In meiner künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich immer wieder mit automatisierten Algorithmen. Im Mittelpunkt meines Interesses steht dann meist, wie ein Computer Entscheidungen trifft, was ein Programm für schön oder interessant hält und wie sich dies alles mit menschlichen Vorstellungen und Begrifflichkeiten deckt oder eben gerade nicht vereinen lässt. So kann ein wenig Code bereits ausreichen, die Besonderheiten und Eigenarten der Logik einer Maschine zu offenbaren. Manchmal braucht es schon einige hundert Zeilen komplexer Programmanweisungen, um etwas so vermeintlich Einfaches wie ein Gesicht zu konstruieren.

Viele dieser Experimente sind darauf angelegt, grundsätzlich endlos oft wiederholt zu werden, um so den Kern der Sache nach und nach freizulegen. Dann wird ein Einblick in das Getriebe des Algorithmus und durch spiegelbildlichen Rückschluss auch auf unsere eigenen Denkmuster gewährt.

Solche auf Wiederholung ausgelegten und damit zeitbasierten Algorithmen lege ich daher oft als Twitter-Kanal an, auf dem dann in regelmäßigen Abständen die jüngsten Ergebnisse geteilt werden. So entstand auch mein letztes Projekt in Form eines Twitter-Bots namens PornRomance.

PornRomance sucht die Kommentarspalten der Videos bekannter Pornoseiten nach Liebeserklärungen, Herzschmerz und anderen romantischen Blüten ab. Unter @PornRomance werden seit knapp einem Monat immer täglich zur Mittagszeit romantische Juwelen aus dem vulgären Hintergrundrauschen herausgefischt, festgehalten und verbreitet.

Die Idee für PornRomance entstand recht spontan, als die Frage aufkam, welche Kommentare eigentlich für Pornovideos abgegeben werden. Und wer überhaupt Zeit und Anlass findet, nach getaner Arbeit noch ein paar Worte der Begeisterung oder Enttäuschung in die Tasten zu hauen. Die profanen, bisweilen stupiden und in aller Regel schlicht überflüssigen Kommentarspalten auf YouTube ließen zumindest vermuten, dass die Netzkultur auf RedTube und Co. eine ähnliche geistige Höhe und mitunter einen vergleichbaren Unterhaltungswert entwickeln könnte. Und tatsächlich: Eine Vielzahl aufgegeilter und einsilbiger cat calls sowie verzweifelte Fragen nach den Namen der Darsteller dominieren die Kommentarsektionen. Hin und wieder findet man Anmerkungen echter Connaisseure zu anatomischen, dramaturgischen und filmtechnischen Ungereimtheiten. Allein, das Potential aus den Bräuchen und Zwängen der Kommentarkultur einer Pornowebseite auszubrechen, scheint nur selten hervor.

Wo sind die politischen Diskussionen, wo die (unbewusst) als Haiku formulierten Einwürfe? Gibt es vielleicht einen einsamen Moralisten, der die Verrohung der anonymen Pornoseiten-Gesellschaft anprangert? Oder einen geschickten Marketing-Taktiker, der die stilvolle Einrichtung des gemieteten Lofts den passenden Sonderangeboten mit Preis und Kauflink zuordnet? Vor allem aber: Gibt es die Schwärmer und Naivlinge, die rosa bebrillten Träumer und standfesten Idealisten, die sich zwischen all den vulgären Bildern und Kommentaren noch ihr Gefühl für echte Romantik bewahren konnten?

Und da stellt sich bereits die erste Frage: Was ist überhaupt romantisch? Der erste Tweet, den der Bot absetzte, sprach die Liebe eines Users zu einem Penis aus. Der zweite enthielt einen Heiratsantrag, der wohl, so viel wird man annehmen dürfen, nicht ernst gemeint war. Ein anderer lautete:

Für einen romantischen Abend im Kerzenschein taugen all diese Kommentare freilich nicht. Aber darum geht es auch nicht. Umso interessanter war die Frage, wie ein einfaches Computerprogramm überhaupt solche Kommentare erkennen können solle. Eine Möglichkeit wäre, im Sinne des sogenannten Natural Language Processing sprachliche Hinweise zu finden: So könnte untersucht werden, ob in der Ich-Perspektive gesprochen wird, ob eine positive Stimmung vorliegt, ob auf Schimpfwörter verzichtet wird usw. Längst werden solche Systeme etwa für Chatbots im Kundendienst genutzt, die etwa die Emotionen des Schreibenden einschätzen und bei Wut und Ärger automatisch an einen menschlichen Ansprechpartner weiterleiten.

Für kurze Texte, zu denen üblicherweise auch Videokommentare gezählt werden müssen, haben diese komplexen Algorithmen jedoch kaum einen Wert. Ihre Herangehensweise, bestimmten Schlüsselwörtern eine entsprechende Emotion zuzuordnen, wurde jedoch auch für PornRomance übernommen: Jeder Kommentar wird mit einer Liste aus etwa 50, 60 Begriffen und Redefiguren, von denen wenigstens eines vorkommen muss, und mit einer etwa ebenso umfangreichen Negativliste verbotener Wörter und Phrasen abgeglichen. Das Vorkommen von „I have a crush on“ oder „you complete me“ führt zur Erfassung, wohingegen das alleinige Wort „love“ nicht ausreicht.

Dennoch entwickelt der Bot wie jeder andere mehr oder weniger eigene Spielregeln: Derzeit werden sehr viele Kommentare herausgefischt, die „in love with“ enthalten, aber sonst kaum Kontext bereitstellen. Das war anfangs nicht so beabsichtigt, hoffte ich doch auf reichhaltigere, vielleicht sogar an Poesie grenzende Liebeserklärungen. Noch werde ich allerdings beobachten, wie es sich entwickelt. Gelegentliche vulgäre Ausbrüche werde ich ebenfalls noch tolerieren. Allerdings fehlt noch echtes Liebesgesäusel, noch stehen wattig-weiche Liebeserklärungen aus. Es heißt also: abwarten. Solange entwickelt der Algorithmus Tweet um Tweet seine ganz eigene Auffassung von Romantik und Liebelei.

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