Es ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch offiziell: Berlin ist die Stadt mit dem größten Spaßfaktor weltweit. Vergangenes Jahr hat das Start-up GetYourGuide und GoEuro aus Berlin diesen Titel verliehen. Die Portale haben 1830 Städte bewertet und Berlin zum Sieger gekürt. Wir Berliner wissen das schon lange und leben auch oder genau deshalb so gerne hier. Denn Berlin ist Spaß pur – zumindest wenn Spaß mit Trinken und Feiern gleichgesetzt wird.

Hier ist Berlin die unangefochtene Nummer eins: Mit einem durchschnittlichen Bierpreis von nur 0,82 Euro lässt es London (2,13 Euro) und Paris (1,36 Euro) weit hinter sich. Es gibt keine Sperrstunde, unzählige Clubs, zahlreiche Konzerte, die erotische Unterhaltung ist groß und shoppen kann man in der größten Stadt Deutschlands auch ganz gut. Deshalb boomt Berlin als Touristenmagnet. Zwar liegt die Zahl der Übernachtungen noch hinter Paris und London, aber das Wachstum um 8,2 Prozent mit fast 27 Millionen Besuchern pro Jahr schlägt laut der Standortforschung European Cities Marketing alle vergleichbaren Städte in Europa, sogar Istanbul und Rom.

Start-ups, Freelancer und hohe Mieten

Doch nicht nur Touristen, sondern auch Menschen, die in Berlin arbeiten und leben, scheinen durch ihre Arbeitsbedingungen Zeit zum Vergnügen zu haben. Keine europäische Großstadt hat so viele Freelancer wie Berlin. Laut dem Freelancer-Portal twago.de kommt die deutsche Metropole noch vor Madrid und Barcelona. Und wer in Berlin nicht Freelancer ist, arbeitet  dann wohl in einem Start-up, könnte man meinen. 2015 ist Berlin definitiv zur europäischen Start-up-Hauptstadt aufgestiegen und hat London hinter sich gelassen. Laut der Unternehmensberatung Ernst & Young flossen 2,1 Milliarden Euro von Investoren in 183 Firmen in Berlin. Wohl auch wegen den zahlreichen Startups gibt in Berlin eine hohe Anzahl von Chefinnen. Mit 24 Prozent ist der Anteil an Frauen in Führungspositionen in Berlin führend, so eine Studie der Wirtschaftsauskunftei Bürgel. Obwohl mehr Start-ups und viele Chefinnen, die hoffentlich auch ein entsprechendes Salär erhalten, in der Hauptstadt angesiedelt sind, klagen die Berliner gerne über Geld.

Besucher belächeln hingegen gerne die Mietpreise in Berlin. Dabei liegen sie so falsch wie noch nie zuvor. Berlin ist bei den Mieten in die Top 10 der teuersten Städte Deutschlands aufgestiegen! Gemessen an ihrem Einkommen müssen die Berliner laut dem sogenannten Erschwinglichkeitsindex von Immobilienscout24 mehr als einen Fünftel ihrer Kaufkraft für die Miete ausgeben.

berlin ganz oben sex drugs

War ja klar: Sex & Drugs und Techno

Wenn aber schon die Preise steigen, soll man das Leben wenigstens genießen: Berliner haben – ganz dem Klischee entsprechend – bei Genuss und Rausch die Nase vorn. Das bedeutet nicht, dass sie die meisten Drogen in die Nase ziehen. Berliner rauchen auch gerne: Mit 35 Prozent bei Männern und 24 Prozent bei Frauen ist der Anteil der Raucher bundesweit am dritthöchsten. Gras mögen die Berliner noch lieber und sind bei diesem Rauschmittel Spitzenreiter. Nirgendwo gibt es mehr Gras-Konsum als in der “Kifferhauptstadt”. Aus einer Studie von 2014 geht hervor, dass zwei Drittel der Berliner bereits Cannabis konsumiert haben. Jeder dritte Konsument kifft täglich.

Nicht gerade täglich, aber auch ganz schön oft treiben es die Berliner miteinander: 114 Mal Sex pro Jahr haben sie laut dem Kondomhersteller Durex. Damit landen sie bundesweit auf dem dritten Rang. Im Durchschnitt haben die Deutschen nur 104 Mal pro Jahr Sex. Kein Wunder bei all den jungen Singles aus der ganzen Welt, die in Berlin aufeinandertreffen. Zwar leben tatsächlich viele Singles in Berlin, aber entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht die meisten in Deutschland. Die Single-Stadt Nummer Eins ist München! Dort leben laut einer repräsentativen Umfrage von Parship 28,8 Prozent aller 18-bis 59-jährigen Menschen ohne Beziehung. In Berlin sind es mit 28,4 Prozent aber nicht viel weniger. Obwohl also nicht alle Berliner Single sind, toben sich die Hauptstädter gerne aus: 44 Prozent der Berliner hatten schon One-Night-Stands, 40 Prozent von ihnen mehr als zehn Sexpartner. Die zahlreichen Clubs, Saunas, Darkrooms und Pornokinos der Millionenmetropole laden täglich zum ausschweifenden Sex ein. Obwohl der bekannteste Club von Berlin, das Berghain, weltweit mittlerweile auf Platz 16 der besten Club der Welt abgerutscht ist.

Mit Tinder kommt der Tripper

Doch nicht nur Partys und Swingerclubs beflügeln die sexuelle Grenzenlosigkeit. Der Erfolg von Tinder und anderer Online-Datingportale führt zu schnellerem Kennenlernen und damit rascher zu Geschlechtsverkehr. Die Casual-Datingplattform secret.de hat erst kürzlich eine Umfrage veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass 45 Prozent der Frauen, die bei Datingportalen angemeldet sind, bereits beim ersten Treffen mit dem Partner in die Kiste steigen.

Lust und Rausch bringen Kehrseiten mit sich. Nirgendwo in Deutschland infizieren sich mehr Menschen mit Syphilis als in Berlin. Laut dem Berliner Robert-Koch-Institut haben die Infektionen 2015 einen neuen Höchststand erreicht. Die Anzahl der Sexpartner, die sexuelle Orientierung (neue Schlagwörter wie “pansexual” oder “heteroflexible” kommen auf) sowie psychosoziale Faktoren beeinflussen die Übertragung von Geschlechtskrankheiten. Wie Dr. Osama Hamouda vom Robert-Koch-Institut gegenüber Die Welt sagt: “Onlinedatingportale haben unser Sexualverhalten verändert. Dazu beeinflussen Drogengebrauch und Alkohol das Schutzverhalten”.

Vegan ist ein Trend – vor allem bei den Medien

Wenn sich die Berliner durch ihren Lifestyle schon nicht um sich selbst sorgen, dann immerhin um Tier und Umwelt. Veganes Essen boomt in der Hauptstadt wie fast nirgendwo sonst. Vegane Restaurants und Shops schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch ganz so vegan, wie man glaubt, geht es in Berlin nicht zu. Der Döner ist beliebt nach dem Feiern, nach einem misslungenen Date, langen Arbeitstagen im Start-up oder beim Sparen für die nächste Miete. Und so gibt es in Berlin insgesamt mehr Dönerbuden als in Istanbul.

Wahrscheinlich gibt es noch mehr Statistiken, in denen Berlin führend ist, sei das nun positiv oder negativ. Was letztlich zählt, ist das Lebensgefühl der Berliner – und das lässt sich nicht in Zahlen wiedergeben.

Alle Bilder: Andy Kassier