„Du fieser F**ker von einem Fahrraddieb! Wenn ich dich in die Finger kriege und mir mein Rad zurück geholt habe, klau ich erst das Rad deiner Mutter, dann das deiner Oma und auch das Rad deines dummen Hamsters, sofern du einen hast“ – Notes wie diese haben Joab Nist zu seinem Erfolg verholfen. NOTES OF BERLIN heißt die 2010 gegründete Plattform, auf der Joab derartige Sprüche veröffentlicht. Er erklärt uns, wie vermessen es ist zu versuchen, von einer Zettelwirtschaft zu leben, und schildert uns seinen Blick auf den digitalen Content der heutigen Zeit.

War es von Anfang an klar, dass NOTES OF BERLIN ein Online-Projekt wird?
Als ich 2004 oder 2005 die ersten Zettel fand, wurde schnell klar, dass sich dieser Content besser online als durch andere Medien oder Kanäle verbreiten lässt. Das Ziel lautete, sowohl ein größeres Publikum als auch Leute zu erreichen, die meine Idee durch Einsendungen unterstützen.

Aber du hast dich dennoch später in Richtung Print bewegt?
Die Aussicht, mit dem Material irgendwann eine Ausstellung machen zu können oder etwas zu drucken, war von Anfang an Teil der Idee. Ich hatte sogar bereits ein kleines Archiv angelegt. Wenn ich nun 500 Zettel habe und davon 300 gut sind, dachte ich, dann sollte das ausreichen, um ein kleines Buch produzieren zu können. So entstand dann das Buch.

Wann kam der erste Verlag auf dich zu?
Als der erste Verlag auf mich zukam, hatte NOTES OF BERLIN circa dreitausend Facebook-Fans. Aber das muss man, vor allem heutzutage, unbedingt in Relation sehen.
Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass zweihunderttausend Abonnenten einer Facebook-Seite kein Qualitätssiegel einer Seite sind. Manchmal ist es eben auch das genaue Gegenteil. Wenn die Seite jeden Idioten anspricht, wirkt sie auch schnell verwässert.

Man kann nichts anhand von Likes, Shares, Fans und Reichweite bei Facebook beurteilen. Das ist lediglich nur ein Kriterium, für eine gewisse Zielgruppe, auf einer bestimmten Plattform.

Was meinst du, was guter und was schlechter Content ist?
Viele der Notes, die ich am liebsten habe, funktionieren auf Facebook überhaupt nicht. Wahrscheinlich, weil sie zu komplex sind. Für mich bedeutet guter Content, das er schnell und exklusiv ist. Was die Quelle oder die Plattform angeht, ist mir darüberhinaus die Regelmäßigkeit von gutem Content sehr wichtig – also keine One-Time-Shots. Ein Onlinemagazin sollte immer wieder den Punkt seiner Nische aufzeigen, sodass die Leser einen direkten Zugang zu der Thematik haben. Was den Inhalt angeht, würde ich sagen, dass es ein langer, gut recherchierter Text sein könnte, bei dem ich den Tab noch über Nacht offen lasse, damit ich am nächsten Tag noch mal reinschauen kann. Allerdings geht’s auch anders. Wenn ich ein GIF sehe und es selber weiterverwenden möchte, speichere ich es und denke mir: „Jep, das ist guter Content“.

Was denkst du über die Präsentation von Content, beispielsweise die Internetseite?
Wichtig hierbei ist die Frage, wo man mit der Seite hin möchte. Soll die Seite einen Portfolio-Charakter haben, quasi ein Aushängeschild für eine weitere Dienstleistung werden? Oder geht es einfach nur um reinen Spaß und die Unterhaltung von Leuten. Authentizität spielt dabei eine große Rolle.

Das Design von NOTES OF BERLIN ist auf jeden Fall scheiße! Ich arbeite allerdings gerade an dem Relaunch. Ich lebe schließlich davon und kann mich nicht ewig darauf verlassen, dass mein Projekt ein Selbstläufer bleibt. Eine Seite muss professionell wirken. Meine Webseite ist für mich eher ein Portfolio.

Wie funktionieren die Abläufe bei NOTES OF BERLIN? Warum ist die Arbeit daran so zeitintensiv?
Ich habe verschiedene Kanäle, die ich bespiele; Facebook, Instagram, Twitter usw. Die jeweiligen Communities müssen eben auch moderiert werden. Da bedeutet eine Menge Arbeit. Dazu schicken die Leute natürlich auch Fundstücke ein und stellen Fragen. Darauf gilt es zu antworten und das vor allem nicht erst 3-4 Tage später, sondern am besten sofort. Wenn man von einem Blog leben möchte, ist man radikal an Interaktion und Traffic, also Seitenaufrufe gebunden.

Was ist deiner Meinung nach ein klarer Vorzug des Internets gegenüber Print?
Ganz klar: Bewegbild. Und was das angeht, habe ich eigentlich die Arsch-Karte (lacht). Denn bei meinem Content fehlt die Möglichkeit dazu. Bei mir gibt es ja nur Zettel mit Botschaften darauf, und du kannst diese in der Regel auch schon auf Facebook komplett lesen, OHNE draufzuklicken.

Wie erzeugt man viel Traffic?
Also, ich denke, dass Kontinuität ein entscheidender Faktor für den Erfolg im Internet ist. Außerdem ist es wichtig, dass du dir eine Stammleserschaft aufbaust. Man braucht zusätzlich Content, an den nicht jeder herankommt. Bei mir funktioniert in der Regel Provokantes. Es gibt zwei Seiten: Entweder muss der Content etwas beinhalten, bei dem der Leser direkt eine Contra-Meinung vertritt, oder du findest den Post genau richtig und absolut treffend. Emotionen spielen also eine große Rolle. Positiv an meinem Content ist der leichte Einstieg. Man weiß direkt, worum es geht, und versteht gleich die Inhalte.

Schall-und-Schnabel-Joab

Was wäre deine Wunschvorstellung im Hinblick auf deinen Blog?
Wenn man eine gewisse Anzahl von Fans hat, könnte man an Crowdfunding denken. Die Community würde dich beispielsweise mit einem Euro im Monat unterstützen. Das bricht keinem ein Zacken aus der Krone und könnte dir aber die Arbeit deutlich erleichtern und ich glaube das würde auch zu einer Qualitätssteigerung führen können.

Was hältst du eigentlich von Top-10-Listen?
Ich möchte da gar nicht werten, aber anscheinend funktioniert so etwas ganz gut. Mich persönlich langweilt das ziemlich. Auf Dauer fehlt mir da das Alleinstellungsmerkmal, da das leider so gut wie jeder heutzutage macht.

Kannst du mir jeweils drei Eigenschaften zu Print und Online nennen?
Für Online fallen mir direkt ein: Ungefiltert, schnell, und interaktiv. Print ist eher seriös, exklusiv und haptisch.

Wie lauten die nächsten Pläne für NOTES OF BERLIN?
In nächster Zeit möchte ich verstärkt an Offline-Ausstellungen teilnehmen oder auch selber welche initiieren. Ich habe das schon einige Male gemacht und es hat sehr gut funktioniert. Den Content hat halt keiner. Man kann mit diesen Zetteln wunderbar Räume füllen. Ich finde das super, denn so kann ich die Reaktion der Leute direkt sehen.

Durch Offline-Präsentationen kannst du die Emotionen besser hervorrufen und es wird zu einer Art Gemeinschaftsding, auch wenn die Reichweite online größer ist.

Ich weiß, dass NOTES OF BERLIN funktionierender Content ist, und kann das an dem enorm tollen Feedback, welches ich bisher bekommen habe festmachen. Die Leute halten Ausschau und senden mir Content zu. Die Menschen in Berlin treten mit NOTES OF BERLIN in Interaktion und nehmen ein Stück öffentlichen Raum ein. Aus meiner Sicht ist das in der heutigen digitalen Zeit notwendiger denn je. Für mich ist NOTES OF BERLIN der persönlichste Reiseführer Berlins. Wenn man wissen will, wie die Menschen in Berlin ticken, reicht es, sich einfach nur den Blog anzuschauen.

Foto & Gif: Schall & Schnabel

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