Bei mir fing es zu Abiturzeiten schon an, dass der Nacken oft verspannt und mein Rücken krumm war. Kein Wunder: Damals mussten wir täglich gefühlte 24 kg Bücher zur Schule schleppen. Und das Mittagessen. Und Taschenrechner. Und diverse Zeichenpapiere. Viele wanderten tagelang in die Schule. Vereinzelt kam es schon im Kleinkindalter zu Bandscheibenvorfällen. Nicht selten führten diese zum Tod.

Die Rückenschmerzen schleichen sich nach und nach an, und schließlich liegt man mit 22 Jahren im Start-Up Büro, wimmernd vor dem Schreibtisch aus Paletten, und wünscht sich genau zwei Dinge: Eine Handcreme, die schnell einzieht. Und eine brutale, schonungslose Rückenmassage.

Auch Dein Rücken wird dich ficken

Deutschland leidet unter der Volkskrankheit Rücken. Neben dem Reizdarmsyndrom ist es wohl das nervigste Leiden, das man haben kann. Denn die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten sind ungemein vage und im Verhältnis zu echten Nöten anscheinend auch unwichtig. Jeder Orthopäde schickt dich mit einem Placebo-Medikament nach Hause und rät dazu, ein bisschen weniger Stress im Alltag zu erfahren. Wer nicht akut stirbt, wird beim Orthopäden nicht behandelt (oder, wie in meinem Fall damals, mit dem „Spineliner“ behandelt. Wer wissen will, was Abzocke bedeutet, sollte sich kurz mit dem Gerät beschäftigen).

Es erschreckend, wie viele Leute an Rückenschmerzen und Verspannungen leiden. Wer sich im Coworking-Space oder im jungen Start-up umschaut, der erkennt auch sofort, woran es liegt: Die meisten Menschen hier sitzen an ungeeigneten Tischen, auf ungeeigneten Stühlen und an ungeeigneten Arbeitswerkzeugen.

Bei manchen Freelancern in meinem Büro ist der Rücken so rund, dass man die Körpergröße nur noch mit Hilfe von Pi berechnen kann.

Der Screen hat die Größe von einem Ritter Sport, der Stuhl ist eigentlich nur ein steifes Stück tiefer gelegtes Holz, der Tisch ein Brett auf Kinnhöhe. Die Schultern sind chronisch an die Ohren gelegt, weil man sonst nicht an die Tastatur kommt, es wird spastisch mit der bevorstehenden Sehnenscheidenentzündung auf dem Trackpad herum geklickt, die Nase ist nur Zentimeter vom Bildschirm entfernt, die Füße übereinander geschlagen oder Gott bewahre, unter dem Stuhl verschränkt.

K.O.-Working: Die Freiheit, sich selbst kaputt zu machen

Die freie Arbeit ist zur Lebensart geworden. Als ich jünger war und mich gerade selbstständig machte, habe ich nur das große Geld gezählt. Geld, das mir vor allem beim Sparen großer Fixkosten übrig blieb: kein Auto, kein fester Arbeitsplatz, keine Mitarbeiter. Im Zweifel arbeitet man im Zug, Flugzeug, Café oder aus dem Bett. Das ist der Millenial-Lifestyle.

Ich bin nun seit ungefähr sechs Jahren selbstständig. Die Rechnung geht – seit den Rückenschmerzen – nicht mehr auf. Auch flexible Arbeitszeiten, Remote-Working und Homeoffice haben ihren versteckten Preis. Denn neben Steuern, private Vorsorge und Berliner Miete kann ich mir nicht noch zusätzlich eine wöchentliche Sitzung beim Ostheopathen leisten.

Man lernt nie aus, und deshalb gibt es seit zwei Jahren eben doch einen großen Monitor, eine Maus und eine Tastatur an meinem festen Arbeitsplatz. Dazu kommt ein Kraftsport- und Ausdauersport-Programm, Faszientraining und ausführliches Stretching. Mit Ende zwanzig bin ich damit als Freelancer in etwa so flexibel wie Beton. Da ist die Vision von der neuen Arbeit also hin. Das einzige, was mich von einem Festangestellten unterscheidet, ist unregelmäßiges Gehalt.

Ist es das wert? Viele von uns sind in ihre Selbstständigkeit erst hineingewachsen, haben aus Leidenschaft angefangen, bevor sie jemals Teil eines festen Betriebs wurden. Man lernt aus seinen Erfahrungen, und man lernt, sich mit der Zeit abzusichern. Aber Sicherheit ist eben teuerer als die vermeintliche Freiheit, die man sich mit Anfang 20 noch unter „Freelancer“ vorstellt.

Übrigens kann man auch als Festangestellter schlecht sitzen. Aber die krumme Haltung des Laptop-Prekariats symbolisiert für mich genau das, was viele zur Zeit gegenüber unserer Arbeit im 21. Jahrhundert empfinden: Wir sehen erst viel zu spät, was die „new rules“ mit sich bringen. Für alle, die gerade jetzt erst anfangen, habe ich deshalb einen Tipp: Bewahrt Haltung – körperlich und geistig.

Header: Sara Shakur