2015 ging der große Run auf Influencer auch in Deutschland los. Seitdem buchen immer mehr Marken und Agenturen Blogger, Instagramer, YouTuber & Co als Werbepartner. 2016 wurden noch überwiegend reichweitenstarke Influencer gebucht. Ob Produkt und Blog oder Influencer jedoch wirklich zusammenpassen, war (oftmals) zweitrangig. Und nun? Wohin geht die Reise, was sind die Trends im Influencer-Marketing? Anja Hesse-Grunert von schönes + leben hat mit Mary-Ellen Rudloff gesprochen. Sie ist Inhaberin von SALUT Communications, einer Hamburger Social-Media-Agentur, die auf Influencer-Marketing spezialisiert ist.

Influencer-Marketing Expertin Mary-Ellen Rudloff
SALUT Communications Inhaberin Mary-Ellen Rudloff

Anja Hesse-Grunert: Influencer-Marketing gilt nun auch in Deutschland als „neuer heißer Scheiß“ bei Marketern. Du bist seit neun Jahren in dem Bereich unterwegs. Was sind für dich die Trends in 2017?

Mary-Ellen Rudloff: Die Reichweite des Influencers ist nicht (mehr) ausschließlich das Ausschlaggebende für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Viel wichtiger sind die passende Zielgruppe, das Engagement der Leser sowie die Kompetenz und das Konzept des Bloggers. Das nehme ich seitens der Unternehmen wie der Agenturen deutlich wahr.
Auf der Unternehmensseite geht der Trend immer mehr dorthin, über den Tellerrand hinauszuschauen und auch Blogs anzusprechen, die zuvor – aufgrund ihrer kleineren Reichweite – weniger spannend für eine Zusammenarbeit waren. Außerdem wird das Thema Analyse und Auswertung wichtiger. Unternehmen und Influencer sollten sich nach einer Zusammenarbeit immer zusammensetzen und schauen, wen sie wie erreicht haben, wie das Feedback seitens der Leser war und was sie gemeinsam noch optimieren können.

Wonach suchen denn Unternehmen und Agenturen?

Zum Beispiel sind die Ü30-, Ü40- und Ü50-Blogs attraktiver geworden. Von denen gibt es mittlerweile zahlreiche und auch sehr gute. Außerdem sind Blogs von und für Männer – auch im Fashion- und Lifestylebereich – im Kommen. Männer werden in Deutschland häufig noch als Mode-Muffel wahrgenommen. Dies ist allerdings schon lange nicht mehr so. Haarstyling, Sporttipps und „Wie binde ich eine Krawatte“ sind für immer mehr Männer wichtig Themen.
Wichtig ist außerdem, dass auf die Qualität der Beiträge seitens der Kunden sowie der Leser mehr Wert gelegt wird. Die Leser möchten persönliche, informative und besondere Texte lesen und on top auch schöne Bilder sehen. „Schnell, schnell“ reicht da oft nicht mehr. Besonders die individuelle Sicht des jeweiligen Bloggers und das Umsetzen eines Themas sind das, was die Leser interessiert. Und was die Blogs so faszinierend macht.

Was heißt das für uns als Blogger? Wo liegen die Chancen?

Für euch Blogger heißt das, dass ihr eure Nische suchen und finden müsst. Und dann heißt es einfach kontinuierlich weitermachen und am Ball bleiben. Wenn ihr euch einmal in euerm Bereich integriert habt, könnt ihr euch über sehr treue Leser freuen, die auch nach Jahren regelmäßig auf eure Seite zurückkehren. Lasst euch also nicht vom langsamen Wachsen zu Beginn des Bloggens abschrecken und habt Spaß! Das liest man nämlich.
Auf der Kundenseite ist es ähnlich. Wenn die Zusammenarbeit angenehm und erfolgreich ist, werden Kunden regelmäßig auf euch zukommen und erneut Kooperationen buchen. Das Vertrauen ist da, man kennt und schätzt sich. Warum sollte man es ändern?

Stichwort „wachsender Einfluss von Microinfluencern“: Wie können auch kleinere Blogs mit einer Reichweite ab 1000 Lesern mit ihrem Blog Umsatz machen?

Ich mag den Begriff Microinfluencer nicht. Es klingt nach einer Hierarchie innerhalb der Blogosphäre und wertet Leute mit weniger Lesern ab. Die kleinere Reichweite ist häufig auch ein Grund für manche Firmen, weniger Geld für Kooperationen zu bezahlen.
Das halte ich für falsch und glücklicherweise ändert es sich ja gerade, wie eingangs schon gesagt. An der Stelle ein kleines Beispiel: Eine Bloggerin hat tausend Leserinnen monatlich. Diese sind über dreißig, berufstätig, erfolgreich und an Mode interessiert. Sie sehen auf ihrem Blog eine Designertasche, die mit dem Onlinestore verlinkt ist. Ein Klick und sie ist gekauft. Bei der genannten Zielgruppe können sich fast alle Leserinnen die Tasche leisten, hundertzwanzig kaufen sie nach dem Lesen des Posts. Bingo.
Die gleiche Tasche präsentiert eine Bloggerin mit hunderttausend regelmäßigen Leserinnen. Das Durchschnittsalter ihrer Leser liegt bei zwanzig. Fast alle befinden sich noch in der Ausbildung oder im Studium. Wie viele Leserinnen werden wohl auf den Kaufen-Button drücken? Eher wenige. Die Designertasche ist für die meisten einfach (noch) zu teuer.
Das ist natürlich zugespitzt dargestellt, zeigt aber, worum es geht: Eine große Reichweite hat nicht bedingt etwas mit der passenden Zielgruppe für ein Produkt oder eine Marke zu tun. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, sich das Gesamtpaket anzusehen.
Für Blogger mit wachsenden Leserzahlen ist es wichtig, dass sie ihre Zielgruppe und damit ihre Stärken genau kennen. Seid euch deshalb dessen bewusst, was ihr könnt und woher eure Leser kommen. Das ist eine perfekte Verhandlungsbasis.

Was rätst du Unternehmen, die mit Influencern arbeiten wollen?

Oh, wo soll ich da anfangen? Das kommt immer auf das individuelle Ziel an. Möchte ich als Kunde bekannter werden, mehr umsetzen, mein Google-Ranking verbessern, ein Event promoten oder zum Beispiel ein anderes Image kreieren? Tatsächlich beginnt oft dort schon das Problem. Unternehmen hören überall, dass Influencer-Marketing wichtig sei, und laufen einfach los. Da wird dann viel Geld ausgegeben, und anschließend sind alle gefrustet, weil nur sehr wenig dabei herumkommt.
Mit einem festen Ziel können Unternehmen viel genauer mit der Influencer-Recherche beginnen: Welcher Influencer passt zu mir und hat die Zielgruppe, die für mein Ziel passend ist? Ich empfehle immer, auf Influencer zu setzen, die mein Unternehmen beziehungsweise das Produkt langfristig einbinden können. Die Glaubwürdigkeit ist für alle Seiten – also Unternehmen, Influencer sowie für die Leser – einfach höher.
Im Influencer-Marketing geht es ja sehr individuell und emotional zu. Da ist es wichtig, dass man sich kennt und versteht. Außerdem sollte der Influencer genauso von der Zusammenarbeit profitieren wie die Unternehmensseite. Man trifft sich auf Augenhöhe, um gemeinsam zu wachsen. Und das zahlt sich langfristig aus.

Liebe Mary-Ellen, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

Diesen Text hat Anja Hesse-Grunert geschrieben.
Anja (44) betreibt seit 2015 den Blog schönes + leben, ein Lifestyleblog für erwachsene Frauen. Mit ihrer klar umrissenen Zielgruppe gehört sie zu den genannten Microinfluencern, die über eine höchst loyale, an authentischen Inhalten interessierte Community verfügt. Zusammen mit ihrem Team schreibt die Journalistin und PR-Frau über das Lebensgefühl über vierzig, Leipzig und ein genussreiches Leben.

Anja von schönes + leben

Bilder 1 – 3 : C.M. Braun für SALUT Communications
Bild 4: 
Anne-Katrin Hutschenreuter für schönes + leben