Wie soll ich Entspannung, einen geschmeidigen Körper, tiefen Atem und vor allem Selbsterkenntnis erlangen, wenn ich den ganzen Tag mit schnellen Fingern auf ein kleines Gerät einhacke? Wenn ich es bei meinen Yoga-Übungen nicht einmal schaffe, den Rechner auszuschalten, ist doch alles, was Yoga ausmacht, verloren. Oder?

So ungefähr dachte ich bis vor einiger Zeit über die zahlreichen Online-Yoga-Angebote, die sich im Yoga-Universum tummeln. Mit der Zeit wurde ich allerdings eines Besseren belehrt und muss eingestehen: Online-Yoga ist eine super Sache.

Nicht jeder hat das Glück, in einer Gegend zu wohnen, wo es so viele gute Yoga-Lehrer und -Lehrerinnen gibt wie in Berlin-Kreuzberg, und das nächste Studio maximal fünf Gehminuten entfernt ist. Ein Besuch im Yogastudio wird dann schnell ein Unterfangen, das mindestens einen halben Tag in Anspruch nimmt. Manche Menschen reisen so viel, dass ein regelmäßiger Yogakurs keine Option ist, weil sie zu oft weg sind. Andere haben kleine Kinder, deren Bedürfnisse keine festen Termine zulassen, und wieder anderen fehlt einfach das Geld für eine Mitgliedschaft in einem Yoga-Studio.

Selbst ich habe die guten Seiten von Online-Yoga-Klassen entdeckt: Vor allem für meine eigenen Workshops lasse ich mich regelmäßig von guten Lehrern auf dem Netz inspirieren und stibitze Sequenzen, Tricks oder Variationen von Yoga-Haltungen, um sie dann meinen Schülerinnen und Schülern näherzubringen.

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Auf der Suche nach Inspiration habe ich nicht alle, aber doch viele Yoga-Plattformen getestet. Meistens englischsprachige, denn Deutschland steckt in Sachen digitales Yoga noch in den Kinderschuhen. Zwar habe ich einige gute Angebote entdeckt, wirklich empfehlen will ich allerdings nur diejenigen, zu denen ich selbst immer wieder zurückkehre.

Mit den deutschen Yoga-Stars auf yogaeasy praktizieren

Das Online-Yoga-Studio ist das einzige deutsche digitale Yoga-Angebot, das sich hierzulande wirklich durchsetzen konnte. Ja, es gibt auch andere, aber yogaeasy.de liefert seit langem konstant qualitativ sehr guten Yoga-Unterricht mit den Größen der Szene, entwickelt sich weiter und hat inzwischen eine große Auswahl an Stilen, Lehrern und Klassenformaten. Im Urlaub schmeiße ich selbst gerne mal eine Klasse mit meinem Lehrer Patrick Broome an oder übe mit den Münchner Jivamuktis Petros Haffenrichter und Antje Schäfer. Auf dem Portal gibt es auch spezielle Programme wie Meditation, Yoga für den Abend oder Schwangerenyoga. Allen Schwangeren empfehle ich übrigens wärmstens Gabriela Bozics Schwangerschafts-Flow.

Yogaglo, der englischsprachige Pionier

Mit über 3500 Klassen ist yogaglo.com definitiv eine der größten Plattformen auf dem Markt. Ähnlich wie bei yogaeasy unterrichten hier nicht die Yoga-Lehrerinnen von nebenan, sondern die Stars der Szene: Elena Brower, Amy Ippoliti, Richard Freeman und Noah Maze zum Beispiel. Es handelt sich um ganz normale Yoga-Klassen, die relativ simpel gefilmt sind und einem das Gefühl vermitteln, mittendrin zu sein. Eine super Möglichkeit, ein wenig internationalen Yoga-Vibe in die eigenen Glieder zu bekommen. In L.A. gibt es außerdem ein Studio, das man kostenlos besuchen kann – sofern man damit einverstanden ist, in einem der Videos aufzutreten.

In Echtzeit, online und interaktiv: Das Online-Studio yogaia

Online, aber fast wie Yoga im Studio ist das Konzept hinter yogaia. Hier gibt es einen festen Stundenplan und regelmäßige Klassen, stets mit den gleichen Lehrern. Man entscheidet sich zum Beispiel für Dynamic Yoga mit Emily mittwochs um acht Uhr oder für Pranayama mit Charlie und kann sich den Termin fest in den Kalender eintragen. Die Lehrer unterrichten live in einer Wohnung in London oder Helsinki. Der Clou: Wenn du die Kamera deines Laptops anschaltest, kannst nicht nur du die Lehrerin, sondern sie auch sie dich sehen und dich mit ganz konkreten Hinweisen in deiner Praxis unterstützen. Leider wurde das deutsche Angebot eingestellt, doch wenn du Finnisch oder Englisch sprichst, kannst du yogaia.com mal ausprobieren. Hier habe ich einen ausführlicheren Testbericht geschrieben.

Mein privates Lieblingsangebot: Yogapakete auf codyapp

Auf codyapp.com gibt es Bundles, also Yoga-Programme, die sich bestimmten Themen widmen. So kann man sich von Yoga-Crack Kino MacGregor die erste Serie des Ashtanga-Yoga in aller Ausführlichkeit nahebringen lassen oder mit dem schönen Patrick Beach in Learn to handstand dem Balancieren auf zwei Händen annähern. Die Bundles bestehen meist aus mehreren Videos, in denen teils theoretisches Wissen vermittelt, oft aber ganz praktisch geübt wird. Im Gegensatz zu den anderen vorgestellten Angeboten kauft man hier das Paket und muss sich nicht für eine monatliche Mitgliedschaft entscheiden.

Yogainternational: Mein Vorbild und unendliche Inspirationsquelle

YOGA International ist riesig und großartig. Ihre Mission: „Sharing yoga with the world.“ Auf dem Portal gibt es unzählige sehr gute Blogartikel, Challenges, Kurse und digitale Live-Klassen. Neben meinen Lehrern aus Fleisch und Blut ist YOGA International meine größte Inspirationsquelle was Weiterbildung angeht. Speziell für besondere Schwierigkeiten, die während der Yoga-Praxis immer wieder auftauchen – es gibt glaube ich kein Thema, über das man hier nichts findet: ein Tutorial zum Üben des Kopfstandes, einen sehr fundierten Artikel darüber, wie man die hinteren Oberschenkelmuskeln vor Verletzungen schützt oder eine Anleitung dazu, wie man am besten in Chaturanga springt. Der Himmel für Yoga-Nerds und für mich ein großes Vorbild in Sachen Yoga-Blog.

Nach wie vor übe ich Yoga am liebsten analog und fern meines Laptops. Doch verzichten will ich auf meine Online-Yoga-Welt nicht mehr, denn sie bereichert mich vor allem in Bezug auf meinen eigenen Unterricht. Und ab und zu ist es auch für mich als Yoga-Lehrerin nett, den Kopf auszuschalten und mich von jemand anderem im eigenen Wohnzimmer unterrichten zu lassen.

Mein Tipp an alle Online-Yogis: Testet die Anbieter selbst und schaut, was euch anspricht. Vergesst aber nicht, alle Push-Benachrichtigungen auszuschalten und das Mail-Programm zu schließen. Zu groß ist die Gefahr, auch noch auf der Yoga-Matte zu arbeiten.

Fotos: Hendrik Thul