In Adam Curtis Dokumentarfilm HyperNormalisation gibt es eine Stelle, an der er von ELIZA erzählt. ELIZA ist ein Computer-Therapiesystem, das von Joseph Weizbaum, einem Programmierer am MIT, in den 1960er-Jahren erschaffen wurde. Das Programm änderte Fragen, die ihm gestellt wurden, leicht ab und antwortete den Testpersonen mit inhaltlich gleichen Gegenfragen. Obwohl die Testpersonen wussten, dass sie mit einem Computer kommunizierten, funktionierte die Therapie. Für Weizbaum war es der Beweis dafür, dass Menschen am stärksten auf sich selbst reagieren und sich am wohlsten fühlen, wenn ihre eigenen Meinungen bestätigt werden.

Nach den US-Wahlen musste ich viel über ELIZA, Filter-Bubbles und den Filtermechanismus in meinem eigenen Leben nachdenken und wie schockiert ich war, als ich mit dem Umzug nach Berlin wieder mit Ansichten konfrontiert war, die ich so gar nicht teilten konnte – und dass all das im Grunde eine gute Sache war.

Meine kleine, kuschelige Wiener Filter-Bubble

Ich bin in Wien aufgewachsen und jeder, der Wien kennt, weiß, dass die Stadt einem kleinen, wunderschönen Museum gleicht. Einem Museum, das von cholerischen „Ordnungshütern“ bewacht wird – sei es die pöbelnde Omi, die eine Gruppe Jugendlicher auffordert, das Land zu verlassen, weil sie sich zu laut unterhalten, Sicherheitspersonal des Vienna International Airports, das sich während des Security-Checks lautstark homophobe Witze erzählt, oder passiv-aggressive Beamte, die mit Ausländern, die nicht akzentfrei Deutsch sprechen, umgehen, als hätten sie den IQ eines Tennisballs.

Das ist aber nur eine Seite von Wien, es gibt nämlich auch noch die liberale Blase. Sie war mein kuscheliges Zuhause, denn darin war die Welt noch in Ordnung und die Menschen, denen man darin begegnete, waren kreativ und kosmopolitisch. Die Blase war durchlässig und es war leicht, ein Teil davon zu werden. Man durfte alles sein, was man sein wollte solange man kein Arschloch war.

Meine riesige East-London-Filter-Bubble

Mit dem Umzug nach London ist meine kleine Blase explosionsartig gewachsen. Irgendwann war absolut jeder in meinem Umfeld auf irgendeine Weise kreativ tätig und an ähnlichen Dingen interessiert wie ich. Es war fast schon unheimlich und manchmal war’s einfach nur peinlich, wie ähnlich wir uns alle waren. Aber es war natürlich auch angenehm, ausschließlich von Menschen umgeben zu sein, die ähnlich ticken wie man selbst. Ich bewegte mich fast ausschließlich in meiner East-London-Filter-Bubble, und darin war alles OK. Natürlich war das nur eine Seite der Stadt, aber es war die, in der ich mich großteils bewegte. Political Correctness und Diversität wurden in einem Ausmaß zelebriert, wie ich es vorher nicht kannte, und Omis und Opis gingen mit den Kids im Pub einen saufen, anstatt sie anzupöbeln. Die gleiche Vielfalt an Menschen, die man auf der Straße sah, sah man im Büro, auf Plakaten, im Fernsehen usw. Diversität war die Norm. Auch wenn die Menschen in meiner Blase sich manchmal wie prätentiöse Diven benahmen, waren sie trotzdem offener und vorurteilsfreier, als ich es jemals vorher erlebt hatte. Das einzige Problem war: Die Blase wurde immer größer und ich vergaß nach und nach, was um sie herum passierte.

Berlin und die Filter-Bubble-Pause

Als ich nach Berlin umzog, hatte ich irgendwie die Erwartung, dass es sich mit der Blase ähnlich verhalten würde wie in London – und lag damit völlig daneben. Nicht nur weil manche Meinungen, die ich hörte, nicht meiner eigenen entsprachen, sondern weil es regelmäßig passierte, dass gerade in Gesprächen mit selbsternannten Liberalen echt bescheuerte, diskriminierende Kommentare gemacht wurden. Die Political-Correctness-Kultur, die ich in London so verinnerlicht hatte, wurde oft als lästig oder als Angriff auf die Meinungsfreiheit bezeichnet. Aber es gab auch andere Gespräche, zum Beispiel darüber, wie langweilig es ist, immer nur glückliche, blonde, heteronormative Menschen von Plakaten strahlen zu sehen, und wie tollpatschig die gutgemeinten Versuche, Diversität zu zeigen, oft waren – von goofy Asiaten über entweder verhungernde oder musikalische schwarze Menschen hin zu Lederschwulen etc.

In einem dieser Gespräche ist der Gedanke entstanden, DADDY zu gründen, ein Online- Magazin, in dem Diversität nicht nur ein Randthema ist. Wir wollten einerseits Menschen aus verschiedenen Communities ansprechen, die nicht oft genug bzw. stereotypisiert repräsentiert werden, und andererseits diejenigen erreichen, die davon genauso genervt waren wie wir. Warum sollte es nicht möglich sein, zur Abwechslung mal eine multiethnische Familie, die nicht aus Mutter, Vater und Kind besteht, Nutella essend am Frühstückstisch zu sehen? Und warum sollte es nicht möglich sein, über diese Dinge zu schreiben, ohne dabei trocken und humorlos zu sein?

Jedem rutscht ab und zu mal ein richtig doofer Spruch raus, jeder hat internalisierte Vorurteile und ich schließe mich selbst davon nicht aus. Laut diesem Test bin ich auch ein bisschen sexistisch… Nach Brexit und den US-Wahlen wurde ich, so wie viele andere, auch daran erinnert, dass die Anzahl der Menschen, die deutlich anders denken als ich, gar nicht so klein ist, und wie bescheuert es ist, sie deswegen gleich abzustempeln. Nur wenn man mit Menschen, die anders denken, kommuniziert und dabei vor allem auch selbst offen bleibt, kann man etwas verändern.

Die Welt kann ganz schön eklig sein und deswegen ist es meiner Meinung nach essentiell, eine Blase zu haben, in der alles in Ordnung ist. Es ist aber genauso wichtig, diese Blase nicht hermetisch zu versiegeln und ab und zu den Filter mal auszuschalten.