Eine Doppelseite der Me.Urban-Ausgabe 10/2016 im Sucher eines Apple-Smartphones.
Eine Doppelseite der Me.Urban-Ausgabe 10/2016 im Sucher eines Apple-Smartphones.

Vor kaum einem Jahr sorgte das Entwicklerteam von NTech.Lab für Furore, als es seine App FindFace vorstellte. Fortan sollte es möglich sein, Fotos einer beliebigen fremden Person hochzuladen und ihren Namen ermitteln zu lassen. Anschließend machten etliche Artikel die Runde, in denen die immer gleiche Drohkulisse des absoluten Anonymitätsverlustes und der totalen Überwachung entworfen wurde. Eine ehrlichere Betrachtung blieb zumeist aus.

FindFace, das ist die App, die durch Abgleich mit den Nutzerprofilen auf VKontakte.ru, dem russischen Pendant zu Facebook, Gesichter erkennt und entsprechende Informationen preisgibt. Man könne damit Passanten oder Café-Besucher identifizieren, allein ein einziges Foto, so die Entwickler, reiche dazu aus. Die Sicherheitsexperten von Kaspersky konnten damit immerhin neun von zehn Testpersonen erfolgreich zuordnen. Jedoch nur, wenn ideale Aufnahmen genutzt wurden. Gesichter auf heimlich geschossenen Fotos wurden nur in jedem dritten bis zweiten Fall erkannt. Aber auch eine derart dürftige Erfolgsquote reicht bereits aus, um landauf, landab Menschen in Panik zu versetzen.

Schnell wurden Horrorszenarien entworfen, in denen der Einzelfall erfolgreich identifizierter Amateur-Pornodarsteller als typisches Anwendungsgebiet der Software dargestellt wurde. So stimmt etwa Annett Scheffel für die Me.Urban (Ausgabe Oktober 2016) in den Chor der warnenden Stimmen ein:

„So, wie man schon jetzt überlegt, ob man mit diesem oder jenen Tweet ins Blickfeld staatlicher Überwachung geraten könnte, so würde man in Zukunft die Öffentlichkeit meiden. Was stellt ein autoritäres Regime mit so einer Technik an? Oppositionelle wären leicht zu identifizieren.“

Das Mantra von der Gefahr der mächtigen Waffe in den falschen Händen mag als Dreh- und Angelpunkt einem ganzen Thriller-Subgenre dienen. Für technodystopische Visionen ist es dann aber doch zu dürftig. Allein die Möglichkeit des Missbrauchs reicht jedenfalls ebenso wenig zum bedrohlichen Fingerzeig wie der Umstand, dass FindFace von russischen Entwicklern stammt. Man mag die „App für Stalker und Diktatoren“ (Tagesanzeiger) für bedenklich halten. Solche Warnungen und Mahnungen sind sicherlich gut gemeint, im Grunde aber fehl am Platze.

Denn wer FindFace anprangert, muss sich die Frage stellen, warum Facebooks eigene Initiative, Gesichtserkennungsalgorithmen einzusetzen, um die Markierung von Freunden in Fotos zu erleichtern, nicht wenigstens ebenso stark kritisiert wurde. Gleichsam scheint der Protest gegen automatisierte Gesichtserkennung an Flughäfen und in Sicherheitseinrichtungen vorzeitig verstummt zu sein, ebenso wie kaum jemand mehr biometrische Pässe in Zweifel zieht. Nach fünfzig Jahren Geschichte der computerisierten Gesichtserkennung braucht es erst eine App, die öffentliche Daten nutzt, um die Gemüter zu erregen.

Das Internet ist ein öffentlicher Raum. Auch im sozialen Netz.

Aus juristischer Sicht ist die Sache eigentlich glasklar: In den meisten westlichen Ländern decken bestehende Gesetze das Recht am eigenen Bild bereits umfassend ab und machen den Gebrauch von FindFace und ähnlichen Apps vom Einverständnis des Betroffenen abhängig. Das gilt spätestens seit einer bereits einige Jahre alten höchstrichterlichen Klarstellung auch in Russland. Dass die Gesetzeslage zu den Persönlichkeitsrechten im Netz häufig nicht für die detailreichen Verwinkelungen des Alltags gewappnet ist, ist freilich ebenfalls die Regel denn die Ausnahme. In seinen AGB verpflichtet FindFace seine Nutzer unter anderem dazu, „nicht gegen die Gesetze der Russischen Föderation und das Persönlichkeitsrecht und die Freiheiten Dritter und nicht gegen Moral und Ethik zu verstoßen“. VKontakte hingegen stellt die Profilfotos und andere Daten seiner Nutzer grundsätzlich öffentlich und lässt sich dies ebenfalls in seinen AGB bestätigen.

Statt VKontakte und seine Nutzer für den Umgang mit sensiblen Daten zu kritisieren, werden die Entwickler von NTech.Lab als Hauptschuldige identifiziert. Das ist mindestens ignorant, oftmals jedoch schlicht unehrlich. Es wäre zielführender, wenn wir uns damit anfreunden würden, dass das Internet ein öffentlicher, kein privater Raum ist. Öffentlichkeit heißt eben auch, dass die Sichtbarkeit der eigenen Bilder, Tweets und Posts die selbstgewählte Filterblase durchaus überschreitet. Der verantwortungsvolle Umgang mit sozialen Medien beinhaltet daher auch eine kritische Betrachtung privater Fotos und Selfies. Wenn vertrauliche Informationen irgendwo auftauchen, wo wir sie nicht beabsichtigen, ist das häufig vor allem unserer Naivität oder Ignoranz, zumindest aber mangelndem Problembewusstsein geschuldet.

Automatisierte Überwachung ist längst im Alltag angekommen

Statt FindFace und ähnliche Anwendungen als Vorboten einer Welt nach dem Vorbild von Minority Report zu verstehen, wäre es vernünftiger, die Unart des Targeted Advertising dort zu kritisieren, wo sie bereits in unseren Alltag eingreift. Wenn Facebook, Google, Amazon und all die anderen großen und kleinen Digitalkonzerne Persönlichkeitsprofile erstellen, um uns maßgeschneiderte Werbung zu bieten, ist das vor allen Dingen ein Problem der Datenerhebung, nicht der Datenverwertung. Und wenn Tatverdächtige demnächst vielleicht aus den Gangways unserer Flughäfen gefischt werden, weil ein Rechner den tausendfachen Gesichtsabgleich meistert, ist das vor allen Dingen ein Problem der Videoüberwachung, nicht der Fahndungsdatenbanken: Man muss doch eher fragen, wie viele Personen erst ihre Daten freigeben müssen – ob nun freiwillig oder nicht –, ehe ein messbarer Nutzen entsteht. Wie viele Personen müssen sich einem Körperscanner offenbaren, ehe ein Anschlag vereitelt werden kann? Wie viele Personen müssen ihre Gesichtszüge in eine Datenbank einspeisen, bevor ein Fremder seine Freunde auf seinen Fotos markieren kann? Wenn sensible Daten einmal hinterlegt sind, kann ihre Verwendung durch den Betroffenen kaum mehr nachvollzogen werden. Eine Löschung mag möglich sein, ob sie aber so säuberlich und rückstandslos erfolgt wie erhofft, bleibt eine Frage des Vertrauens.

Hinzu kommt der Effekt, der eintritt, wenn eine Person glaubt, beobachtet oder überwacht zu werden. Es braucht keiner paranoiden Grundhaltung um zu verstehen, dass allein dieser Verdacht ausreicht, sein Verhalten anzupassen. Überwachung und andere Verletzungen der Privatsphäre müssen daher nicht einmal konkrete Bedrohungen sein. Sie können auch abstrakt bleiben, solange sie imminent genug sind, um auch tatsächlich als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Daran schließt sich eine Ökonomie der Überwachungsmittel an, welche mit minimalem Material maximale Effekte erzielen kann und diese sog. chilling effects auch instrumentell zu nutzen weiß. Eine öffentliche Diskussion in den Feuilletons und Meinungsspalten, in den Talkshows und Boulevardmedien bleibt jedenfalls aus. Daher sei in diesem Zusammenhang insbesondere auf die äußerst lesenswerten und sachkundigen Ausführungen Simon Assions zum Thema hingewiesen.

Jeder Einzelne ist gefragt, den Verhältnissen die Stirn zu bieten

Wie aber soll man sich verhalten, um gar nicht erst vom allsehenden Auge gesehen zu werden? Zunächst ist die Politik gefragt, den derzeitigen Zuständen durch passende Gesetzgebung die Stirn zu bieten. Auch gesunder Aktivismus ist ein guter Anfang. Die Stimme erheben, das Thema nicht ruhen lassen, im Freundes- und Kollegenkreis diskutieren und so weiter. Und auch denjenigen entgegentreten, die ethische und moralische Grenzen überschreiten. Ob das nun der distanzlose Typ mit FindFace in der Moskauer Metro oder vielleicht doch die Datenkrake auf unseren Telefonen und in unseren Browsern ist. Das alles wurde schon so oft an anderer Stelle eingefordert und empfohlen, dass es lächerlich scheint, immer wieder mit elterlicher Beharrlichkeit zu warnen und zu mahnen. Aber es bleibt richtig.

Manchmal kann die Lösung aber auch eine ganz pragmatische sein. Künstlerische Arbeiten wie Adam Harveys CV Dazzle geben erste Eindrücke, wie sich die Überwacher überlisten lassen. Make-up- und Styling-Ratschläge zur erfolgreichen Camouflage erhellen die Funktionsweisen der undurchsichtigen Technologien, die unsere Privatsphäre bedrohen, mehr als jeder Clickbait-Artikel. Wichtiger noch: Sie leben den notwendigen Aktivismus vor. Dass die konkreten Looks aus CV Dazzle kaum alltagstauglich sind, ist auch insofern zu verkraften, als dass sie gerade deswegen erst die Absurdität unserer Lage angesichts Gesichtserkennung hinter jeder unscheinbaren digitalen Oberfläche offenbaren.

In der Redaktion von Me.Urban hat man diesen Schuss noch nicht gehört. Hier wird Harveys Kampf gegen die Windmühlen dankbar aufgenommen, lediglich um noch eine weitere überflüssige Modestrecke mit edgy Styling zu produzieren. Schade, es gäbe soviel wichtigeres zu sagen.

Foto: Doppelseite der Me.Urban-Ausgabe 10/2016 im Sucher eines Apple-Smartphones.