There’s an app for that“ ist die Diagnose einer gesellschaftlichen Entwicklung, die auch vor dem menschlichen Grundbedürfnis Essen nicht Halt macht. Mit der Digitalisierung verlagern sich nahezu alle Lebensbereiche in das Internet oder auf digitale Geräte.

Mit dem Smartphone bestellen wir uns frische Lebensmittel oder fertig zubereitete Gerichte direkt nach Hause. Auf Food-Blogs blättern wir durch Rezepte und lassen uns inspirieren. Mit Anbietern wie mymuesli personalisieren wir Nahrungsmittel und passen sie an unsere Ernährungsbedürfnisse an. Restaurants und Cafés wählen wir mit Apps wie Foursquare oder Yelp anhand ihrer Bewertung aus und vermeiden damit böse, aber auch gute Überraschungen.

Essen mit allen Sinnen

Lebensmittel einkaufen, Gerichte kochen, ein Restaurant entdecken – all das sind Erlebnisse für die Sinne. Geschmack ist nicht nur das, was auf der Zunge geschieht. Beim Essen und Trinken verbinden wir den Geschmack mit Gerüchen und dem Gefühl, das wir im Mund spüren. Essen oder Getränke können knusprig, warm, klebrig, cremig oder prickelnd schmecken. Im Englischen unterscheidet man in der Wissenschaft deshalb zwischen den Begriffen taste und flavor. Taste kann fünf Ausprägungen haben: süß, salzig, bitter, sauer und umami. Flavor hingegen ist die Verbindung aller Sinneseindrücke: das gesamte Geschmackserlebnis.

Die Digitalisierung des Essens drückt diese sinnlichen Erlebnisse auf eine Dimension zusammen: Auf Webseiten und in Apps zählt vor allem das Aussehen der Produkte. Auf der einen Seite hat das Raum für kreative Ideen geschaffen. Köchinnen wie Sophia Hoffmann oder Lebensmittel-Geschäfte wie das Koch Haus erstellen täglich neue visuelle Kunstwerke, auf denen sie ihre Essenskreationen ansprechend darstellen.

Die digitale Simulation der Wahrnehmung

Noch schöner wäre es aber, wenn man auch den Geschmack und den Duft der Speisen im Internet erleben könnte. Seit einigen Jahren untersuchen Forscher deshalb, wie die digitale Welt nicht nur die visuellen, sondern alle menschlichen Sinne ansprechen kann.

Wenn ein Mensch keine Speise direkt vor sich hat, können Geschmack, Geruch und andere Sinneseindrücke auch erzeugt werden, indem die Sinnesorgane oder das Gehirn direkt stimuliert werden. Die Vorarbeit hierfür entstand in Jahrzehnten psychologischer und neurowissenschaftlicher Forschung. Zwar ist das Wissen über das menschliche Gehirn noch stark begrenzt. Doch die Hirnareale, in denen Geräusche oder Berührungen der Haut verarbeitet werden, können inzwischen relativ genau eingegrenzt werden.

Um Bereiche im Gehirn so zu stimulieren, dass eine bestimmte Sinneswahrnehmung zustande kommt, braucht es aber noch weit mehr. Eine weitere große Frage ist, wie genau die Bereiche stimuliert werden müssen, um einen bestimmten Eindruck zu erzeugen. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen visuellen oder akustischen Reizen einerseits und Geschmäckern und Gerüchen andererseits.

Erstere können durch elektrische Geräte gemessen werden. Das erlaubt es, die Messungen in digitale Daten zu übertragen und zu einem späteren Zeitpunkt genau so wiederzugeben. Bei einem Geschmack oder Geruch funktioniert das nicht ohne Weiteres. Um in einer digitalen Welt riechen und schmecken zu können, müssen also zunächst die richtigen Sinnesreize komponiert werden.

Diese Aufgabe könnten in Zukunft sogenannte Digital Cooks übernehmen. Ihre Tätigkeit könnte ähnlich wie die eines DJs aussehen, der elektronische Musik mixt. Dazu nutzt er unter anderem spezielle Software, in der bereits verschiedene Klänge in digitalisierter Form bereitstehen, die verändert und kombiniert werden können. Vielleicht werden Nutzer den Geschmack ihres Essens aber auch ganz nach Belieben selbst einstellen können.

Der Geschmack der Zukunft

Erste Prototypen zeigen, wie Geschmack in Zukunft durch elektronische Geräte simuliert werden könnte. Beispielsweise hat ein Forscherteam um Nimesha Ranasinghe einen Löffel entwickelt, der verschiedene Geschmacksrichtungen erzeugen kann. Wenn der Nutzer den Löffel in den Mund nimmt, stimuliert dieser die Geschmacksnerven auf der Zunge mit einer geringen Stromspannung. In Tests zeigte sich, dass die Geschmacksrichtungen salzig und sauer bereits relativ zuverlässig erzeugt werden können.

Arinobu Niijima and Takefumi Ogawa von der Universität Tokio haben untersucht, wie ein künstlicher Widerstand beim Kauen erzeugt werden kann, obwohl der Mund einer Person eigentlich leer ist. Dazu werden der Person von außen kleine Elektroden auf einen Kaumuskel aufgeklebt. Mit ihnen wird der Muskel elektronisch stimuliert, wenn die Person eine Kaubewegung ausführt. Für die Person fühlt es sich dann so an, als würde sie auf etwas draufbeißen. Dieses Video zeigt einen Prototyp, bei dem verschiedene Grade von Härte und Elastizität ausgewählt werden können.

Diese neuen Technologien können durchaus Stoff für gruselige Zukunftsszenarien bieten. Hängen Menschen in Zukunft an einem Tropf mit einer idealen Nährstofflösung, während sie auf perfekt komponiertem, virtuellem Essen herumkauen? Ausschließen lässt sich so ein Szenario nicht.

Ein Löffel, der einen süßen oder salzigen Geschmack erzeugt, kann Menschen aber auch dabei helfen, ihren Zucker- oder Salz-Konsum zu senken und damit zu einer besseren Ernährung beitragen. Zudem könnten Personen, die aus körperlichen oder gesundheitlichen Gründen keine feste Nahrung zu sich nehmen können, wieder das Gefühl von Essen empfinden und damit ein Stück Lebensqualität zurückgewinnen.

Es lohnt sich daher, die Möglichkeiten von digitalem Essen weiter zu erforschen. Welche Vor- und Nachteile sie letztlich mit sich bringen hängt vor allem davon ab, wie aufgeklärt und selbstreflektiert die Menschen sie für sich einsetzen.