Schnell noch E-Mails, Facebook, Twitter checken, uh, das muss gleich noch auf Insta, oh, auf die WhatsApp-Nachricht hab ich noch nicht geantwortet – Serendipity-Schleife pur; kurz drübergestolpert und schon total abgelenkt. Wie spät war es noch mal? Misst, vor lauter Online-Kommunikation komme ich wieder zu spät zum Essen. Zwischen Vor- und Hauptspeise surfe ich noch kurz mit dem Smartphone. Arbeiten und Socialising sind nicht mehr zu trennen und passieren sowohl on- als auch offline. Und ist das Töchterchen erst im Bett, wird noch kurz der Rechner aufgeklappt. Digitale Selbstausbeutung? Ach was, unser Leben ist einfach digital geworden – schließlich ist dank Facebook, Snapchat & Co `ne Menge los im Netz. Hashtag-Wahn, Selfie-Fun, Foodporn und die Gier nach Likes gaukeln uns ganz gut vor, was das vermeintlich Lebensnotwendige ist.

Einfach mal kein Selfie für die Daheimgebliebenen, die via Instagram und Co unseren Reisen folgen? Undenkbar für uns, aber nicht für die selbsternannte digitale Therapeutin Anitra Eggler (43). Sie hat zu unser aller Rettung gerade ihr Buch Mail halten! Digitale Selbstverteidigung für Arbeitshelden & Alltagskrieger veröffentlicht, das uns unsere digitale Zeitverschwendung schwarz auf weiß vor Augen führt.

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Foto: Anitra Eggler

“Die Digitalisierung schien mir als ein Weg in die Freiheit. Ich sah immense Chancen für das Individuum, für den Individualismus, für Demokratisierung, für die Vernetzung der Welt. Dann erkannte ich: Digitalisierung macht uns so unfrei wie nie zuvor. Und das Schlimmste ist, wir versklaven uns selbst!”, so Eggler.

Das sei eben das Los der kreativen Freiberufler, so dachte ich. Doch es betrifft uns alle. Denn durch ständige Erreichbarkeit haben wir uns die moderne Selbst-Versklavung eigenhändig geschaffen, “online sein” wird zum Dauerzustand, ob zu Arbeitszwecken oder privat.

Dank eines Talkshow-Auftritts, bei dem die Wahl-Wienerin eindringlich und höchst plausibel erläutert, wieviel Lebenszeit der Homo Digitalis so mit digitalem Dingsbums verschwendet und wie wenig Quality-Time, also Offline-Zeit zum Beispiel, für Zwischenmenschliches dabei ist, dämmerte es auch mir, dass ein wenig mehr Achtsamkeit im Umgang mit unserer (digital verbrachten) Zeit nicht schaden könnte.

“Wir verzichten lieber auf Sex als auf unser Smartphone”, donnert Eggler dann auch schon die nächste gefühlte Wahrheit hinaus. Wenn ich versuche, mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal so richtig lange komplett offline war (ohne Sex gehabt zu haben), muss ich schon verdammt weit zurückdenken. Laut Egglers Recherche verbringt der Homo Digitalis von 10 Lebensjahren nahezu 6 mit Chat, Facebook und Fernsehen, aber Küssen und Sex laufen davon nur ganze 10 Tage und 10 Stunden im zwischenmenschlichen Programm.

So sieht unsere Zeiteinteilung am Tag aus …

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… und so in Jahren:

 

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Quelle: aus “Mail halten! Digitale Selbstverteidigung für Arbeitshelden & Alltagskrieger von Anitra Eggler

Aber was macht uns eigentlich zu Smombies (ein Kofferwort aus Zombies und Smartphones, fand als Jugendwort des Jahres 2015 Eingang in den Duden)? Unsere Amygdala, für mich mein Monkey Mind, will jeden Tag befriedigt werden, denn unser Hirn wird süchtig nach Dopamin und Adrenalin, die den Reiz des Neuen begleiten. Deswegen schauen wir also gefühlt alle zehn Sekunden, ob die Timeline neue Beiträge enthält.

Anitra Eggler begründet das Nachgehen dieser Ablenkungen damit, dass wir einfach nicht imstande seien, dieses Verlangen nach dem Reiz des Neuen abzuschalten. Dazu all die Nebenwirkungen des Digitalen: Zerstreuung, fehlender Fokus, Konzentrationsschwäche und Produktivitätsverlust. Wer öffnet nicht gern das Browserfenster und tippt “Faceb…” ein, wenn er eigentlich konzentriert arbeiten müsste?

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Aber auch das Lesen und Wissen verändern sich durch unsere Onlinenutzung. Oft scannen wir Headlines, überfliegen Artikel und sind irgendwie ständig von Bannerwerbung oder Hyperlinks abgelenkt. Den Versuchungen zu widerstehen, erfordert Kraft, die uns dann für die Konzentration auf das Geschriebene fehlt. Trotz Informationsflut (oder -überflutung) fühlen wir uns unkundig. Denn Wissen und Lernen sind ein Prozess, der nicht durch das Überfliegen der Headlines und Querlesen der Texte in Gang kommt. Oder wie Eggler sagt:  “Wir ertrinken in so vielen Informationen wie nie. Googeln ist nicht Synonym für Wissen. Googeln ist ein Reflex. Wissen ist ein Prozess. Wissen braucht Hirn.“

Multitasking-Nonsens

Weitere Nebenwirkung der Netz-Daddelei: Die versäumte Zeit versuchen wir durch Multitasking aufzuholen. Doch das ist Unsinn. Torsten Schubert, Professor für Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin, erkärt, dass zwar auch Autofahren ein Multitasking-Prozess sei, diese Prozesse aber unterbewusst sowie hierarchisch geordnet abliefen und ein gemeinsames Ziel hätten. Wollen aber zwei oder mehr Ziele erreicht werden, wir also telefonieren, eine Auswahl treffen müssen und nebenbei in der Mail auch noch einen Termin festlegen, gehe das schief, so Schubert. “Mich der einen Sache zuzuwenden, heißt, die andere zu unterbrechen. Das zeigen psychologische Experimente: Überlappen sich Entscheidungsprozesse, verlängert sich die Bearbeitungszeit oder die Fehlerquote steigt.”

Auch Eggler weißt: “Wenn ich ständig versuche, alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig.” Harvard-Ärzte hätten inzwischen sogar einen Namen für die Dauerablenkung: ADT, Attention Deficit Trait. Angeblich leide heute sogar jeder zweite Manager unter ADT. Handlungen erfolgen nicht mehr strukturiert und priorisiert, sondern aufgrund von Unterbrechungen, zum Beispiel der nächsten E-Mail, die einfach aufpoppt und sofort beantwortet werde. Diese durch ständige Ablenkung verursachte fehlende Priorisierung führe nicht nur zu Überstunden, sondern mitunter direkt in den Burnout. “Wer überall sein will, ist nirgends mehr wirklich. Wer immer on oder standby ist, schaltet nicht mehr ab. Wer nicht abschaltet, tankt nicht mehr auf. Wer immer brennt, brennt aus“.  

“Ständige Erreichbarkeit” ist übrigens für Eggler inzwischen ein Synonym für “miserables Zeitmanagement”, genauso wie Überstunden. Daher rät sie uns dazu, achtsam mit unserer Zeit und Energie umzugehen, um unsere Hoheit über unsere Zeiteinteilung und damit unsere Autonomie zurückzuerobern. Das bedeute auch, wieder zu hundert Prozent bei einer Sache zu sein: uns beim Essen auch wirklich auf die Speise und beim Telefonieren nur auf das Gespräch zu konzentrieren. Und wenn wir E-Mails schreiben, dann sollten wir nicht noch nebenbei surfen. Wichtig sind ebenso kleine Atempausen (und wenn’s nur die bewusste Betrachtung der Fototapete ist), denn die bedeuten Kurzurlaub fürs Hirn und reduzieren den (gefühlten) Stress.

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Luxus offline?

Steve Jobs soll seinen Kindern iPad-Verbot erteilt haben. Auch Eggler verordnet als Therapie den digitalen Detox. Das bedeute nicht, komplett offline zu gehen: “Offline ist eine Illusion. Es geht nicht darum, nicht online zu sein, sondern besser online zu sein. Wir sollten die Technik intelligent nutzen – aber wir sollten uns dabei nicht an die Technik outsourcen”. Smartphones und Gadgets sollten wir also weise nutzen, Zeit investieren und alles richtig konfigurieren, damit die Technik Freund und Helfer wird und man letztendlich Zeit spart. Das heißt, Push-Nachrichten deaktivieren und Emails nur zu festen Zeiten abrufen, und sich vor allem Pausen einrichten, in denen man wirklich mal komplett offline ist. 

Das alles erscheint für mich als suchtgefährdeter Onliner fast wie eine riesige Herausforderung. Vielleicht fange ich erstmal damit an, das Plug-in Self Control in meinem Browser zu installieren. Und schon könnte ich gar nicht mehr auf Facebook und Co prokrastinieren. Das klingt nach einem gewaltigen Experiment. Also, ab nächster Woche: auf in den digitalen Detox!

Header: Smartphone Illustration via Shutterstock