Zu Schulzeiten hatte ich einen Klassenkameraden, der bereits mit 16 wusste, dass er Steuerberater werden wollte. Wenngleich diese Weitsicht sicher bemerkenswert war, so empfand ich dies damals schon als extrem befremdlich. 16 ist doch das Alter, in dem man gern noch von vollkommen utopischen Berufsbildern träumen darf, ja soll, ungeachtet dessen, dass mir das Konzept Arbeit damals noch viel zu abstrakt erschien (Spötter mögen sagen, daran hat sich wenig geändert). Ich meine mich zu erinnern, dass mein Klassenkamerad sein Ziel irgendwann erreicht hatte. Ich bin da irgendwie ein Stück weit von abgerückt, aber das ist okay so. Denn den Job, den ich gern mal ausüben wollte, gibt es in der Form nur noch viel zu selten und seine Zukunftsaussichten sind nicht gerade die besten.

Fangen wir mal damit an, dass es keinen spezifischen Morgen in meinem Leben gab, an dem ich aufgewacht bin und wusste: „Jawohl, ich werde Raketenwissenschaftler!“ Aber ich habe schon immer gern geschrieben und liebte Musik als universelle, Emotionen-verändernde Kraft, die die allgemein häufig fragwürdige menschliche Existenz etwas weniger fragwürdig macht. Es folgten die ersten Texte, gutes Feedback, der eigene Hobby-Blog, nach dem Studium das erste Praktikum bei einem etablierten Musikmedium und dann kurze Zeit später der Einstieg bei NOTHING BUT HOPE AND PASSION. Interviews, Plattenkritiken, pop-philosophische Abhandlungen und alles mögliche in dem Segment wurden von mir hundertfach verfasst. Nur reich bin ich damit nie geworden. Viel weniger noch: Zum Broterwerb hat es nie gereicht und inzwischen bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich schon gar nicht mehr damit rechne, dass dieser Job mein Leben irgendwann finanziert.

Keine Exklusivrechte mehr

Der durch die rapide Digitalisierung eingetretene allgemeine Werteverfall beziehungsweise Bedeutungsverlust in vielen Wirtschaftsbereichen hat die Musikindustrie vielleicht nicht am härtesten getroffen, aber in jedem Fall war diese Branche als eine der ersten betroffen. Das Nachrichtenwesen, Fernsehen und Filmbusiness können noch ein wenig auf Zeit spielen, aber sind unweigerlich als nächstes an der Reihe. Abseits von Verkaufs- und Veröffentlichungsstrategien und dem Konsumentenverhalten hat auch der Journalismus im Bereich Musik mehr als gelitten. Den etablierten Musikzeitschriften laufen die Leser*innen weg, immer mal geistert das Unwort „Insolvenz“ durch die Szene und auch die Hochphase der Musikblogs von vor sieben oder acht Jahren scheint vorbei. Es gibt aus ökonomischer Sicht kein Geld und auf Konsument*innenseite zu wenig Interesse, auch wenn das viele alteingesessene Verteidiger des Berufszweigs nicht wahrhaben wollen.

Vorbei die Zeiten der exklusiven Musikjournalist*innen-Elite, welche von den 70ern bis 90ern so prägend war für die musikalische Sozialisierung unzähliger Teenager. Auch ich kenne diese Zeiten nur aus magischen Erzählungen, oder „Almost Famous“. Damals, als man mit Künstler*innen mitreiste und zum Erstellen der exklusiven Reportagen noch ein gutes Spesenkonto hatte, als man tatsächlich Meinungsmacht besaß. Damals, als ein Hype im NME eine Band retten und ein Verriss sie vernichten konnte. Damals, als man noch luxuriös nach London eingeflogen wurde, um die neue Oasis-Platte viele Wochen vor Verkaufsstart zumindest einmal kurz anzuhören. Damals als man die Alben schon Monate vor allen anderen hatte, die erst Richtung Plattenladen laufen musste. Traumauflagen und zumindest ganz solide Gehälter: Diese Zeiten sind lange vorbei. Mit der Digitalisierung erfolgte die Demokratisierung, und die Macht wanderte seit dem Stück für Stück in die Hände von Künstler*innen und Konsument*innen. Der/ die Musikjournalist*innen im Jahr 2017 können maximal noch Empfehlungen aussprechen, rennen dabei aber häufig einfach nur immer kurzlebigeren Trends hinterher. Eine von Kindesbeinen an auf Social Media getrimmte Generationen scheint einem immer einen Schritt voraus zu sein. Inzwischen haben dies auch viele Künstler*innen verstanden und investieren lieber in ihre eigenen Kanäle, als in die Medienarbeit.

Those were the days ...
Those were the days …

Die Demokratisierung hat begonnen

2016 war das Jahr, in dem Überraschungs-Releases endgültig im Mainstream angekommen sind. Egal ob Beyoncé, Drake oder James Blake; ihre Platten kamen ohne Vorwarnung direkt in die Wohnzimmer jedes Fans. Streaming macht es möglich, sich selbst eine Meinung zu bilden. Alle Konsument*innen werden auf eine Stufe gestellt, oft rennt die Presse mit ihrer Meinung nur hinterher, während sich auf Social Media längst eine Eigendynamik entwickelt hat, die keine „Expert*innen“ braucht. Beyoncés Lemonade war hier sicher das Paradebeispiel. Gleiches gilt für investigative Interviews. Die ganz großen Stars haben es eh nicht mehr nötig. Und der Rest? Kommuniziert und inszeniert sich direkt über die eigenen Kanäle. Exklusive Reportagen und Einblicke braucht es nicht mehr, wenn Katy Perry uns bei Snapchat ihr Frühstück präsentiert. Und die, die wenig bis gar keine Einblicke geben wollen, wie Kanye West oder Frank Ocean, ziehen das einfach durch. Ein weiterer Faktor ist die Art und Weise, wie Menschen Musik konsumieren und auch untereinander verbreiten. Da wirken die alten Medienschlachtschiffe stellenweise nur noch behäbig. Mir persönlich erscheint es so, als ob die Involvierten (PR-Manager, Major Label-Dunstkreise und Journalisten) die einzigen sind, die hier noch Relevanz herbeireden müssen. Der „normale“ Musikfan agiert da inzwischen viel eigenständiger und verlässt sich bei Empfehlungen auch gern einmal auf den Algorithmus von YouTube- und Spotify-Empfehlungen.

Das heißt nicht, dass der Musikjournalismus vollkommen verschwinden wird. Soll er ja auch nicht. Kritischer Diskurs, historische Einordnung und Reflektion sind stets herzlich willkommen und notwendig, aber das ist im poststrukturalistischem Chaos inzwischen einfach noch mehr Nische, als es dies ohnehin schon war. Es ist die Funktion des Berufsfeldes, die sich ändert. Es gibt keine Exklusivrechte mehr (außer man darf mal im Whirpool mit Taylor Swift sitzen), man wird mehr zu Berater und Kurator, als zum obersten Richter und Hohepriester über das Wesen des Pop. Mit diesem Selbstverständnis können das Team von NBHAP und ich auch mit unserem Herzensprojekt weitermachen, wohlwissend, dass Veränderung nun mal dazugehört. Ich selber habe über die Jahre dadurch zwangsweise Erfahrung in anderen Segmenten aufgebaut, in denen ich mich professionell weiterentwickeln muss, um zu überleben. Dies wirkt also hoffentlich nicht wie der verbitterte Text eines Pseudo-Musikredakteurs, der es nie geschafft hat. Die Chance bestand ja, ich hätte das vielleicht auch durchziehen können, aber mit welcher Perspektive? Für mich persönlich scheint die Mehrheit der etablierten Musikmedien unfähig zu sein, dem Verfall etwas entgegenzusetzen oder mit einer cleveren Idee zu überzeugen. Dann doch lieber auf Clickbait und Gossip gehen. Man muss sich nur mal die Startseite von NME.com anschauen. Ich sage nicht, dass ich die allumfassende Lösung parat hab, aber so geht es auch nicht.

“Check Yourself Before You Wreck Yourself”

Mit dem Wertverlust des Journalismus im Allgemeinen würde ich das alles dennoch nicht gleichsetzen. Musik war, ist und bleibt eine meist individuelle und emotionale Geschichte, die weit weniger investigativen Aufwand benötigt als manche Kolleg*innen sich oft eingestehen (vermutlich ist meine pragmatische Haltung diesbezüglich auch nicht ganz Unschuld an verpassten Karrierechancen). Die Direktheit von Musik benötigt einen zwischengeschaltetes Medium eigentlich nicht wirklich, es hat nur bis vor einigen Jahren an den technischen Möglichkeiten gefehlt. Dies verlangt von den Expert*innen Umdenken, mehr Direktheit und eine gewisse „Der Kunde ist König“-Attitüde. Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen und ich beanspruche keine seherischen Fähigkeiten für mich. Wie überall zwingt uns die stetige Veränderung unserer Gesellschaft zum regelmäßigen Neu- und Umdenken. Über kurz oder lang wird dies auch die Steuerberater*innen betreffen, glaubt mir.

Headerbild: Norman Fleischer