Egal ob Langeweile in der U-Bahn, das Gefühl von Einsamkeit, wenn du in deinem Bett liegst und nicht weißt, was du mit dir anfangen sollst oder diese innere Unruhe, die dich überkommt, weil du vor irgendetwas Angst hast oder dich unsicher fühlst. Der Griff zum Handy ist deine Rettung. Die Facebook-Timeline ist deine Parallelwelt, in der das, was du an unangenehmen Emotionen fühlst, erst einmal nicht spürbar ist. Und dein Instagram-Feed die willkommene Dosis digitalen Baldrians, der dir mit schönen Bildern die Unruhe wegzaubert.

Ich spreche nun nicht von den Situationen, in denen du in der digitalen Welt produktiv unterwegs bist. Wenn du sie nutzt, um dich mitzuteilen, um zu kreieren, ja deiner Kreativität Ausdruck zu verleihen, dich zu vernetzen, dich zu informieren, ja dein digitales Selbst im Hier und Jetzt zielgerichtet zu verwirklichen.

Ich spreche bewusst von jenen Situationen, in denen du deine WhatsApp-Messages innerhalb von fünf Minuten zwanzig Mal checkst und du immer und immer wieder die gleiche Facebook-Timeline runterscrollst auf der Suche nach Ablenkung, Stimulation, Anerkennung und Aufmerksamkeit, die in der Realität deiner Gefühlswelt momentan nicht zu finden sind. Ich spreche bewusst von jenen Situationen, in denen du versuchst, eine innere Leere durch digitale Stimulation zu füllen. Und in denen du dich bewusst dafür entscheidest, dich nicht zu spüren.

Weil mein persönlicher Freiheitsbegriff sich an der Fähigkeit orientiert, sich zu fühlen, meinen Emotionen Raum zu gewähren und den Blick nach Innen zu richten, fühle ich mich im digitalen Rausch oft wie in einem Kerker. Einem Kerker, in den ich mich selbst einsperre, und mich so immer wieder für die Ablenkung und gegen das Hier und Jetzt entscheide.

Und du? Wie sehr steckst du in diesem digitalen Kerker? Wie stark ist dein innerer Drang, doch wieder zum Smartphone zu greifen, obwohl du eigentlich viel lieber den Spaziergang in der Natur genießen würdest? Wie fühlt es sich für dich an, einen Tag lang offline verbringen – ohne die Möglichkeit der ständigen Kontaktaufnahme, ohne die Möglichkeit der ständigen Ablenkung, ohne das Gefühl irgendwie wichtig zu sein und deshalb erreichbar sein zu müssen? Und wie panisch wirst du, wenn der Akku sich dem Ende naht und weit und breit kein Ladegerät zu finden ist?

Die Wahrheit ist: Der einzige, der wirklich erheblich unter deinem Offline-Modus leidet, bist du selbst. Weil du mit deinen Gefühlen auf einmal ganz alleine dastehst, ohne den digitalen Overload, mit dem du dich emotional betäuben kannst.

Der Großstadthipster redet momentan von Digital Detox – einem Entzug für Internet-Junkies, in dem wir von der digitalen Droge runterkommen. Digital Detox ist hipp und für den urbanen Großstädter mindestens einmal im Jahr ein Muss, weil „Back to the roots“ und Ursprünglichkeit im Trend liegen. Bei allem übertriebenen Hipster-Pathos, der diesen Begriff umgibt, ist das in der Tat ein guter Anfang.

Doch wenn wir lernen würden, einen achtsameren und bewussteren Umgang mit der digitalen Welt zu pflegen, bräuchten wir gar keinen Digital Detox. Weil wir dann auch keine Junkies wären, die sich immer und überall die volle Dröhnung Internet reinziehen. Und wieder ein authentisches Gespür dafür bekämen, wann wir die wundervollen Benefits einer digital vernetzten Welt wirklich nutzen möchten und wann sich offline einfach besser anfühlt. Des bei sich Ankommens wegen; der Erholungsphasen für unsere Wahrnehmungskanäle wegen; der Klarheit wegen, die uns im digitalen Rausch oft abhanden geht.

Wie wäre es, wenn: du dein Smartphone einfach mal zu Hause lässt, während du schöne Dinge mit Freunden machst? Wenn du mit dir selbst den Deal eingehen würdest, dass deine digitalen Geräte bei deinen Aufenthalten in der Natur absolut nichts zu suchen haben? Wenn du abends einfach öfters mal ein Buch lesen würdest, anstatt schon wieder vor Facebook rumzuhängen oder zu tindern? Wie wäre es: wenn du wirklich jedes Mal genau überlegen würdest, ob der Griff zum Handy auch wirklich Sinn macht?

Genau dann wird Digital Detox überflüssig. Deine Begegnungen werden verbundener. Das Erleben deiner Gefühle tiefer. Und du so viel freier.

Dein Ludwig

Headerbild: Ludwig Schwankl