Den Begriff „post-fucktisch“ habe ich auf einem Tinder-Profil eines Fremden entdeckt. Ich musste darüber schmunzeln. Geschrieben habe ich dieser Person trotzdem nicht. Ich kenne niemanden, der gerne digitalen Fremden, die aus nichts anderem bestehen als einem Foto und kurzem Text, gerne schreibt. Ich kenne aber auch niemanden, der gerne Fremden schreibt, die sich mit vielen Fotos und reichlich Text vor- beziehungsweise darstellen.

Warum schreiben wir trotzdem Fremde an und laden Unmengen an Texten und Fotos ins Netz? Und warum sind wir uns so (un-)sicher, dass wir uns, das richtige Foto und den richtigen Text ausgesucht haben, um uns selbst im digitalen Marktplatz der Liebe darzustellen?

Ich bin trotz Psychologiestudium nicht gut darin, diese Fragen objektiv zu beantworten. Zu Zeiten meines Studiums gab es digitales Dating nicht in dieser Massenverbreitung wie heute. Und mein Studium ist nicht lange her. Aber schon im Studium habe ich gelernt, dass die Sprache der Gefühle sich genauso verändert wie unsere Gefühle selbst. Und im Rahmen neuer Gefühlswelten entstehen Wörter, Satzkonstrukte und Sprachgeschöpfe, die uns dabei helfen, miteinander zu interagieren. Manchen gelingt das gut, manchen weniger gut.

Und schnell, bevor noch das letzte Gefühlswort durch ein Emoticon ersetzt wird, habe ich ein paar Wörter erfunden, die eben solche Dinge festhalten. Kleine Phänomene, die mir auffallen, wenn ich mich durch die digitalen Datingwelten klicke, swipe, matche, like oder einfach nur meinen Freunden zuhöre.

Darstellungszwangsläufig

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Bist du auf Instagram? Klar! Zwangsläufig muss man früher oder später seiner Chat-Bekanntschaft mehr anbieten als nur die drei bis vier kuratierten Fotos auf dem eigenen Profil. Tinder-Profilbild, Instagram-Selfies, Facebook-Alben – je länger man chattet, desto mehr Einblicke bekommt man in die Selbstdarstellungskuration der anderen. Die Kunst der Bildredaktion wird perfektioniert. Es scheint, als wollte man auf diese Weise die Fremde überbrücken. Die Selbstdarstellung ist zwar ein Muss, wie man mit diesem Zwang umgeht ist auslegbar. Die Zwischentöne zählen. Ein Nutzer, der einen klar erkennbaren Beautyfilter verwendet, passt nicht zu jemandem, der nur subtile oder keine Filter verwendet. Auf einmal gibt die Art und Weise der Selbstdarstellung eine neue Gruppenzugehörigkeit vor. Eine neue Ebene der Distinktion, ein unsichtbarer Status, dem wir nicht entkommen können und in den wir uns selbst ganz automatisch einfügen.

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Das Problem mit der digitalen Bilderstellung und Bildbearbeitung sind unsere unperfekten Augen. Augen sind unheimlich ungenaue Instrumente zur Bilderfassung. Smartphone-Kameras sind da schon viel besser. Allerdings stimmen deren Fotos nicht mit unserem erlebten Spiegelbild überein. Dies schafft Verunsicherung, die nur durch Bildbearbeitung überbrückt werden kann. Am Ende bleiben dann trotzdem Fragen wie: „Wie sehe ich eigentlich aus?“, „Wie sehen mich andere?“, „Schaden meine zu perfekten Fotos meiner realen Wahrnehmung am Ende vielleicht ein bisschen?“ und „Bin ich vor lauter Photogenität vielleicht für mein gegenüber enttäuschend?“ Gefühlt würde ich sagen, waren wir Menschen noch nie zuvor so blind und so verunsichert über unser Aussehen wie heute. Dabei ist physische Attraktivität kein Faktor für eine stabile und zufrieden stellende Partnerschaft.

Einsamkeitsverzögerung

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Wie betreibt man professionelle Einsamkeitsverzögerung? In dem man den Moment, in dem man sich komplett alleine fühlt, gekonnt immer wieder hinauszögert. Dieser Moment, in dem man denkt, man wäre als einziger unfreiwillig allein. Man kann diese Momente allerdings geschickt vermeiden mit gut geplanten Wochenenden. Die engen Freunde lädt man beispielsweise zum Sonntagsfilmabend oder zum Samstagsfrühstück ein. Für unverplante Momente hilft das Smartphone, das absolute Tool der Einsamkeitsverzögerung. Nützlich auf Partys, wo man, sobald die eigene Begleitung kurz abhanden kommt, sofort den digitalen Kontakten Zeit schenken kann. Zuviel Einsamkeitsverzögerung ist allerdings kontraproduktiv. Oft ist der Moment, in dem man kurz innehält und das totale Alleinsein aushält, auch der Moment, in dem man bereit ist, sich mit offenen Augen umzuschauen. Und aufhört vor sich selbst wegzurennen, während man kurz der Einsamkeit in die Arme fällt.

 

Fremdfreundschaft

eyluelaslan-onlinedating 2017-02-14 um 10.40.46Nach ein bisschen Tindern hat man schnell ein paar fremde Freunde gesammelt. Menschen, die man kaum kennt, die nur mal kurz zu Besuch in der eigenen Stadt waren, zum Beispiel. Sei es Zufall oder Schicksal, ist durch den Match-Chat eine kleine Brieffreundschaft entstanden. Eine Freundschaft ohne wahre Bedingungen, ohne Regeln oder klare Grenzen der Vertraulichkeit. Mit dem Chatfreund in Brüssel, Paris oder Kanada kann man stundenlang über alles schreiben. Und dieser kann das ebenso. Win-Win ohne Bang-Bang sozusagen. Ab und zu verrutscht der Ton und wird doch sexueller als geplant. Ab und an begegnet man sich tatsächlich intensiver. Aber im Großen und Ganzen bleibt der Rahmen digital-platonisch.

Erniedrigungsdruck

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Bei der sexuellen Erniedrigung ist es gar nicht so einfach, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dafür sorgen, dass diese sich nicht in der Banalität eines Fifty-Shades-of-Grey-Imitats verliert. Manchmal hab ich das Gefühl, dass sich einige Menschen unheimlich gestresst davon fühlen, ihren potentiellen Partner richtig zu erniedrigen. Ich vermute, dass dieser Druck den digitalen Fantasiewelten der For-free-Pornorgraphie entspringt. Auch die Online-Erotikshops profitieren von diesem Druckzustand. Dabei sind weder Unikat-Lederfesseln noch eine Designer-Sling notwendig, um das Date im einvernehmlichen Sinne am Kragen zu packen. Gute Erniedrigung erfordert Hingabe. Und für diese Hingabe braucht man Zeit und möglichst wenig Druck.

Hoffnungsalgorithmus

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Die meisten Unverpartnerten im geschlechtsreifen Alter hoffen, jemanden kennenzulernen.
Um die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen, greift man auf Apps zurück. Das Problem: Die gefühlte Wahrscheinlichkeit und die tatsächliche Wahrscheinlichkeit stimmen meist nicht überein. Nicht umsonst hat man nach zehn schlechten Dates eher das Gefühl, die Wahrscheinlichkeit ginge gegen null, wohingegen man nach einem guten Date schnell wieder denkt: „Ach, dieses Tindern hat sich doch gelohnt.“

Noch mehr Wörter, die mir eingefallen oder begegnet sind:

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Ein paar dieser Wörter verwende ich selbst, wenn ich jemandem etwas über mich erzähle. Einige wären vielleicht etwas für ein Lexikon des digitalen Datens. Allgemein rate ich jedem, seine eigenen neuen Wörter zu erfinden. Nicht nur für das kreative Erlebnis, sondern auch, weil Wörter einem Gesellschaft leisten können. Manchmal sogar viel besser als das Smartphone. Klingt abstrakt, ist aber wahr.

Die Inspiration für diesen Artikel bekam ich von  100 days of German words von Federico Prandi und vom Dictionary of Obscure Sorrows

Danke außerdem an Eylül Aslan für die wunderbaren Fotos, die ich für meine Collagen verwenden durfte.