Ein Computer-Algorithmus hat aus 50.000 Selfies die besten gewonnen, um Erfolgsgaranten für viele Likes und Herzchen zu ermitteln. Das Ergebnis: viel Gleichförmigkeit. Quelle: Andrej Karpathy
Ein Computer-Algorithmus hat aus 50.000 Selfies die besten gewonnen, um Erfolgsgaranten für viele Likes und Herzchen zu ermitteln. Das Ergebnis: viel Gleichförmigkeit. Quelle: Andrej Karpathy

Als die Ära des Web 1.0 auf ihr absehbares Ende zusteuerte, machten die Heilsversprechen eines neuen, eines für alle Nutzer gleichermaßen zugänglichen Webs die Runde. Die Nachricht muss wie eine Sensation geklungen haben: vom Konsumenten zum Prosumenten und so weiter – man kennt das. Diese Aufweichung tradierter Hierarchien des Verlegens herkömmlicher wie elektronischer Medien ermöglichte jedoch nicht nur die ersten von vielen Self-Made-Verlegern. Sie erforderte wie jede nur hinreichend neuartige Technologie ebenso neuartige Kompetenzen im Umgang mit ihr, welche wie so häufig nur von den wenigsten aufgebracht werden können.

Einige Jahre später, in Zeiten einer unüberschaubaren Vielzahl sog. sozialer Medien – also solcher Medien, die das Prosumer-Dasein zum zentralen Prinzip erheben –, lässt sich eine klare Eigendynamik mit gewissen Regelmäßigkeiten ablesen. So hat sich nicht etwa herausgestellt, daß das Gros der Nutzer ihre Prosumenten-Rolle zum Wohle der Gemeinschaft gebraucht, also sinnvolle und bereichernde Beiträge schafft. Stattdessen dominieren oftmals die primitivsten Mechanismen sozialer Interaktion, welche wiederum mit faszinierenden, teils unangemessen komplexen Strategien bewahrt und weiterentwickelt werden. Eines dieser vielfach bewährten und bewehrten Prinzipien ist das der Aufmerksamkeit.

Beliebte Instagram-Accessoires - #ich_02

Denn ebenso wie auf den Straßen des nächsten In-Viertels regiert auch online der Wunsch nach Aufmerksamkeit, der in diesem Kosmos jedoch nicht mit Blicken und Tuscheleien, sondern durch Likes, Herzchen und Swipes immer wieder neu gestärkt wird. Manch einer kann sein Bedürfnis nach dieser universellen Währung nur stillen, indem er auf erprobte Strategien – sprich: die gesamte Klaviatur des viralen Postings, Duckfaces, Selfies oder was auch immer – zurückgreift.

Natürlich handelt es sich hierbei um sich beständig abwechselnde Trends. Nur der letzte Planking-Prolet hat noch nicht verstanden, daß ihr Durchlauf hoch ist. Das heißt, so lange Food-Posts noch in sind, ist es ratsam, schnell das Format originalgetreu zu kopieren. Dieser Zeitdruck verhindert jedoch oftmals eine kritische und vor allem kreative Auseinandersetzung, welche eine echte Innovation der jeweiligen Formate bewirken könnte. Nur den wenigsten gelingt ein origineller Umgang. Die Masse nutzt es jedoch so schnell ab, daß es bald zur Floskel verkommt. Morgen wird es bereits alt sein und nichts als müdes Gähnen hervorrufen. Daher, nichts schlimmer, als den Sprung zu den Coffee-Cup-Posts zu verpassen.

So wird diese mimetische Grundhaltung jedoch bald selbst zum Wert an sich und der Zirkelschluss vollzogen, wenn er zu meme-tisch überhöhten, in Selbstreferenz völlig aufgehenden Formen führt. Die Tricolore-Filter und „Je suis irgendwas“-Rufe waren schließlich genau deswegen so unsäglich abgeschmackt, weil sie als reine Geste formuliert waren und nur selten zum Sprecher/Poster in Relation gesetzt wurden. Stattdessen erschienen sie vor allem im Kontext eines gleichförmig erscheinenden Streams und mussten sich daher als inhaltsleere Floskeln selbst karikieren. Wer glaubte, ein massenhaft übergezogener Photoshop-Filter könne der Meinungsäußerung dienlich sein, oder ein schmissiges, aber furchtbar nichtssagendes „Your vote your voice“ habe die eigene Filterblase zum Platzen bringen können, hat mehr zu einem Meme als zur gewünschten Aussage beigetragen. Ganz ähnlich verhält es sich mit Trends wie #HealthySelfie, #NoMakeUpSelfie und #Suglie, die mehr über das Genre als die Person aussagen. #me, im Übrigen, gehört mit mehr als 300 Millionen Posts zu den zehn beliebtesten Hashtags auf Instagram.

Vier von unzähligen sog. Eigengesichtern, deren gewichtete Mischung die automatisierte Beschreibung jedes Gesichts ermöglicht und als Grundlage vieler verbreiterter Gesichts-Erkennungs-Algorithmen dient. © AT&T Laboratories https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eigenfaces.png
Vier von unzähligen sog. Eigengesichtern, deren gewichtete Mischung die automatisierte Charakterisierung und Rekonstruktion jedes Gesichts ermöglicht und als Grundlage vieler verbreiterter Gesichts-Erkennungs-Algorithmen dient. © AT&T Laboratories, via Wikicommons

Es gibt keine Persönlichkeit im Internet

Das allein wäre jedoch kaum eine Erwähnung wert, würde dieses ewige survival of the quickest nicht allein der schnöden Aufmerksamkeit wegen, sondern, viel mehr, im Dienste der Selbstdarstellung betrieben werden. Denn irgendwoher rührt die irrige Vorstellung, das eigene Selbst stünde in Konkurrenz mit den restlichen Playern der Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internets. Dann wird die eigene Person schnell als www.ich.com aufgefasst, das mit wechselnden Content zu befüllen ist. Fern im indonesischen Paradies, auf Balle, heißt das etwa: Morgens die Hotdog-Beine am Strand von Padang Padang, mittags die Schmuseeinheiten mit dem wilden Tiger und abends schnell noch das Cocktail-Selfie in Seminyak unter die neugierigen Bewunderer streuen. (Zeitverschiebung beachten!) Und obwohl sich zeigen lässt, daß die hundert erfolgreichsten Selfies überaus gleichförmig sind, muss jeglicher Content mit einer geringen, aber sichtbar eigenen Note versehen werden. Denn diese Formate, so das Credo, sollen so gedeutet werden, daß ihre Essenz etwas wie Persönlichkeit kommuniziert. Dabei führt doch der reflexhafte Rückgriff auf recht genau kodifizierte Formen zu einem beispiellosen Konformismus – welch Widerspruch!

Die oftmals wiedergekäute, stets unangenehm elterlich wirkende Mahnung, sich online nicht zu verstellen, ist daher schon großer Unsinn, weil so etwas wie Persönlichkeit in den sozialen Medien bedeutungslos ist. Das Konzept der Person ist ein Artefakt aus der physischen Welt, das im alles egalisierenden Netz, das sich zwischen allen Ecken der Welt entspannt, keinen Nutzen trägt. Denn was du in der physischen Welt bist, was du dort geleistet hast, verliert im Virtuellen an Bedeutung, kann nicht mehr im Kontakt mit Anderen sinnvoll fruchtbar gemacht werden. Es sichert weder den Zugang zu knappen Ressourcen (wie Aufmerksamkeit), noch qualifiziert es eine soziale Hierarchie (ich bin Arzt, du bist nichts). Hier bist du nicht mehr als deine IP-Adresse; und alles was 127.0.0.1 ist, ist nicht mehr als ein einzelner, aber vieldeutiger Knoten im Geflecht.

Wo die Konformismen des Alltags ausgrenzend sind, ist die prinzipielle Gleichheit im Internet ihrer Natur nach vollkommen eingrenzend. Sie wird eben nicht über einen erzwungenen Kanon der Persönlichkeitsmerkmale, sondern, im Gegenteil, durch das Gebot der grundsätzlichen Eigenschaftslosigkeit erreicht.

Nicht nur technisch gesehen gleicht ein jeder dem anderen. Wenn man den Versuch anstellte, in einer so großen Gruppe wie der Nutzer des (für diese Zwecke zugänglichen Teil des) Internets die verschiedenen realen Persönlichkeiten abzubilden und aufzulisten, würde man doch schnell auf so viele Doppelgänger treffen, daß ihre Unterscheidung kaum möglich wäre.

Das deckt sich mit der Erfahrung, daß es auf jeder nur hinreichen großen Party mindestens eine Person gibt, die das gleiche, obskure Interesse teilt. Lass es eine Großraum-Disco sein und finde deinen Seelenverwandten.

Dazu wiederum, bei aller Kritik an solchen Selbstdarstellungbedürfnissen, ist das Internet dann doch recht gut geeignet: Wer Gleichgesinnte sucht – ob nun Furrys mit Hang zur Verkleidung als Plüschtier oder die penibel nach Flugzeugen und Container-Schiffen Ausschau haltenden Spotter –, hat hier wohl mehr Erfolg als in der nächstbesten Bar. Die „Dynamo Singles“ wiederum halten sich denkbar kurz: In ihren Kontaktanzeigen geben sie selten mehr als Name, Alter und Foto preis, beteuern jedoch stets ihre Liebe zum Verein wie zur Versicherung, daß sie auch wirklich dazugehören. Das weitere Kennenlernen findet dann, ganz die alte Schule, offline statt.

 

Titelbild: Ein Computer-Algorithmus hat aus 50.000 Selfies die besten gewonnen, um Erfolgsgaranten für viele Likes und Herzchen zu ermitteln. Das Ergebnis: viel Gleichförmigkeit. Quelle: Andrej Karpathy