Das kommt wohl mit dem Alter. Denn früher oder später wird alles zu „früher war alles besser“.

Als ich damals mit 19 mein Dorf verließ, um Berlin zu erkunden, war zum Beispiel gerade der Club Rio angesagt. Davon hatte ich damals allerdings keine Ahnung. Denn statt mit der hippen Szene Berlins zu tanzen, irrte ich durch Friedrichshainer Bars – die schon damals kaum auszuhalten waren – noch viele Jahre bevor dort Trupps von Cocktails schlürfenden Marzahnern einmarschierten. Erst später entdeckte ich das Nachtleben in der Villa – einer leer stehenden Brauerei, in der Partys, Kunst-Ausstellungen und Konzerte veranstaltet wurden.

IMG_3784

Zur gleichen Zeit, ähnliches Prinzip, anderer Ort, gab es das Scala in Berlin-Mitte, ein leerstehendes Gebäude, das – unter der Herrschaft von Conny Opper, der damals so etwas wie der „King of Berlin Nightlife“ war – (an der Grenze zu Legalität) für Partys genutzt wurde. Das Nachtleben war vom Chaotismus geprägt; es gab wenig bis gar keine Regeln, keine Ordnung. Was entstand, entstand in vielen Fällen organisch, aus der Not heraus. Barmodule, Stühle, Tische, Dekoration – da wurde nicht auf Pinterest oder Tumbler nach Deko-Tipps geschaut und dreist kopiert. Alles war original. Pures Gedankengut der Berliner Suffköppe.

IMG_2558

Es schien wie ein nicht enden wollender Prozess. Hinzu kam, dass viele der damaligen Locations von der Schließung bedroht waren, wie die zuvor genannten Clubs Scala und Villa, damit wurde gespielt, echte Dramen erzeugt. So kam Leidenschaft in das Nachtleben.

IMG_6759

Meister in dem Genre war die legendäre Bar25, dort wurden unendlich viele „Good bye 4 ever“-Partys gefeiert. Irgendwann war es dann leider Gottes soweit: Die Bar war tot. Doch die zahlreichen Party-Touristen wollten weiter feiern wie damals, in der Bar25. Also gab man ihnen, was sie wollten: Kater Holzig, Kater Blau, Chalet, Sisyphos. Der Stillstand des Nachtlebens, das Ende des Originals. Allesamt einfallslose, schlechte Kopien vom Modell „Bar25“: überall Holzbretterbuden, Gärten, inszenierte „Berlin Craziness“ und „Berlin-Techno- Hippie“-Klischees. Doch Berlin hatte sein Erfolgsmodell gefunden und blieb dabei.

IMG_7963

Der Kommerz hatte gesiegt, von innen heraus, ausgerechnet gesteuert von den Machern der Clubs, die es doch eigentlich zu beschützen galt. Selbst vergleichsweise neue Bars mit originellen Locations wie der Klunkerkranich, einer Rooftop-Bar, die auf einem Parkhaus eines Einkauszentrum thront, üben sich in der Wiederholung: selbst angebautes Gemüse, selbst zusammengezimmerte Holzbuden und, wirklich war, feuerspuckende Männer. GÄHN!

IMG_5970

Das gute Internet, Sauerstoff zum Atmen für uns Blogger, führt leider dazu, dass solche Location einem Dauer-Hype ausgesetzt sind. Unendliche Schlangen an Touris sind vorprogrammiert – der totale Abfuck.

Tragisch, denn da wäre so viel mehr möglich, zum Beispiel: etwas Neues. Doch, um hier mal einzulenken: Natürlich ist nicht alles schlecht, was aktuell passiert. Bin ja kein rückwärtsgewandtes Arschloch, daher lieber hier noch schnell die Kurve kriegen. Denn gerade im Sektor „Partys“ (nicht Lokalitäten) kommt aktuell wieder Bewegung auf.

IMG_6760

Gutes Beispiel hierfür: die TRADE Partys. Neue, extrem gute Musik und spannende Crowd. Schaut mal vorbei und tut so, als hättet ihr es irgendwo aufschnappt, nur nicht im Internet.

 Text: David Kurt Karl Roth von Dandy Diary

Fotos: Frank R. Schröder von iHeartBerlin