Da ist er wieder, einer dieser Netzwerkabende, an denen Menschen zusammenkommen und über Fachthemen plaudern. Ein Abend, an dem man teilnimmt, das Herz und vielleicht auch den Verstand aber schön zu Hause lässt. Ein Abend, an dem ich mich danach wahrscheinlich wieder ärgere, dass ich doch hingegangen bin. Aber warum nur? Denn die Voraussetzungen für eine gelungene Veranstaltung sind in der Regel gut: Meist eine nette Location, viele fremde und willige Menschen (wehe dem, der hier Böses vermutet!) und ausreichend Alkoholika.

Aber trotzdem fühle ich mich oft auf diesen events nicht wohl. Und das nur aus einem einzigen Grund: Es ist das Gegockel der anwesenden Herren, die mit geschwellter Brust von ihrem Business erzählen und dabei von weit oben auf mich herabblicken. Jene, die den Raum für sich einnehmen, ihn mit Märchen füllen und nur ihresgleichen zulassen. Um beim Bild des Hahns zu bleiben, muss ich sagen, dass man natürlich nicht jeden Businessmann über einen Kamm scheren sollte, aber es fällt schon auf, wie scheinbar gerne diese Herren einen von oben herab behandeln.

Businesstalk oder Diskriminierung: Oder warum hört mir hier eigentlich niemand zu?

Da stehe ich also wieder mit meinem zweiten Rotwein in der Hand. Nachdem ich gekonnt die erste halbe Stunde mit Fingerfood und Rumstehen verbracht habe, nähere ich mich einem Tisch. Drei Männer, keine Frau – das spiegelt immer noch viele Branchen wider. Und da ist er wieder. Beinahe hätte ich ihn übersehen, aus der Hoffnung heraus, diesmal würde es anders werden.

Dieser kleine abwertende Blick aufgrund meines X-Chromosoms. Oder sagen wir es einfach mit den Worten von Giulia Becker, die letztes Jahr ihr Lied im Neo Magazin Royal vorstellte, das ich sofort zum Winter-Silvester-Sommer-auf-immer-und-ewig-Hit erkor. Denn die Message von Giulia ist klar: Es liegt an meiner Scheide. Nicht mehr und nicht weniger. Mag jetzt hart klingen, ist aber so.

Langweiliger talk auf Netzwerkveranstaltungen

Wäre ich ein Mann, dann wäre es sicher oft anders. Dann würde man mir trotz meiner Körpergröße auf Augenhöhe begegnen und meine Geschäftsidee ernstnehmen. Stattdessen werde ich übergangen und lausche den phantasievollen Erzählungen. Sätze wie „Wir wollen erst einmal gesund wachsen, werden aber bald Gespräche führen“ bedeuten nicht mehr als „Ich traue mich nicht zu sagen, wie klein wir sind und dass bisher noch kein Investor angebissen hat.“

Und ich frage mich immer, warum man alles so wahnsinnig ausschmücken muss. Warum man nicht sagen kann, dass man ein kleines Unternehmen hat, das aber genau weiß, wo der Hase läuft. Wann ist Ehrlichkeit eigentlich so unsexy geworden? Und durch den Narzissmus mancher Herren, habe ich als Frau das Gefühl, dass ich oft nicht gleichwertig behandelt werde. Ich habe mich tatsächlich einmal mit einem Mann unterhalten, der mir stolz erzählte, dass sein aufstrebendes Unternehmen private Financiers habe, um nach einer halben Stunde zu erfahren, dass Mama 5000 Euro beigesteuert hat.

Nichts als die Wahrheit

Mir war es beispielsweise nie peinlich zu sagen, dass wir unsere Designplattform Newniq.com selbst finanziert haben. Hauptsächlich haben wir alles zu zweit gestemmt, was uns in den letzten vier Jahren auch mal sehr viel Kraft kostete, um am Ball zu bleiben. Ehrlich zu sein, bedeutet nämlich nicht, Firmengeheimnisse zu verraten, sondern zu seinem Unternehmen zu stehen – egal wie groß oder klein es ist.

Denn nicht nur die Angst davor, erfundene Geschichten könnten irgendwann auffliegen, sondern auch die Selbstlügen würden uns auf Dauer kaputtmachen. Ich hätte das Gefühl, mein Unternehmen zu verleugnen und schönzureden. Es gibt dabei aber nichts Besseres, als auf seine Arbeit stolz zu sein, und das bin ich nicht, wenn ich mir Traumschlösser baue und andere von oben herab behandle.

Es gibt sicherlich Frauen, die auch gewisse Züge einer Selbstüberschätzung zeigen, aber ich selbst empfinde die Gespräche bei Netzwerkveranstaltungen mit Frauen einfach als angenehmer. Und auch als fachlich fundierter und ehrlicher. Aber da wir ja das Spiel mitspielen müssen, gibt es meiner Meinung nach zwei Arten von Menschen an solchen Abenden: Diejenigen, die das Gegockel imitieren, und diejenigen, die sich so klein machen, dass man sie gänzlich übersieht.

Businessmann vs. Businessfrau: Wenn unfair behandeln zur Normalitaet wird

Und das verstehe ich nicht. Denn Emanzipation haben die meisten von uns ja eigentlich von Kindesbeinen an gelernt. Auf beiden Seiten im besten Falle: Ich wusste früh, dass ich mich niemals unterdrücken lasse, und hoffentlich wussten meine männlichen Compagnons schnell, dass sie eine Frau nicht abwertend behandeln dürfen. Mein Vater beispielsweise erklärte mir recht früh, wie ich mich gegen böswillige Jungs zur Wehr setze. Im Jugendalter habe ich auf peinliche Mädchen-Flirt-Maschen verzichtet und als Erwachsene höchstens einmal in der Werkstatt die planlose Frau gespielt, um den Preis zu drücken. Vielleicht habe ich mich dafür ein wenig geschämt, aber irgendwie auch gedacht, dass ich durch meine bewusste Manipulation ganz clever bin.

Warum mich das „von oben herab“ immer wieder stört

Am Tisch stehend erzähle ich kurz und selbstbewusst, was ich tue, und bin nicht wirklich überrascht, dass es auf taube Ohren stößt. Ich glaube aber nicht, dass es an meinem Geschäftsmodell liegt. Ich hätte auch Hirnforscherin sein können, die gerade einen App-gesteuerten Chip entwickelt hat, der Schlaganfälle vorhersehen kann (coole Idee übrigens). Selbst dann hätte Mann mich nicht wirklich für voll genommen, sondern mich nach einem Partner gefragt, der das Unternehmen führt. Meine Mutter beispielsweise ist seit dreißig Jahren Geschäftsführerin und wird trotzdem noch oft gefragt, wo denn heute der Chef (mein Vater) sei.

Dicke Hose und Diskriminierung: Maenner und Frauen im Smalltalk

Ich höre aus Höflichkeit noch ein wenig zu und verlasse dann den Tisch, ohne dass groß Kenntnis davon genommen wird. Und so kehre ich der Veranstaltung mit einem hohen Maß an Enttäuschung den Rücken. Ich habe das Gefühl, ich hätte mich noch besser präsentieren müssen. Hätte mehr auf dicke Hose machen müssen – hätte, hätte, Etikette…

Ich summe eine Zeile aus Giulia Beckers Lied: „Ich würd´so gern zeigen, dass noch mehr in mir steckt als nur Gebäck!“ Und dann werde ich wieder klar und denke bei mir: „Nein. Du bist nicht das Problem. Denn selbst wenn nur Kekse in mir sind, dann habe ich diese wenigstens selbst gebacken. Jedes einzelne Stück ist durch meine Hände gewandert und wurde von mir geformt.“ Und während ihr das nächste Mal Mama wieder fragt, ob ihr an die Keksdose dürft, kann ich nur schmunzeln und es mir schmecken lassen.

Alle Bilder: NEWNIQ