Anfang 2016 war das Zeitalter des eindimensionalen Emotionslebens auf Social-Media-Plattformen endlich beendet. „Haten“ kann man zwar weiterhin nur per Kommentar, aber seit Februar können wir nicht mehr nur „liken“, sondern den Quatsch auf unserer Timeline auch “wowen”, “loven” oder “saden”.

Dieses Minijubiläum und der Ausklang des Jahres 2016 bieten uns den perfekten Zeitpunkt zum Testen der emotionalen Bandbreite, die uns die sechs neuen Emojis bieten.

Hier ist also der Rückblick auf die Musik des Jahres 2016 – sortiert nach den Facebook-Emojis:

likeAnderson .Paak – Malibu

Diesmal war sich die Tonspion-Redaktion schnell einig: Das Album des Jahres ist Malibu von Anderson .Paak.
Jazzig angehauchter R&B und funky Hiphop-Rhythmen treffen auf formidable Rap-Skills. Bester Mann der aktuellen amerikanischen Hiphop-Szene. Bester Mann zum heftigen Hämmern des blauen Daumens.

 

loveColdplay covern Viola Beach auf dem Glastonbury Festival

Es ist unglaublich, wie resistent Chris Martin und Co gegen jegliche Form der Hybris sind. Statt sich selbst als Headliner des legendären Glastonbury Festivals zu feiern, denken sie während ihres Auftritts zurück an ihre Anfänge als Band und treten für die Band Viola Beach ein Stück aus dem Rampenlicht. Die Mitglieder der britischen Nachwuchshoffnung waren im Februar während ihrer Tour tödlich verunglückt. Ein digitales Herz ist die einzig richtige Reaktion auf diese schöne Geste, ihr die Mainstage beim größten Festival Englands zu überlassen.

 

wowBon Ivers 22, A Million

Als Produzent von Kanye West und James Blake hat Bon Ivers Frontman Justin Vernon Popmusik in den letzten Jahren offiziell durchgespielt. Und weil ihm danach scheinbar langweilig war, machte er sich die Mühe, die Grenzen des Mainstreams noch ein wenig weiter zu dehnen: Mit Rückkopplungen, Störsignalen und dem kreativen Einsatz von Autotune zeigt er, dass es da eventuell doch noch mehr gibt als den faden Einheitsbrei, der uns zur Zeit überall um die Ohren fliegt.

 

sadDer Tod von David Bowie – und all den anderen …

Ach, das Jahr ging doch schon mies los. Im Januar verstarb David Bowie mit 69 an Krebs, direkt nach der Veröffentlichung seines letzten Albums Blackstar. Und wer hätte es gedacht: Die Liste der Grabsteine bedeutender Ikonen der Kunst wurde Monat für Monat – ja fast Woche für Woche – länger: Prince, Roger Cicero, Alan Rickman, Pete Burns, George Martin, Phife Dwag, Otis Clay, Manfred Krug, Leonard Cohen. Ich hör an dieser Stelle lieber auf, sonst ist der Anfang von 2017 auch direkt im Eimer.

 

angryKate Tempests Appell an die Menschheit

Mit ihrem musikalischen Zweitwerk trifft Kate Tempest das politische Herz der vergangenen zwölf Monate. Die Beats sind kalt und reduziert, die Lyrics klar, ihr Rap trocken und ungeschönt. Europe Is Lost heißt einer der 13 Tracks, der bereits Anfang des Jahres Brexit und Trump voraussagte. Und die Künstlerin gibt nicht auf; in ihrer Musik brennt das Feuer der Hoffnung – einer verzweifelten, wütenden Hoffnung.

 

hahaCarpool Karaoke – und zwar alle Folgen

Ob Wrestling mit Anthony Kiedis, Trällern mit Michelle Obama oder Twerking mit Madonna – ohne die absurden Gesangs- und Tanzeinlagen von James Corden und seiner stets überdrehten Beifahrer wäre 2016 noch schwieriger zu ertragen gewesen. Deswegen hier als Upper gegen all die Downer in politischen Jahresrückblicken die volle Dröhnung Carpool Karaoke als Playlist:

Headerbild: Bowie via Shutterstock

Text: Chris Umbach