Berlin im Dezember 1953. In der Bildmitte Unter den Linden, weiter westlich Tiergarten, Reichstag und Brandenburger Tor. Im Osten die Fläche, auf der drei Jahre zuvor noch das kriegszerstörte Schloss stand. Im unteren Bildteil die von Bomben ausgedünnte Friedrichstadt.
Berlin im Dezember 1953. In der Bildmitte Unter den Linden, weiter westlich Tiergarten, Reichstag und Brandenburger Tor. Im Osten die Fläche, auf der drei Jahre zuvor noch das kriegszerstörte Schloss stand. Im unteren Bildteil die von Bomben ausgedünnte Friedrichstadt.

Wir erschließen die Welt um uns herum zunehmend mithilfe zahlreicher Satelliten. Sie entkoppeln das Auge des Beobachters, um über große Distanz hinweg das allein wegen seiner schieren Größe Unsichtbare so weit zu verkleinern, dass es wie unter einem Mikroskop sichtbar gemacht, studiert, seziert und schließlich auch manipuliert werden kann. Dabei bleiben sie selbst unsichtbar und können weitestgehend unbemerkt einem Falken gleich auf den Erdboden herab blicken und jede Erhebung, jedes Gebäude sowie jede Bewegung registrieren. Diese privilegierte Perspektive befördert Argumentationen, welche ihre absolute Objektivität ins Feld führen, um politische, militärische und bisweilen auch zivile Interessen durchzusetzen.

Der Dritte Golfkrieg wurde mit Satellitenbildern begründet, die Beteiligung russischer Truppen in der Ostukraine wurde ebenso zu beweisen oder zu widerlegen versucht. „Seeing is believing“ – das gilt zumindest, insofern eine differenzierte Interpretation vernachlässigt oder gar verunmöglicht wird. Insbesondere Aufnahmen, die vor und nach einem behaupteten Ereignis erstellt wurden, werden immer wieder herangezogen, um Kausalketten zu konstruieren.

Allerdings werden Satellitenaufnahmen selten in Hinblick auf ihre Objektivität beurteilt. Oft wird die Möglichkeit einer nachträglichen Manipulation vernachlässigt. Denn das Besondere an Satellitenkarten, wie wir sie von Google Earth, aus Spionagematerial, von fernen Planeten und nicht zuletzt auch von unserer Nachbarschaft kennen, liegt in der einzigartigen Perspektive, welche die Blicke von unendlich vielen Augen bündelt und eine standortlose Ansicht vermittelt.

Um die Tragweite dieser unscheinbaren optischen Tatsache zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte der Kartografie, ohne die heutige Satellitenaufnahmen undenkbar wären.

Die Abstrakte Welt der Karten

Heutige Satellitenbilder erwecken den Eindruck, die objektive Wirklichkeit zu zeigen. Diese kleine Geschichte der Kartografie zeigt, dass dem nicht so ist.
Hernán Cortés’ Karte der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan Proeclara Ferdinandi Cortesii de Nova Maris Oceani Hyspania Narratio. Nürnberg 1524.

Bis weit ins 16. Jahrhundert hatten Landkarten kaum etwas damit gemein, was wir heute unter einer guten Karte verstehen. Sie wurden in mehr oder minder dramatisierter Vogelperspektive gezeichnet, mit ornamentalen Zeichnungen, Fabelwesen und anderem Zierwerk geschmückt und entsprachen im Allgemeinen eher einer ungefähren Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse statt einer naturgetreuen Abbildung.

Das Terrain wurde auf wesentliche Merkmale reduziert. Ihre Größe und Anordnung war vornehmlich durch ihre Bedeutung und ästhetische Erwägungen und nur zweitranging durch ihre geographische Relation bestimmt. So wurde etwa die 1524 in Nürnberg erschienene erste Karte der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan nicht nur aus einer imaginären Vogelperspektive gezeichnet, in der die Häuserfassaden vom heiligen Stadtzentrum wegweisen. Sie wird auch von einer kleineren Karte des Golfs von Mexiko ergänzt, welche wie viele Seekarten der europäischen Kolonialzeit angesichts des kaum erschlossenen Hinterlands eher karg ausfällt. Sie verzeichnet lediglich die unzähligen Flussmündungen, welche, wenn man sie abzählt, zur Navigation entlang der Küste herangezogen werden können. Beide Teilkarten sind auf verschiedene Betrachter ausgerichtet: Einmal einer, der über der Stadt schwebt, dann einer, der in einem Schiff die Küste entlangfährt. Alle anderen Perspektiven wurden ausgeschlossen.

Heutige Satellitenbilder erwecken den Eindruck, die objektive Wirklichkeit zu zeigen. Diese kleine Geschichte der Kartografie zeigt, dass dem nicht so ist.
Leonardo da Vinci: Karte von Imola, 1502.

Dabei ebnete das neu erstarkte Interesse der Renaissance für Optik und Vermessungstechnik bereits den Weg zu objektiveren, wirklichkeitsgetreueren Karten. Schließlich war es Leonardo da Vinci, der mit seiner Karte von Imola aus dem Jahre 1502 mit dieser Sehtradition brach. Der Römer Cesare Borgia hatte die Stadt drei Jahre zuvor eingenommen, fand sich darin jedoch nicht zurecht. Um Imola regieren und verteidigen zu können, wandte er sich an den Universalgelehrten, in der Bitte, ihm eine Karte anzufertigen. Da Vinci hatte bereits einige Jahre lang selbst an der Entwicklung neuer optischer Geräte mitgewirkt und begriff seinen Auftrag wohl auch als Herausforderung, mit diesem Wissen eine bessere Lösung als die bisherigen Karten zu finden.

Er setze den zentralperspektivischen Karten der Vergangenheit einen Plan entgegen, auf dem alle Gebäude und Geländemerkmale abgeflacht, wie im Grundriss erscheinen. Diese sog. ichnographische Karte bildet die Größe- und Lagebeziehungen ihrer Elemente diagrammatisch ab und kommt ohne perspektivische Verzerrungen aus. Wo die bisherigen Kartenwerke auf einen mehr oder weniger eindeutigen Betrachterstandpunkt ausgerichtet sind, gibt diese Karte jegliche Perspektive auf, als sehe man die Landschaft aus unendlich vielen Blickwinkeln oder alternativ aus unendlicher Ferne. Eben weil sie keine bestimmte Ansicht favorisiert, eben weil sie sowohl Diagramm als auch Abstraktion ist, erleichtert sie die Orientierung von jedem beliebigen Standpunkt aus.

Dies gelingt ihr, indem sie eine anonyme, objektiv kühle Darstellung eines Gegenstandes schafft, wie er in natura nicht vorzufinden ist. Das erreicht sie aber einerseits nur, indem sie die Relation der dargestellten Einzelheiten wirklichkeitsgetreu herauskehrt, und andererseits, indem sie den Raum so dramatisch verkürzt, dass ein Eindringen in die Tiefe möglich wird. Gleich wie in Andreas Gurskys „Paris, Montparnasse“ erzwingt die ichnographische Darstellung eine schonungslose, aber eben auch absolute Konzentrierung des Raumes auf eine unendlich dichte, allgemein verhandelbare Bildebene.

Dabei dringt Gurskys zusammengesetzte Fotografie des Immeuble d’habitation Maine-Montparnasse II einem Voyeur gleich durch die Fensterfront des Baukörpers ein, ist also entlang der Vertikalen und Horizontalen orientiert. Die ichnographische Kartografie seit da Vinci ermöglicht jedoch die Erschließung der Ebene, wie sie für Entscheidungen erforderlich ist. Sie ist daher das Karteninstrument par excellence für hoheitliche Zwecke, welche mit einem Bedürfnis nach maximaler Sichtbarkeit einhergehen: Sie gestattet die Erschließung, Ein- und Zuteilung sowie die Verwaltung von Gebieten oder die Planung von Truppen- und Warenbewegungen. Sie eignet sich zur Überwachung und zur strategischen Kriegsführung.

Heutige Satellitenbilder erwecken den Eindruck, die objektive Wirklichkeit zu zeigen. Diese kleine Geschichte der Kartografie zeigt, dass dem nicht so ist.
Ein Muster zur Kalibrierung der Auflösung militärischer Satelliten in der Edwards Air Force Base, Kalifornien.
© Google

Diese spezifische Perspektivlosigkeit der ichnographischen Projektion setzt sich schließlich in der jüngeren Kartografie mit den Luftkarten des ersten Weltkriegs und schließlich auch den zunächst militärisch, später auch zivil genutzten Satelliten fort. Die fotografisch gewonnenen Aufnahmen sind dabei zunächst von ungewünschten, zentralperspektivischen Bildelementen durchzogen. So erscheinen etwa Fassaden und Schatten am Bildrand stärker geneigt als in der Bildmitte, was durch Imperfektionen der Apparatur sogar verstärkt wird.

Wenn die optischen Eigenschaften des Kamerasystems bekannt sind, ermöglichen jedoch komplizierte mathematische Berechnungen eine gewisse Entzerrung der damit gewonnenen Fotografien. Durch anschließende Aneinanderreihung dieser Einzelaufnahmen und gegebenenfalls den Austausch wolkenverdeckter Bilder wird schließlich eine grundrissähnliche Projektion erreicht. Im optischen Modell bedeutet dies umgekehrt, dass Linsen sowie Filme oder Sensoren unendlich weit vergrößert werden. Doch auch mit derzeitigen Projektionsalgorithmen und einer Verkleinerung der einzelnen Bildausschnitte gelingt lediglich eine Annäherung an das Ideal.

Wohingegen das zunächst unbearbeitete Einzelbild eine nachvollziehbare Perspektive und damit eine gewisse Beurteilung schräg oder senkrecht zur Bildebene stehender Flächen wie Fassaden oder Bergkämme erlaubt, werden sie in der Parallelprojektion der ichnographisch verzerrten Karten vernachlässigt. Wo das Terrain keine weiteren Hinweise liefert, wie diese bizarren Formen zu lesen sind – etwa im Gebirge oder, in gering aufgelösten Aufnahmen, in den Wolkenkratzerschluchten der Metropolen – wird der Betrachter leicht getäuscht.

Unsere tägliche Seherfahrung ist ja die der Zentralperspektive, die von unserem Standpunkt ihren Ursprung nimmt und die Welt um uns in ein wohlgeordnetes Maß bringt. Der Betrachter wird daher eine unvollkommene ichnographische Projektion, wie sie kein fotografisch gewonnenes Kartenmaterial je überwinden kann, stets missverstehen. Das Versprechen des objektiven Beobachters, welche die Satellitenkartografie eingeht, bleibt damit uneingelöst.

Der Schluss besteht also darin, fotografische und diagrammatische Karten ihrem Potenzial, nicht ihrem Zweck nach zu beurteilen. Der unscheinbare, aber folgenschwere Klick, mit dem in Google Maps und ähnlichen Diensten zwischen Satellitenbild und Straßennetz gewechselt wird, verdient daher etwas mehr Bewusstsein.

Titelbild: Berlin im Dezember 1953. In der Bildmitte Unter den Linden, weiter westlich Tiergarten, Reichstag und Brandenburger Tor. Im Osten die Fläche, auf der drei Jahre zuvor noch das kriegszerstörte Schloss stand. Im unteren Bildteil die von Bomben ausgedünnte Friedrichstadt.