Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der ich mir mit meinen liebsten Mädels Zettelchen in der Schule zuschob. Wir schrieben über den langweiligen Mathelehrer und philosophierten in Kurznachrichten darüber, wofür man so komische Gleichungen überhaupt braucht. Es lässt sich leider nicht verleugnen, dass das nun schon gut gerechnete fünfzehn Jahre her ist. Heute hält unsere Freundschaft immer noch an, nur sind aus den Zettelchen in der Schule WhatsApp-Nachrichten von Deutschland nach Australien und zurück geworden.

Einmal auf Anfang bitte

Unsere WhatsApp-Historie beginnt am 31. Juli 2012 (!).

31.07.12 00:10:06: Michelle hat den Betreff zu „Alle Tussis vereint“ geändert
31.07.12 00:10:08: Michelle ist beigetreten
31.07.12 00:10:09: Jelena ist beigetreten
31.07.12 00:10:09: Julia ist beigetreten
31.07.12 00:10:09: Sie sind beigetreten

Der Anfang war gemacht und unsere WhatsApp-Ära konnte offiziell beginnen. Seitdem vergehen kaum zwei Tage, in denen wir uns nicht lesen. Der Bedarf nach regelmäßigen Updates ist groß und die Nachrichtenflut hat stetig zugenommen.

Auszug aus vier ganz normalen Leben

In den vergangenen Jahren ging in unserer Gruppe alles Mögliche hin und her: „miss you“-Nachrichten, Grüße aus dem Kurzurlaub, Krankenhausaufenthalt inklusive Bildern, Fotos der neuen Wohnung, Lacher über Lacher, Outfit-Bilder samt Voting für das beste Dress zur bevorstehenden Feier, Status-Updates verschiedener Stimmungstiefs und Streits inklusive aufbauender „Tschakka-Nachrichten“ der anderen, Emoticons über Emoticons, und, und, und.
Früher gab es bei uns mehr Text, heute sind es eher Bilder und ewig lange Sprachnachrichten, die unseren Chat füllen.

Was wäre wenn?

Fast fünf Jahre nach unserer ersten WhatsApp-Nachricht stelle ich mir nun die Frage, was der digitale Wandel mit uns und unserer Freundschaft angestellt hat. Nach wie vor würde ich behaupten, dass es unserer Freundschaft sehr gut geht. Trotz oder gerade wegen WhatsApp? Wir sind ständig in Kontakt, halten uns gegenseitig über alles auf dem Laufenden. Wir geben uns anhand von Bildern und Kurzvideos Einblicke in unsere Leben und täglichen Geschehnisse und informieren uns mit Sprachnachrichten über all das, was sich eben nicht in Bilder oder Videos verpacken lässt. Dies alles mal mehr, mal weniger. Je nachdem was bei jeder einzelnen gerade so los ist.

Wie geht es Euch wirklich?

Aber weiß ich dadurch wirklich, wie es meinen Freundinnen geht? Würde ich vielleicht intensivere Gespräche führen, wenn wir nur auf das Telefon angewiesen wären? Oder macht es die Masse aus? Ziehen Wochen ins Land, bis ich zum Hörer greife und ist daher viel besser als nichts? Hauptsache immer auf dem Laufenden sein? Oder lieber mal ein bisschen weniger wissen, dafür dann aber „richtig“? Würde ich mir mehr Gedanken darüber machen, wie es meinen Freundinnen geht, wenn ich mich konzentriert hinsetze und ihnen regelmäßig Mails oder sogar Karten schreibe? Erlaubt das mein schnelllebiger Alltag überhaupt noch? Oder ist die Freundschaft dann direkt schon vorbei, weil ich einfach viel zu selten dazu kommen würde, ihnen zu schreiben? Und würde ich vielleicht besser zuhören, wenn sie vor mir säßen und ich ihre Geschichten live verfolge und nicht vom Band abhöre, während ich am Frühstückstisch sitze? Erzählen wir im Chat – und das bedeutet in erster Linie dem Telefon – auch wirklich alles, was uns bewegt? Oder funktioniert gerade das gut, weil einen weder Blicke noch Fragen unterbrechen und man sich fühlt, als würde man Tagebuch schreiben beziehungsweise aufnehmen? Eindeutig zu viele Fragezeichen für meinen Geschmack.

Dieses Hin- und Her beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Und manchmal zwinge ich mich dazu, eine belanglose Nachricht nicht abzuschicken, auch wenn ich gern ein kurzes „hallo, ich denk an euch“ in die Runde rufen würde. Gleichzeitig ist es auch schade, denn genau diese Spontanität macht es doch aus. Ein kurzes „hallo“, ein schnelles Bild, eine knackige Sprachnotiz. Das Aufrechterhalten unserer Freundschaft.

Diven in der digitalen Kommunikation

Und doch führt WhatsApp zu unzähligen Missverständnissen. Ich glaube, jede von uns hat schon mal eine Nachricht anders interpretiert und gelesen, als sie tatsächlich gemeint war. Daraufhin folgten etwas ruhigere Tage, bis sich alles wieder eingependelt hat. Wirklich förderlich ist das für eine Fern-Freundschaft ja nicht. Da hat bisher nur eins geholfen: Hörer in die Hand nehmen und miteinander sprechen.

Vielleicht aber haben wir schon zu viel miteinander erlebt, als dass blöde Missverständnisse in irgendeinem Online-Tool eine Freundschaft aufs Spiel setzen. Vielleicht ist unsere Freundschaft auch so eng, dass keine brenzlige WhatsApp-Kommunikation dieser Welt sie ins Wanken bringen könnte. Wirklich wissen tue ich das nicht. Ich glaube, ich hoffe es und weiß es insgeheim ein wenig.

Was denn nun? Fluch oder Segen?

Eine Antwort auf die Frage, ob unsere „WhatsApp-Kommunikation“ oder „Chat-Freundschaft“ ein Fluch oder Segen ist, habe ich nicht. Für mich ist es beides. Kein Chat, keine Sprachnachricht und kein Videoanruf dieser Welt können jemals ein Treffen oder eine Umarmung ersetzen. Wenn ich darüber nachdenke, wie viele schnelle und lieblose Nachrichten in unserem Chat herumdümpeln, von denen man sich viele hätte sparen können und die ganze Zeit zusammen gegen ein tolles, ausgiebiges Telefonat hätte eintauschen können, ist es also wohl ein Fluch. Ohne WhatsApp hingegen hätten wir viele Momente wohl nicht miteinander geteilt, mögen sie noch so belanglos sein. Die Bilder, die unsere Mediathek an die Grenzen des Datenspeichers treiben, sind Gold wert. Sie geben mir persönlich das Gefühl „näher dran zu sein“. Vielleicht hätten wir uns ohne diese Möglichkeit der Kommunikation auch längst schon aus den Augen – oder vielmehr Fingern – verloren. Also doch ein Segen?

Wie bei so vielem macht es wohl auch in der Kommunikation die Mischung aus: Von allem etwas und ganz ohne eins geht eben auch nicht gut. Ausgiebige Telefonate, Treffen wenn man auf dem gleichen Kontinent ist, einige WhatsApp Nachrichten und eben einfach das (Medium), was sich gerade richtig anfühlt. Ich bleibe in jedem Falle drin und dran. Und wer weiss, vielleicht werde ich in einigen Jahren über unsere Hologramm-Treffen schreiben und den Artikel mit „Damals, als wir uns noch WhatsApp-Nachrichten schrieben“ beginnen…