“Eine Sache hätte gereicht – aber schwarz und schwul? Das ist für viele einfach eine Doppelbelastung.”  meint Tarik Tesfu mehr scherzhaft als Ernst. Als Gründer und Macher des Video-Projektes “Tariks’ Genderkrise” kennt sich mit Hass leider nur zu gut aus.

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Im Rahmen der Paneldiskussion “In Zeiten von Trump – ist Hass salonfähig geworden?” sprachen er, die Berliner Rechtsanwältin Zehra Ercan und die Fotografin Stefanie Zofia Schulz mit Moderatorin Simone Hanselmann über ihre Erlebnisse mit Hetze im Netz und teilen Anekdoten aus ihrem Alltag mit Diskriminierung und Rassismus.

“Als ich im Amtsgericht Neukölln in meiner Robe in den Gerichtssaal eilte, fragte mich der Amtsrichter, was ich denn hier wolle? Weil ich am Anfang meiner Karriere stand, dachte ich erst, ich wäre in einer falschen Verhandlung, aber tatsächlich meinte er mein Kopftuch.” 

erzählt Zehra Ercan halb belustigt. “Seine Beschwerde bei der Bundesrechtsanwaltskammer hat natürlich nichts gebracht.”

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Der tagtägliche Rassismus, der ihr als Muslima und Feministin jeden Tag begegnet, lässt sie mittlerweile eine “Zero Tolerance” Linie fahren. “Man muss sofort laut werden. Als mir ein Mandant beim ersten Gespräch sagte, er sei ja kein Rassist, aber… habe ich ihm gebeten, sich eine andere Kanzlei zu suchen.”

Stefanie Zofia Schulz, die in der Blogfabrik Fotografien aus ihrer Arbeit „Duldung“ zeigt, erweitert die Perspektive um die derjenigen, die keine Stimme haben und gegen die sich der Großteil des Hasses richtet: Flüchtlinge. Stefanie erzählt von den Demütigungen, die die Menschen in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmestationen erleiden müssen. “

“Die Menschen werden ihrer Selbstbestimmung beraubt.”

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Vernissage der Fotografin Stefanie Schulz aus ihrer Arbeit „Duldung“

Stefanie, die selbst in einem Heim für Spätaussiedler in Deutschland zur Welt gekommen ist, hat über ein Jahr recherchiert, verschiedene Flüchtlingsunterkünfte besucht und teilweise mit den Familien zusammen gelebt. Ihre Fotos sind Zeugnis des Erduldens, sie fangen das Gefühl des Nicht-Ankommen-Dürfens und die erlebte Sinnlosigkeit ein. “Wenn man jahrelang nur geduldet wird, keine Ahnung hat, wie, wann und wo man sein Leben weiterleben kann oder nicht doch am Ende abgeschoben wird, führt das nicht nur zu Depressionen, sondern auch zu Wut, die sich wiederum in Hass entladen kann.”

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Jeder, der Migrationshintergrund habe, hätte schon mal Rassismus erlebt, so Tarik. Der Hass sei schon immer da gewesen, jetzt durch das Netz sei er aber plötzlich lauter, wahrnehmbarer. Die Hemmschwelle sei gesunken, da sind die drei sich einig. Zehra erzählt von einem Berliner AfD Politiker, der im Nazijargon auf Facebook postete. Sie hat nicht lang gefackelt und ihn direkt bei der Polizei angezeigt. Ironischerweise hat Facebook ihr selbst einmal ihr Mitgliedskonto gekündigt, weil sie zu viele rechte Seiten gemeldet hatte.

“Offiziell hieß es, ich verstösse gegen die AGB’s von Facebook.”

erläutert sie und zeigt, wie absurd Facebooks Policy manchmal sein kann. Dabei sei es sinnvoll, Hetz-und Hass-Seiten oder rassistische Posts anzuzeigen und die Betreiber sozialer Medien in die Pflicht zu nehmen, diese Seiten oder Kommentare zu löschen. “Mich verletzten diese Kommentare mittlerweile nicht mehr.”, sagt Tarik. “Ich bilde mir einfach ein, sie hassen die inszenierte Person, nicht mich als Mensch.”

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Zehra Ercan, Stefanie Schulz, Tarik Tesfu und Simone Hanselmann

Gleichzeitig bildete der Abend den Abschluss der Charity-Aktion der Blogfabrik #HelpDontHate 2016. Angespornt aus dem Erfolg vom Vorjahr, als über 20.000€ zusammen gekommen sind, setzen wir erneut ein Zeichen gegen Rassismus und Fremdenhass. Die gesammelten Spenden der diesjährigen Aktion gehen an die Vereine:

  • Start with a Friend das Projekt verbindet Geflüchtete und Locals zu Tandems basierend auf Interessen und Bedarfen und möchte so ein gesellschaftliches Netzwerk aufbauen, das Geflüchteten ihren Start in Deutschland erleichtert.
  • agisra möchte Flüchtlingsfrauen helfen, ein Zuhause zu schaffen. Besonders Frauen, die allein angekommen sind, werden beim Neuanfang unterstützt
  • Der Förderverein “Das macht Schule e.V.” möchte in einer deutschlandweiten Aktion die  Willkommenskultur verbessern. Das Projekt möchte Lehrer und Schüler ermutigen, Ideen zu einer besseren Willkommenskultur zu entwickeln und diese auch selbst umzusetzen.
  • Give something back to Berlin hat ein Frauen- und Kinderprojekt in Tempelhof ins Leben gerufen, dass ein geschützter Ort der Kreativität für geflüchtete Frauen und Kinder sein soll.  Hier können Gefühle und Gedanken frei geäußert werden, ein interkultureller Dialog entstehen und die Heilung von Traumata beginnen. Jede Woche nehmen 100-150 Frauen und Kinder daran teil.
  • Jugend Rettet e.V.: der Verein sammelt Spenden für eigene Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer

Ein großes Dankeschön an alle Helfer*innen, Spender*innen und Sponsor*innen.

 

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Bekocht wurden die Gäste von der veganen Köchin Sophia Hoffmann.  

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 DJ Jonny Tiernan, selbst Content Creator in der Blogfabrik und Herausgeber des Magazins LOLA

Help-Dont-Hate_by_JuleMueller-7649Die Organisation und Koordination hinter allem: „Curated by girls“.

Headerbild: Stefanie Zofia Schulz

Eventfotos Fotos: Jule Müller von im gegenteil