Vielleicht rührt das alles noch aus meiner Schulzeit. Bereits damals war Mathematik weit entfernt davon, mein Lieblingsfach zu werden. Es gab Nachhilfe, um der Versetzungsgefährdung entgegenzuwirken, doch am Ende waren nur schlappe 3 Punkte im Abi. Nein, wenn ich eine gewisse Begeisterung für numerisches Denken entwickelt hätte, wäre ich wohl so rational und clever gewesen, dass ich direkt BWL studiert hätte und nicht im prekären Kreativsektor gelandet wäre. Gut, jetzt hab ich den Salat. Meine Mathematikschwäche ist etwas besser geworden, auch wenn ich mich immer noch bei einfachsten Additionsaufgaben dabei ertappe, wie ich zur Taschenrechner-App greife.

Nun verhält es sich allerdings so, dass es ganz ohne Zahlen im Bereich des digitalen Arbeitens gar nicht geht. Die Blogosphäre hat sich zu einen Hort von Messwerten, Klickzahlen, Page Impressions und Social-Media-Reichweiten entwickelt; gerade und vor allem, weil es hier für viele ums Existenzielle geht. Mich persönlich nervt das allerdings gehörig. Dabei stört mich weniger das Analysieren redaktioneller Inhalte hinsichtlich ihrer Beliebtheit. Ich bin kein Fantast und weiß als Leiter eines Blogs natürlich, dass ich es überblicken muss, welche Themen gut laufen und welche nicht. Was mich stört, ist dieses einseitige Abhängigkeitsverhältnis, das sich in alle Bereiche eingeschlichen hat. Denn allzu oft wird vorher überlegt und prognostiziert, wie eine Thema laufen muss, bevor es in Auftrag gegeben wird.

„Lief das beim letzten Mal gut? Machen wir in jedem Fall noch mal, auch wenn wir nix Neues haben.“

„Der Leser klickt wie blöde auf ein Thema? Dann schütten wir den richtig damit zu.“

Solche Denkweisen haben auch dafür gesorgt, dass wir gefühlt aller 5 Stunden im Sommer 2016 eine Böhmermann-Schmähgedicht-Push-Benachrichtigung bekommen haben, die allgemeine Terror-Hysterie immer weiter geschürt wird und selbst seriöse Medien das Brangelina-Thema unbedingt analysieren mussten. Es ist ein ökonomischer Konkurrenzkampf, an dessen Ende immer irgendwo jemand schaut, dass auch die Klickzahlen stets richtig hoch sind. Dass das längerfristig jeden Journalismus – egal in welcher Größenordnung – zerstört, hat John Oliver hier schon mal kompakt zusammengefasst.

Vielleicht wird diese Antipathie für das übermäßig Analytische auch durch mein Wirken in einer eigentlich auf Kreativität ausgelegten Musikindustrie verstärkt. Auch hier führt die Digitalisierung zu stetigem Erfolgsdruck, in dem sich unzählige PR-Leute und Label-Gestalten versuchen, aus dem musikalischen Mittelmaß zu erheben, indem sie mit Zahlen um sich werfen. „Über 1 Million Spotify-Plays“, „schon 420 000 mal bei YouTube angeklickt“ und am besten noch Platz 3 der Shazam-Charts. Was gern übersehen wird, ist die Tatsache, dass du mit Geld eigentlich alles kaufen kannst, auch Klicks und Plays bei den Musikplattformen. Manipulation ist ein offenes Geheimnis. Da wirken übereuphorische Aussagen auf einmal wie hohle Phrasen. Das gab es aber schon immer, nur hat man in den 90ern noch den Praktikanten zu Media Markt geschickt, um schnell noch hundert Maxi-CDs zu kaufen, damit es in den Charts nach oben geht. Und überhaupt: Charts – wann waren die denn zuletzt ein Garant für Qualität?

Mit Risikobereitschaft gegen Bedürfnisbefriedigung

Musik ist am Ende immer noch ein Gefühlsding, selbst wenn zig Marketing-Menschen dir suggerieren wollen, dass man dieses Gefühl über Kampagnenplanung auch auf jeden Fall künstlich kreieren kann. Fakt ist: Wenn du generischen Dance-Pop machst, der nicht auf gutem Songwriting fußt, dann wird aus der Scheiße zumindest in meinen Augen und Ohren auch kein Gold mehr. In gewisser Weise habe ich diese Denkweise auch für NOTHING BUT HOPE AND PASSION und andere Projekte, an denen ich arbeite, übernommen. Mir ist natürlich vollkommen klar, dass ich oft auch auf Zahlen achten muss. Um Bands einzuordnen und um vielleicht doch mal auf einen Song zu klicken. Oder um zu schauen, welche Ideen im Bereich Social Media funktionieren und welche nicht. Alles schön und gut, aber Überhand sollten sie nicht gewinnen. Wenn ich das machen würde, gäbe es bei uns keine Interviews, Empfehlungen für kleine Bands oder einen Artikel über die Kreativszene in Teheran mehr, sondern nur noch seelenlose Advertorials oder belanglosen Gossip-Kram.

Man muss der Versuchung widerstehen, alles zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen. Da spricht der alte Punk und Idealist aus mir. Ein Teil von Kreativität besteht darin, auch mal Unüberlegtes und Unorthodoxes zu bringen, sich dafür einzusetzen und vielleicht auch mal damit zu scheitern. Und ich freue mich viel lieber, eine talentierte kleine Band mit 524 Facebook-Freunden und 869 SoundCloud-Plays zu entdecken, als irgendeinem künstlich aufgebauten Mainstream-Hype hinterherzurennen. Indem wir ständig den Leuten alles geben, was sie wollen, und nur meinungsstärkende „Bestätigungsbloggerei“ betreiben, regen wir ja auch nicht zum Diskurs und damit zur Veränderung an.

Vielleicht sollten wir einfach mehr auf unser Bauchgefühl hören und nicht immer nur auf die Marketingabteilung. Und davon muss auch die Industrie überzeugt werden. Das ist nervig, langwierig und nicht gut fürs monatliche Einkommen, aber es gibt noch viel schlimmere Probleme in der Welt, oder? Falls ihr auf diesen Artikel geklickt habt und bis zu diesem Punkt gekommen seid: Vielen Dank, dass ihr der Absprungrate getrotzt habt und die Klickzahlen nach oben getrieben habt. Aber denkt nicht, dass mir das wichtig wäre.

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