Ich sitze mit Freunden in einem Restaurant in Tokyo, die Kellner stapeln einen Berg fotogener Gerichte vor uns auf, die ich noch nie gesehen und gegessen habe. Ich hatte geplant, auf dieser Reise eine Online-Geschichte über Essen zu machen und meinen Speiseplan zu dokumentieren. Das Handy liegt neben mir auf dem Tisch, aber ich mag es nicht anrühren. Ich möchte mein Essen essen. Ich möchte, dass meine Freunde ihr Essen essen können, ohne darauf warten zu müssen, dass ich ewig lang Teller neu arrangiert, Besteck hübsch drapiert und vom Nachbartisch ein besseres Blumengesteck gemopst habe.

Meine Freunde fänden es vermutlich nicht schlimm, wenn ich sie noch ein paar Augenblicke vom Loslegen abhalte. Sie wissen, dass das mein Beruf ist. So ungefähr. Und sie können meist noch zwei Minuten warten. Meist. Das Problem bin ich, denn ich habe keine Lust, und das, obwohl irgendwo in mir eine Stimme sagt, dass ich das jetzt fotografieren, filmen und snappen muss. Weil es spannend ist und unterhaltsam und neu. Ich lasse das Telefon liegen und esse mich freudig durch den Berg an frittierten, aufgespießten und eingelegten Späßen. Keiner, der nicht am Tisch gesessen ist, wird je von diesem Essen wissen, und das ist wirklich okay.

Neue Kanäle wie Instagram-Stories wollen mich immer wieder in Versuchung bringen. Und das, obwohl ich mich schon zweimal dazu entschieden habe, aus dem Hamsterrad der Realtime-Dokumentation auszusteigen. Das erste Mal vor drei Jahren, als ich meinen Personal Blog aufgab. Auch wenn das recht dilettantisch aufgezogene Freizeitprojekt keine besonders hohen Qualitäts-Standards setzte – meine Kamera hatte ich immer dabei. In dem Wissen, etwas Interessantes erleben oder anziehen zu müssen. Nur das mit dem Erleben gestaltet sich nun mal schwierig, wenn man, statt an einem Ort zu sein, nur hinter seiner Kamera ist. In dem Versuch, es so aussehen zu lassen, als hätte ich so richtig was erlebt. Nach einer Weile war ich gestresst, müde und unendlich genervt davon, nie einfach nur da zu sein. Tschau Blog.

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Der zweite Ausstieg war, als ich vor einem Jahr entschied, meinen Alltag nicht länger in „Echtzeit“ auf Instagram zu zeigen. Ich wollte nicht, dass Menschen mir folgen, weil es aussieht, als wäre ich auf den tollsten Parties unterwegs oder würde ein hippes Jetsetleben leben. Ich wollte, dass sie mir folgen, weil sie meine Arbeit gut finden und meine Freude an Fotografie, Kunst, Design, Mode und Popkultur teilen. Ich verbannte die typischen „Ich war da“-Momentaufnahmen aus meinem Feed und kuratiere seither eine mühevoll zusammengestellte Bildgalerie aus meinen Arbeiten, Bildern aus INDIE und Material Girl, ein paar Portraits von mir und den Dingen, die meinen Augen Freude machen.

Mein Leben nicht komplett übers Internet zu verstreuen, fällt mir aber nicht leicht. Weil es doch auch so super ist, Erlebnisse und Entdeckungen mit Freunden, aber auch Fremden zu teilen. Und gerade auf Reisen bin ich oft versucht, Snapchat oder Instagram Stories mitlaufen zu lassen und alle meine Follower mitzunehmen. Aber ich weiß auch, dass diese Bilder in 24 Stunden aus ihrem Feed verschwinden, und wenn ich selbst nicht richtig hingeschaut, sondern nur hingefilmt habe, sind diese Kopf-Bilder auch für mich für immer verloren.

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Für viele mag das anders sein, denn so etwas wie „richtiges“ und „falsches“ Erleben gibt es nicht. Und auch die Grenzen zwischen „echtem“ und „gestelltem“ Erleben verschwimmen zusehends. Wer sein Leben durch Snapchat betrachtet, knüpft seine eigenen Bilder und Erinnerungen und erlebt vielleicht viel intensiver, weil er teilen kann. Ich aber, ich bin gern ein wenig knauserig mit meinen Momenten. Richtig altmodisch. So wie in manchen Kulturen, in denen speziell ältere Menschen sich bis heute nicht gerne fotografieren lassen, weil sie denken, ein Teil ihrer Seele würde ihnen dadurch genommen und für immer im Bild gefangen werden. Manchmal ist es für mich das Gleiche mit der Seele von Momenten; wenn jemand mal wieder sein Handy draufhält, ohne selbst richtig hinzuschauen.

In einem Beruf, in dem das Produzieren und inszenieren von Bildern allgegenwärtig ist und uns in die privatesten Winkel unseres Lebens begleitet, ist es für mich eben manchmal der ultimative Luxus, kein Bild machen zu müssen.

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Alle Bilder: INDIE Magazine