So schnell kann es gehen. Vergangenes Wochenende saß ich noch bei einer Freundin in der Küche, die Musik lief nebenbei aus dem Computer. Da ich bekanntermaßen stets daran interessiert bin, WIE die Leute Musik konsumieren, war ich umso mehr überrascht, dass ihre Wahl auf YouTube fiel und dort eine Playlist durchlief. Natürlich wurden immer mal Songs geskippt, wenn der aggressive Sperr-Smiley kam, der für den seit 2009 andauernden Streit zwischen GEMA und YouTube steht. Aber irgendwie haben wir uns schon längst daran gewöhnt, dass man ein bisschen Glück braucht und oft zig inoffizielle Video-Rips mit schlechtem Ton bekommt (jede YouTube-gesteuerte WG-Party kann ein Lied davon singen … oder halt nicht). Und in Sachen komfortables Handling hatte man gegenüber Spotify und Co als Musikliebhaber eh das Nachsehen.

Social Media Music Streaming

Doch nun soll tatsächlich alles anders werden. Der Status quo hat sich geändert, YouTube und GEMA haben sich geeinigt. Rückwirkend für die letzten sieben Jahren sollen Gelder gezahlt werden, zukünftig sowieso. Über die Millionen-Summen kann man an dieser Stelle nur spekulieren, genauso wie über Details des Deals, die natürlich vorerst geheim bleiben. Doch eines steht bereits fest: Diese Entscheidung ist ein überfälliges Erdbeben, welches den deutschen Markt im Bereich Musikstreaming sicher noch einmal ordentlich aufrütteln wird. Die Selbstverständlichkeit, YouTube als Streaminganbieter für Musik zu nutzen, wird sich internationalen Gepflogenheiten anpassen müssen. Gerade weil YouTube im Gegensatz zu Spotify, Apple Music und Co den Vorteil hat, ein wirklich soziales Medium zu sein, welches zum Austauschen, Kommentieren und so weiter anregt.

Im deutschen Hiphop-Segment funktioniert das schon sehr gut, auch weil in den letzten Jahren – vor allem im Major-Label-Sektor – allerhand Sonderdeals zwischen Google (aka YouTube-Besitzer) und den Big Playern ausgehandelt wurden, damit wir ja nicht auf das neue Taylor-Swift-Video verzichten müssen. Vevo als Gegenplattform zum Beispiel gehört ja ausschließlich den Majors. Neue Formate, kreative Entfaltungsmöglichkeiten und Interaktion über alle Genres hinweg können nun stattfinden, auch im Indie-Sektor. Und als jemand, der einen internationalen Musikblog von deutschem Boden aus steuert, muss ich mich nicht mehr mit diversen YouTube-Unblockern oder territorial begrenzten Kanälen herumschlagen, die zwar in Deutschland funktionieren, aber beispielsweise nicht in Spanien. Allein diese Arbeitsentlastung entlockt mir ein dickes Grinsen.

YouTube_Sperre
R.I.P Sperrtafel 2009 – 2016

Monopol in Reichweite

Natürlich ist die Einigung vermutlich der Todesstoß für die unzähligen Videoanbieter der letzten Jahre, die ihr Geschäftsmodell ausschließlich auf den Streit mit der GEMA aufgebaut haben. Vevo als Major-Label-Gegentwurf ist eh ein Thema für sich, für Dailymotion, Clipfish oder tape.tv gehen wohl längerfristig die Lichter aus oder könnt ihr irgendein interessantes Dailymotion-Format benennen? Also, ich kann es nicht. Dass die Einigung irgendwann kommen müsste war unvermeidlich, also wäre ein Geschäftsplan B gar nicht mal so schlecht gewesen.

Man kann der GEMA viel vorwerfen, vor allem unflexible und gestrige Denkweise, die aktuellen Entwicklungen chronisch hinterherhinkt, aber diese Hartnäckigkeit verdient Applaus. Google scheffelt Milliarden durch den Content anderer, hat ein ganzes Imperium auf Grundlange dieses Prinzips aufgebaut. Etwas abgeben an die Content Creator? Nee, bloß nicht. Und wer aufmuckt, kann schön sehen wo er im Ranking bleibt. Es ist eine ethische Selbstverständlichkeit, dass die Künstler etwas abbekommen, wenngleich man natürlich vorsichtshalber auch über diese Verteilung noch streiten kann und soll. Dies ist ein guter und wichtiger Tag für die Künstler, vor allem ist er aber wahnsinnig überfällig; ungeachtet dessen welche Seite nun am Ende Recht hat.