Ich kenne sie alle. Als Bloggerin, Designerin und Illustratorin sind die Regeln, die ein gutes Bild ausmachen, mein täglich Brot. Trotzdem werfe ich sie regelmäßig über Bord – immer, wenn es um Instagram geht. Dabei ist es so einfach, einen Stil zu definieren. Man muss nur seinen Stil finden. Oder vielleicht auch den Stil der anderen? Vielleicht den allgemeinen Instagram-Stil? Einen Stil, der nach Langeweile nur so schreit. Und genau hier stoße ich persönlich an meine Grenzen. Nur in eine Richtung schwimmen war noch nie mein Fall. Ich habe immer alles ein wenig gemacht: Leistungssport, Theater spielen und Kochen. Aus meiner Zeit im Leistungssport nehme ich mit, dass ich vieles gut konnte, es aber keine Disziplin gab, in der ich meinen Konkurrentinnen regelmäßig gezeigt hätte, wer die dicksten Eier hat. Das fand ich aber nie schlimm, denn durch die Abwechslung habe ich auch nie den Spaß verloren. Viele Hobbies, aber keins so richtig.

 

Die Perfektion des eigenen Alltags

Das zeigt sich auch in meinen Instagram-Accounts: Vor Allem auf meinem privaten Account: Ein Sammelsurium an Bildern, manchmal sehr stilvoll, manchmal fragwürdig aussagelos. Diesen Account nutze ich wie ein Fotoalbum, dass ich mit meinen Freunden und Freundinnen teile. Er ist nicht öffentlich und ich entscheide, wer ihn anschauen „darf“. Das hört sich nach elitärem Club an, und so ist es auch. Ich möchte mein Privatleben nicht mit jedem teilen. Und privat heißt für mich deswegen auch nicht perfekt. Da wird die verwüstete Wohnung mit Kind nicht arrangiert, da gibt es auch mal Hühnersuppe oder Nudeln mit Ketchup statt Avocado-Sauerteigbrot und Green Smootie. Da ist alles dabei, vor allem stilistisch. Und genau das macht es meiner Meinung nach aus.

Dann wäre da noch der professionelle Account von meiner Kollegin Judith und mir aka Newniq. Hier läuft die Sache ein wenig anders. Hier geht es um Follower und dauerhafte Fans. Das heißt aber nicht, dass alles rigoros dokumentiert wird. Wir achten auf einen guten Mix aus persönlichen und professionellen Bildern. Natürlich achten wir hier mehr auf gute beziehungsweise professionelle Bilder als im privatem Bereich. Scrollt man sich durch unseren Account, fällt auf: Hier ist einiges los. Dunkle Farben treffen auf eine pastellige Farbenwelt. Mal Pflanzen, mal Interior, mal Judith und ich. Das heißt nicht, dass wir uns keine Gedanken darüber machen, wie unsere Bilder aussehen sollen, und wir jeden noch so mittelguten Dreck raushauen. Wir machen uns sehr wohl Gedanken darüber, was zu unserem Stil passt und was nicht. Aber unser Stil ist eben von allem ein bisschen. So behalten wir uns die Freude am Posten, samt der regelmäßigen Gespräche darüber, dass „wir keinen einheitlichen Stil“ haben. Denn diese Gedanken kommen immer wieder auf, gefolgt von abschließenden Sätzen wie: „Ja, schon, aber vielleicht liegt im Mix unsere Kraft“ oder „Boah, ich will jetzt aber nicht so einen langweiligen Muddi-Blog-Stil haben.“ (Ja genau, ich verfalle hier in rosa-gepunktete Verallgemeinerung).

Als Design- und Interiorblogger posten wir oft schönes Design und Interior und den alltäglichen Wahnsinn

Ich kann nicht immer denselben langweiligen Mist posten. Accounts, auf denen ein Bild dem nächsten gleicht, ermüden meine Augen und mein Hirn. Natürlich ist es ästhetisch ansprechend, seine Accessoires medizinisch clean anzuordnen. Aber wer um Himmels Willen kann mehr als zehn Marmorplatten, täglich schwarzweiße Typoprints und die ständigen Bilder der eigenen Füße auf Dauer ertragen? Ich kann es nicht.

Bei vielen Instagramaccounts geht der Stil zu Ton in Ton
Sehr im Trend ist Ton in Ton und Entsättigung: Hier zu sehen bei postcardsfromgiulia

 

Machen wir nicht auch nur das, was alle machen?

Trotz dieser Überzeugung machen wir den ganzen Mist dennoch manchmal mit. Ich bin schließlich Designerin und mein Auge ist visuell geprägt. Während meines Studiums habe ich mich viel mit Fotografie beschäftigt (ich bin sogar so alt, dass ich noch im Schwarzweißlabor Fotos in echter Chemie entwickelt habe). Deswegen kann ich grobe Fehler in der Fotografie nicht einfach ausblenden. Natürlich müssen Bilder auch mal clean sein. Vor allem von Design- und Interior-Bloggern ist vom Kunden oft ein gewisser Stil erwünscht beziehungsweise automatisch durch die Kollektion vorgegeben. Ein Designklassiker sollte beispielsweise der Fokus im Bild sein, ohne viel Tamtam, das ablenkt. Imperfekte Momentaufnahmen sollten dennoch nicht verloren gehen.

Mit meiner professionellen Kamera mache ich oft bessere Bilder als mit dem Handy, aber ich sehe nicht ein, alle meine Instagram-Fotos professionell aufzuziehen. Wo bleibt die Spontanität, wenn ich jedes Bild erst einmal mit der Spiegelreflex mache, dann aufs Handy lade und weiterverarbeite? Weiterverarbeiten heißt meist: mit sehr viel Helligkeit und am besten mit hübschen Filtern. Sollte sich das auf Dauer durchsetzen, ist für mich die Grenze erreicht. Dann macht Instagram keinen Spaß und vor allem keinen Sinn mehr. Wenn es überhaupt jemals Sinn gemacht hat.

 

Schaue ich mir also nie schöne Accounts an?

Versteht mich nicht falsch, ich könnte mich stundenlang durch schöne Instagram-Accounts scrollen. Der von @Finn Beales hat es mir zum Beispiel gerade angetan. Hier heißt es dann so lange klicken, bis sich mein Reisefernweh nach Schneelandschaften und wilder Natur kaum mehr bändigen lässt. Noch lieber sehe ich mir aber Accounts mit Humor an. Vielleicht auch, weil ich im Privatleben lieber lustige statt zwingend schöne Menschen um mich rum habe. Mein derzeitiger Insta-Liebling ist @celestebarber. Vor allem die Instagram Stories der australischen Komikerin lassen mich regelmäßig in Lach-Heul-Attacken ausbrechen. Hier ist die Stillosigkeit eigentlich die größte Herausforderung; erfrischend echte Bilder ohne aufwändige Bearbeitung.

Die breite Masse will keinen einheitlichen Stil

Aber worauf steht der User? Geht Humor und Persönlichkeit über stilvolle Bilder? Recherchiert man die Top 10 der erfolgreichsten deutschen Instagram-Accounts, ist die Ernüchterung groß: Ganz oben mit dabei sind Fußballer der Nationalelf. Verwundert nicht wirklich. Ohne dieser Berufsgruppe nahe treten zu wollen, sage ich es mit Schweinsteigers Worten: „Das ist nicht lustig, … aber Funnyyyy….“, denn die meisten dieser Accounts glänzen durch unfreiwillige Komik, Stilunsicherheit und ganz viel Ehrlichkeit. Und das ist mir noch lieber, als jeden Tag das gleiche #ootd mit hohem Weißanteil im Bild zu sehen.