ist ein Handwerker. Craftmanship hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dadurch hat sich der Status des Bartenders verändert. Mittlerweile wird Bartender auch nicht mehr nur als Nebenjob wahrgenommen. Ich bin stolz, hinter der Bar zu stehen. Doch ob man im Rampenlicht steht, entscheidet jeder für sich selber.

Und wie steht es mit deiner digitalen Inszenierung?
Ich bin auf Instagram. Ich poste aber dort nicht jeden Abend irgendeinen neuen Drink oder schreibe die Happy Hour Zeiten auf Facebook. Ich zeige Dinge, die mir persönlich gefallen oder Drinks, die ich irgendwo auf Reisen entdecke. Ich poste all meine Eindrücke über Mode, Essen, Städte, Kampfsport. Und ja, einige Fotos mit Gästen sind auch dabei. Das schafft wohl einige Follower (lacht).

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„Inszenierung gehört für eine gute Bar dazu“, sagt Nouri Elmoussaoui. Und stellt sich gerne auch gleich hinter die Trese beim „Schlawinchen“ in Kreuzberg.

Das kann ich mir vorstellen. Wahrscheinlich kennt dich in Frankfurt jeder.
Ich kenne viele Leute oder sie kennen mich. Aber dieses Szene-Ding liegt mir nicht. Ich bin in der Bar wie im privaten Leben: direkt und persönlich. Wenn sie aber mit den Fingern schnipsen oder sich nicht bedanken, dann sage ich auch, dass dieses Verhalten nicht angemessen ist. Da lege ich auch keine Maske für irgendjemanden auf. Bartender ist meine Arbeit und die Bar eine Art Bühne. Man sollte die Menschen immer so behandeln wie man selbst behandelt werden möchte, beruflich und privat.

Wo findest du deine Inspiration? Folgst du anderen Barkeepern auf Instagram, schaust du dir Drinks-Fangruppen auf Facebook an?
Ich folge einigen Leuten und Channels, um neue Trends oder Inspirationen zu finden. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan oder den USA. Aber für meine Recherchen folge ich immer mehr Köchen, etwa dem Koch Rene Redzepi aus dem Restaurant Noma. Ich interessiere mich auch immer mehr für den bewussten Umgang von Lebensmitteln. Ein Beispiel ist etwa der Koch Massimo Bottura, der während den Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 5.000 Mahlzeiten für arme Brasilianer kochte. Das Besondere daran ist, dass er dafür Zutaten von Cateringfirmen für das olympische Dorf, die sonst im Müll landen würden, verwendet hat. So etwas inspiriert mich. 

Hinter jedem guten Drink steckt eine Geschichte. Nächste Woche fliegst du nach Miami und hast die Chance, der beste Bartender der Welt zu werden! Dafür musst du vor allem eigene Drinks kreieren und denen sogar eigene Namen geben. Welche Geschichte erzählst du mit deinen Drinks?
Drinks sind Zeitzeugen von geschichtlichen Epochen. Die Leute haben schon immer getrunken und die Gastronomie ist das zweitälteste Gewerbe der Welt. Das beinhaltet im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte. Ich habe mich für das World Class Finale am Film Clockwork Orange von Stanley Kubrick orientiert. Beim Finale in Miami serviere ich Milchdrinks. Für meine Kreationen lasse ich mich von ganz vielen Einflüssen inspirieren – Kino, Mode, Umweltbewusstsein, Städte, Kunst…vielleicht ähnlich wie ein Modedesigner. Ich komme aus Marokko, und kreiere gerne Gewürzen oder Essenzen, die eine Verbindung zu meiner Kultur schaffen.  Ein weiteres Konzept für die World Class widmet sich dem Thema „Zero Wasting“. Dort kreiere ich drei Drinks, die sich dank Früchten von selber recyclen, also keinen Müll verursachen. Bars sind für mich auch Knotenpunkte für politische Themen, die den Nerv der Zeit treffen.

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Nouri fühlt sich hinter der Bar der Eckkneipe „Bei Schlawinchen“ trotz der etwas anderen Auswahl an Spirituosen sichtlich wohl.

Du sprichst oft vom Drinks mixen als ein Handwerk mit Tradition. Stichwort: Craftmanship. Wie sehr spielt im Kontrast dazu das Digitale bei dem Erfolg einer Bar heutzutage Rolle?
Es ist sehr wichtig geworden. Das habe ich bemerkt, als ich die World Class gewonnen habe und plötzlich in den Medien und auf Blogs erschien. Überall wurde geschrieben „Nouri ist der beste Bartender Deutschlands“ und so ein Gedöns. Dabei habe ich die Drinks davor genauso gemacht. Aber die Reichweite von Social Media ist faszinierend, besonders für internationale Bars. Das sollte man als Bartender nicht unterschäten. Doch es ist Fluch und Segen zugleich. Deshalb gilt auch hier: Die gesamte Ästhetik muss stimmen. Das Parlour war mal auf Platz 18 der besten Bars der Welt. Viele googeln das und kommen nur deshalb hier vorbei. Dann geht ihnen allerdings – wie auch einigen in bekannten Club – nur um den Hashtag beim Bild. Mein Tipp: Weniger ist mehr.

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Nicht sein Lieblingsdrink, aber eine Flasche, die Nouri hinter der Bar im „Bei Schlawinchen“ sofort entdeckt und auf die Bar stellt: „Chantré ist genau das, was es ist. Ohne Firlefanz. Das mag ich“.

Wie würdest du deinen eigenen Stil beim Drinkmixen beschreiben? Achtest du auf aktuelle Trends?
Ich bin ein absoluter Minimalist. Ich mag es einfach, dunkel und glatt. In simplen Gläsern, ohne Zucker und sonstigen Firlefanz. Wie die Jungs vom Buck und Breck  in Berlin. Das sind Alchemisten. Die arbeiten ohne fancy Zusatzstoffe, sondern reduzieren die Klassiker auf ihre Essenz, so wie sie wirklich schmecken sollten. Dort gibt es auch den besten Rapscallion in Deutschland, obwohl er eigentlich aus Oslo stammt. Ein Trend in der Gastronomie sind „geklärte“ Cocktails. Die Drinks werden dabei gefiltert oder karbonisiert. Bei uns haben wir ein eigenes Tomatensaft-Rezept entwickelt. Der Bartender orientiert sich immer mehr an der Küche und arbeitet mit Rotationsmaschinen, Infusionsanlagen. Daraus entstehen neue Rezepte und Kreationen.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Was ist eigentlich dein Lieblingsdrink?
Eine schwierige Frage! Also sagen wir mal, wenn ich nur einen einzigen Drink auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte. Mhm, dann Boulevardier! Ein Drink aus gleichen Teilen Campari und Bourbon sowie italienischem dunklen Wermut. Eine Art Abwandlung eines Negroni.