Wenn es im 20. Jahrhundert um Jugendkulturen ging, kam man um den Begriff “Subkulturen” nicht herum. Bereits 1979 beschrieb der englische Kulturwissenschaftler Dick Hebdige in seinem nicht nur für die Kulturwissenschaften relevanten Buch Subculture – The Meaning Of Style diese Szenen. Gerade im England der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war die subkulturelle Landschaft sehr divers: Teds, Mods, Punks und Popper machten ihr eigenes Ding; ästhetisch, politisch und musikalisch. Es ging gegen die Elterngeneration, gegen das Establishment, gegen andere Subkulturen, gegen den Mainstream oder manchmal auch einfach gegen alles. Das Prinzip schaffte Gruppenzugehörigkeit, Identifikation, ein stilistisches und kreatives Umfeld, in dem man sich verwirklichen und weiterentwickeln konnte.

Musik war das wichtigste Vehikel und Medium für die Jugend. Der Mainstream der Popkultur hat sich ergo schon immer bei diesen Subkulturen bedient. Das war auch schon beim Rock ’n’ Roll in den 1950ern nicht anders. Bis in die späten 90er schafften es Szenen oder Genres wie Techno, HipHop, TripHop, Drum and Bass und zahlreiche Spielarten des Metal aus dem Untergrund an die gesellschaftliche und breitenwirksame Oberfläche. Seit rund zehn Jahren aber suchen nicht nur Musikwissenschaftler nach den Pop-Subkulturen des 21. Jahrhunderts. Die von Hebdige beschriebenen Wirkungsmechanismen scheinen im Jahr 2016 keine Bedeutung mehr zu haben. Oder anders ausgedrückt: Es ist nicht mehr so einfach, stilistische Oppositionen auszumachen. Der Kulturpessimist Hebdige beanstandet außerdem: Wo bleibt die neue Rave-Bewegung, wie es sie in den 90ern gab?
Was ist mit Punk passiert? Wo ist der Protest, die Teenage-Angst, das Wilde, die Rebellion? Wieso sehen Hipster von heute genau so aus wie ich noch als junger Teenager?

Abgrenzung durch Musik ist passé

Junge Menschen haben es heute nicht leicht. „Generation Angepasst“, „Generation Langweilig“, „Generation Mainstream“ – so wird die vermeintlich brave, gleichgeschaltete, uninspirierte Jugend beschrieben. In diesen Kanon steigen Poptheoretiker genauso ein wie die alljährlich erscheinende Jugendstudie von Shell. Und in der Tat: Radikale, neue Jugendkulturen, wie man sie noch vom HipHop, Hardcore oder Punk kennt, sind rar geworden. Aber heute ist es in Zeiten des Internets auch nicht mehr notwendig, das knappe Taschengeld in teure CDs oder andere Medien zu investieren. Musste sich ein Teenager in den 80ern oder 90ern noch entscheiden, ob er sich eher als Goth oder Grunger „fühlt“, geht es beim heutigen Medienkonsum eher ums Filtern als ums Auswählen; Kuration verdrängt Dedikation. Alles passt irgendwie zusammen, ergänzt sich mitunter sogar. Und überhaupt: Musik ist für die soziale Individuierung auch gar nicht mehr so wichtig.

 

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Die informative Komplexität der Gegenwart lässt durch die Vernetzung im Netz andere Parameter wichtiger werden als die Identifikation mit einer klar definierten Subkultur. Sampling, Mashup, Bricolage sind Kulturtechniken, die heute selbstverständlich sind – vor allem für Menschen, die nie ein Offline-Leben kennengelernt haben. Kann ein heute 30-Jähriger noch unterscheiden zwischen „vernetzt“ und „nicht vernetzt“, dürfte es schwer sein, einer 18-Jährigen zu erklären, was ein Leben ohne Internetverbindung bedeutet. Ähnlich wie Großeltern einem erzählen, wie sie in ihrer Kindheit ein Leben ohne Strom oder fließend Wasser geführt haben: Man hat unter Umständen eine Ahnung, aber wirklich erlebt haben das wohl heutzutage die allerwenigsten.

Die  „Immer-Online“-Generation beweist ihren wahren Vorsprung im Konsum und Umgang mit Medien. Während teuer bezahlte „Social-Media-Experten“ Strategien für soziale Medien entwickeln, aber doch nie wissen, was sie da tun, macht das die Jugend von heute ganz intuitiv, auch weil sie es nie anders kennengelernt hat. Geld verdienen mit YouTube? Mehrere Millionen Follower innerhalb kürzester Zeit gewinnen? Bekannt werden mit Instagram? Alles selbstverständlich. Und spätestens wenn es wieder heißen sollte: „Das versteh ich nicht. Dafür bin ich zu alt!“, sollte man daran denken, wie noch die eigenen Eltern den Kopf schüttelten, als man vor der Nintendo-Konsole hing, harte Musik hörte und dieselben Worte mit Sicherheit auch damals schon gefallen sind. Und wer weiß, der nächste Johnny Rotten, Mark Zuckerberg oder Kanye West baut sich vielleicht gerade jetzt auf Snapchat seine Weltkarriere auf. Genau da, wo die Alten und Ignoranten nicht sind. All jene, die sowieso nicht wissen, was die Jugend von heute wirklich interessiert.

Text: Ji-Hun Kim
Bilder: Benedikt Bentler