Obwohl man sie leicht überlaufen kann, schon oft gesehen hat, bleibt man auch nach all den Jahren immer noch davor stehen. Nicht ständig und immer, aber manchmal. Stolpersteine, dass sind die quadratischen Messingpaletten vor den Hauseingängen, die an Menschen erinnern sollen, die im Zweiten Weltkrieg verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden. Schon vor langer Zeit fiel mir auf, dass  sie immer dunkler werden und bei einigen sogar die Namen nicht mehr zu erkennen sind. Für die Pflege der Steine habe ich mich nie verantwortlich gefühlt. Irgendeiner wird das schon machen…

Ein paar Wochen ist es nun schon her, dass meine Bekannte Laura Sonnefeld kurz vor Weihnachten via Facebook dazu aufrief, Stolpersteine in Hamburg zu putzen. Von der Idee ganz entzückt, nahm ich mir ihren Aufruf auch in Berlin zu Herzen und schnappte mir Scheuermilch, Putzschwamm und meine Familie, um das Andenken an die Opfer der Nationalsozialisten zu polieren.

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Die Stolpersteine sind für mich von ganz besonderem Wert. Seit 1992 werden sie in Deutschland und anderen europäischen Ländern in den Boden eingelassen. Verantwortlich für die Idee und die Umsetzung dieses Projekts ist der Kölner Künstler Gunter Demnig, der an die Schrecken des Nationalsozialismus erinnern möchte. Aber nicht geballt an einem Ort, sondern überall hübsch in der Nachbarschaft verteilt. Die Stolpersteine mahnen das Gestern im Heute. Wer die Schrift lesen möchte, muss sich vor den Steinen verbeugen.

Es ist Sonntag. Wir laufen durch den Kiez in Friedenau und beginnen direkt vor der eigenen Haustür. Zwei Stolpersteine mit der Aufschrift „Hier wohnte Selma Lewin“ und „Hier wohnte Elsa Ella Lewin“. Meine Nichte ist vier Jahre alt und wie jedes Kind in diesem Alter für alles zu begeistern. „Juhuu, Tantchen, ich habe Lust zu putzen!“, ruft sie mir jubelnd entgegen, als ich in die Runde Frage, wer mir denn gerne helfen möchte. Dabei ist es trotzdem gar nicht so leicht, ihr zu erklären, warum wir in einer Eiseskälte anfangen, die Straße sauber zu machen. Ich fange damit an, dass da mal ganz böse Leute waren; der Klassiker, aber ich kann unmöglich ins Detail gehen. „Und die haben dann Menschen aus ihren Häusern geholt, ohne dass die sie das eigentlich wollten“, erkläre ich weiter und streichle ihr dabei zärtlich über den Kopf. Meine Nichte blickt mich mit ihren großen blauen Kulleraugen an und schlussfolgert: „Und jetzt wohnen wir hier.“

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Wir laufen ein paar Minuten weiter, bis wir vor ihrem Kindergarten ankommen. Wieder zwei Steine, die wir polieren: „Hier wohnte Heinrich Busse“ und „Hier wohnte Toni Busse“. Wer sie genau waren, will meine Nichte auf einmal wissen, während ihre Fingerchen anfangen, die Scheuermilch auf die Steine zu tröpfeln.

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Das herauszufinden, ist tatsächlich nicht schwer. Die Initiative Stolperstein in Berlin beispielsweise  bietet online die Möglichkeit, etwas über die Biographie der einzelnen Deportierten zu erfahren. Auch Wikipedia hat Listen für Berliner Bezirke mit der jeweiligen Straße und der Geschichte aufrufbar gemacht. In diesem Fall waren Heinrich und Toni Busse ein verheiratetes Paar, die um 1900 nach Berlin kamen.

Sie gehörten der jüdischen Gemeinde in Berlin an, hatten drei Töchter, von denen es alle ins Ausland schafften. Mit Beginn der großen Deportationswelle in die Konzentrationslager Anfang der Vierzigerjahre wurde es für die Eheleute Busse unmöglich, in ihrem Haus zu bleiben. Die Rekonstruktion ihres Schicksals liest sich wie folgt:

„Am 19. Oktober 1942 waren bereits Heinrich Busses Schwestern Anna und Betty nach Riga deportiert worden, seine Frau wurde im Rahmen der „Fabrikaktion“ Ende Februar an ihrem Arbeitsplatz verhaftet und am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert.“

Heinrich Busse überlebte nur, weil er die knapp zwei Jahre vor Kriegsende im Untergrund lebte.

Wir laufen noch etwas länger durch die Straßen. Meine Nichte ist nachdenklich geworden. Sie fragt, ob wir das jetzt nicht öfter machen können. Ich hocke mich vor ihr auf die Knie, streiche ihr die Strähnen aus dem Gesicht und sage, dass wir das sehr gerne regelmäßig machen, weil es ganz wichtig ist, dass wir die Namen nicht vergessen. „Warum?“, fragt sie noch mit ihrer kindlichen Naivität hinterher, dass ich sie am liebsten ganz in den Arm nehmen möchte.

„Ein Stolperstein“, sage ich „ ist eine Erinnerung, ist ein Name, ist ein Mensch.“

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Mehr zu dem Thema Stolpersteine und wo man sie am besten findet: Stolpersteine in Berlin – 12 Kiezspaziergänge.

Fotos: Norman Poznan
Text: Judith Poznan