Brauche ich nicht endlich mal eine richtige Website? Das ist eine Frage, die ich mir in den letzten drei, vier Jahren immer wieder gestellt habe.

Schließlich verdiene ich mein Geld schon lange damit, digitaleKonzepte zu entwickeln und leite das Onlinemagazin von EDITION F, spreche auf Konferenzen darüber, wie man soziale Medien für die eigenen Anliegen nutzt, ich gebe Workshops dazu, wie man Berufsnetzwerke am besten nutzt, um einen neuen Job angeboten zubekommen.

 Und meine Website? Die ist ein Blog, das bei Blogspot gehostet wird und ich vor zehn Jahren mit meinen ergoogelten HTML-Kenntnissen so angepasst hatte, dass es für mich hübsch aussah. Heute sieht es aus wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, ich habe es schon lange nicht mehr geupdatet. Passt das Blog noch zu mir? Müsste ich nicht endlich auf die Domain, die ich mir gesichert habe, umziehen und mein Blog einmal neu aufsetzen. Durchschauen, zu welchen Texten ich nicht mehr stehe?

Ich denke nein. Denn dieses Blog war der Grundstein dafür, was ich heute mache. Ohne das Blog hätte ich nicht den Weg gefunden, der für mich der richtige war: Journalistin zu werden. Heute, wo es unzählige Blogs gibt und sehr viele Menschen diese mit der Intention aufsetzen, professionell zu bloggen und damit ein Einkommen zu sichern, scheint es für Menschen, die gerne beruflich im Journalismus arbeiten möchten, ein unumgänglicher Schritt, sich schon im Studium über ein Blog zu präsentieren. 2007, als ich begann ein Blog zu schreiben, war das nicht so. Aber die Geschichte beginnt noch ein wenig anders.

Bloggen als persönliche Reflexion

In meiner Schulzeit habe ich eine gute berufliche Orientierung vermisst, konnte aufgrund der Größe meiner Schule (sie war eher klein) nicht die Leistungskurse wählen, die ich wollte, und ein kreativer Beruf war in meiner Familie nicht erwünscht; ich sollte etwas „Ordentliches“ machen. Wenn ich also heute erzähle, dass ich nach Berlin kam, weil ich einen Studienplatz für Veterinärmedizin bekommen hatte, können es die meisten kaum glauben. Ja, ich habe im ersten Semester im Anatomiekurs tote Hunde aufgeschnitten. Das war dann aber auch das Einzige, was mir in diesem Fach Spaß machte. Später wechselte ich zu einer Studienmischung aus Publizistik, Psychologie und Politik, was manchmal wirklich spannend war, aber bei mir keine Leidenschaft weckte. Zudem blieb mir das Studium mehrere Antworten schuldig: Was kann ich eigentlich gut? Was motiviert mich? Wo kann ich weitere Ideen entwickeln?

Meine Blogs, erst eines, das ich gemeinsam mit meinem Mitbewohner schrieb, der den Anstoß dafür gab (Danke, Jan!), dann mein zweites, das sich mehr auf Feminismus fokussierte, wurden später zu genau diesen Experimentierfeldern, die mir mehrere Sachen ermöglicht haben: zum einen die Reflexion darüber, was mir wichtig ist und was mich antreibt. Zum andern zu sehen, was möglich wird, wenn man mit anderen zusammenarbeitet, und zu verstehen, warum Interaktion mit und lernen von Leserinnen und Lesern so wichtig und für modernen Journalismus unverzichtbar ist.

Das Blog war also das beste Selbststudium – ergänzt um Menschen, die sich mit ähnlichen Themen befassten. Für mich die ideale Ausbildung, denn hier hatten alle eine Leidenschaft und Neugierde darauf, was die anderen gerade antrieb – ganz anders als die unmotivierten Gruppen für gemeinsame Referate an der Uni.

Übung macht den Journalisten in der Digitalbranche

Ohne es zu wissen und zu planen, habe ich beim Bloggen wichtige Dinge gelernt, die plötzlich im Journalismus gefragt waren, jedoch an Universitäten und Journalistenschulen nicht gelehrt wurden: Community-Management, Schreiben für soziale Medien, erste Ansätze für Community-Journalismus und den Mut, Neues auszuprobieren und zu schauen, ob es funktioniert. Daran, dass es Journalismus besser machen kann, wenn man Leserinnen und Leser einbindet, habe ich immer geglaubt – das ist meine Leidenschaft.

Ich halte wenig davon, Fähigkeiten zu entwickeln, nur weil sie gerade gefragt sind. Das gefragte Skillset wandelt sich in der Digitalbranche ohnehin zu schnell. Deshalb sind für mich die wichtigsten Fragen, die ich anderen mit auf den Weg gebe würde, egal ob sie nun ein Blog schreiben oder sich nicht sicher sind, ob dieser Job der richtige für sie ist: Lernst du etwas über dich selbst? Wächst du persönlich – nicht nur fachlich? Hat deine Arbeit dich zuletzt selbst überrascht und du neue Seiten an dir entdeckt?

Dazu zählt auch, über sich selbst Lachen zu können, wenn man in alten Blogtexten oder Bildern stöbert und sich denkt: „Ernsthaft, das hab ich geschrieben?“ Denn nur wenn man liebevoll zurückblicken kann auf das jüngere Ich, ist man tatsächlich gewachsen, hat die eine Phase seines Lebens abgeschlossen und eine neue begonnen.

Daher ist mein Tipp an junge Leute, die in den Journalismus wollen: Dokumentiert eure Entwicklung. Wenn nicht öffentlich in einem Blog, dann wenigstens für euch selbst. Auch wenn es immer wichtiger wird, schnelle digitale Formate wie Snapchat, Instagram oder Live-Videos zu beherrschen, hilft Schreiben ungemein dabei, sowohl eine eigene Haltung auszubilden, sich selbst zu hinterfragen als auch sprachlich zu reifen. Ob Text dein Medium wird oder nicht – als Selbstreflexion ist es das beste Werkzeug.

Daher lösche ich mein altes Blog nicht, lasse das Design unberührt und bin manchmal immer noch traurig darüber, dort schon so lange nicht mehr geschrieben zu haben. Unsere Zeit gemeinsam war nämlich wichtig und schön.

Digitaler Optimierungswahn

Wer jedoch ständig die eigene digitale Präsenz optimiert, Texte löscht und korrigiert, sich möglichst unangreifbar macht und die eigene Persönlichkeit so konstruiert, dass sie möglichst die Anforderungen von Auftraggebern und Kunden anspricht, hat sich selbst noch nicht gefunden und gibt zu viel Macht an die ab, die andere oberflächlich beurteilen. Zu viel zu planen, beschränkt in der eigenen Entwicklung. Die Dinge auch mal laufen zu lassen, Projekte anzugehen, ohne ihren unmittelbaren Nutzen zu kennen, ist wichtig, um dem Zufall wieder den Stellenwert einzuräumen, den er verdient: einen hohen. Und da die meisten doch ein wenig an Schicksal glauben, ab und an Horoskope lesen und denken, dass die große Liebe kommt, wenn man sie gerade nicht sucht, sollten wir diese Sichtweise endlich auch auf unseren Berufsweg übertragen: experimentieren, nicht alles planen, dem Bauchgefühl vertrauen.

Diese Haltung ermöglicht sicherlich keinen geradlinigen Karriereverlauf, aber umso wahrscheinlicher einen, der glücklich macht – beruflich und persönlich.

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Teresa Bücker ist Chefredakteurin von EDITION F und spricht regelmäßig auf Konferenzen über digitalen Journalismus, politische Kommunikation und Feminismus. Sie hat mehrere Jahre lang Parteien und Spitzenpolitiker in Fragen digitaler Strategien beraten und das Relaunch-Konzept Wochenzeitung der Freitag mitentwickelt. Ihre Liebe fürs Netz entdeckte sie über das Bloggen beim Gemeinschaftsblog knicken und flannel apparel.

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