Neulich war ich in Kiew. Gelockt wurde ich von der Underground-Techno-Kultur, aufstrebenden Designern, Revolutionsnachwehen – und ganz besonders der Euthanasia Crew, die ich für unsere kommende INDIE-Ausgabe treffen wollte. Rund um Gründer Slava Kononov sammeln sich in einem kleinen Studio mitten in der Stadt insgesamt zwölf Mitglieder; alle Tätowierer, DJs, Sprayer, Künstler. Sie haben sich zusammengetan, um die Avantgarde der ukrainischen Subkultur zu bilden, einen Grundstein für die kreative Entwicklung der nächsten Generation zu legen. „Progressive Future“ ist ihr Slogan. Lesya ist eine von ihnen.

Die 19-Jährige fing vor zweieinhalb Jahren an mit dem Tätowieren. Ihr Ex-Freund schenkte ihr zum Geburtstag die Ausrüstung und veränderte gleichzeitig ihr Leben. So prätentiös das klingen mag, so viel Wahrheit und Leidenschaft steckt in dieser Aussage: Lesya hatte eine Aufgabe, eine Perspektive gefunden. Noch in der Schule fing sie an, sich selbst und Freunde zu tätowieren. Hand Poke, also handgestochene Tattoos, sind ihr Ding. Als ihre Mutter ihr erstes Tattoo, zwei boxende Katzen, auf ihrem Bauch sah, war sie nicht wirklich erfreut. Tattoos sind in der Ukraine noch immer mit vielen Vorurteilen behaftet. Heute unterstützt sie ihre Tochter, etwas anderes blieb ihr auch nicht wirklich übrig, so enthusiastisch übte Lesya ihr Handwerk aus. Das lohnte sich. Bereits sechs Monate später lernte sie Slava kennen, der sie in seinem damaligen Studio tätowieren ließ und ihr Talent förderte. Heute sind ihre handgestochenen Motive qualitativ kaum von jenen zu unterscheiden, die mit einer Tattoo-Maschine gemacht wurden. Saubere, gerade Linien, flächendeckendes Ausfüllen, alles schwarz, alles im hohen Tempo.

Ihre Flash-Tattoos, also einmalig gefertigte Bilder, öffnen die Tür zu Lesyas eigenen Emotionen, Interessen, öffnen eine Welt voller Melancholie, naiver Schönheit, Frauenzeichnungen und Popkultur. Für einige ihrer neusten Kreationen ließ sie sich vom Film Léon der Profi und Radioheads Album A Moon Shaped Pool inspirieren. Thom Yorke ist ihr Held. Ein Bild aus letzterer Reihe, ein abstrakt dargestellter fallender Mensch, gefiel mir so gut, dass ich ihn mir in Kiew stechen ließ. Besonders schön war Lesyas Erklärung dazu: „Ich mag es zu fallen. Nicht körperlich, sondern mental.“