In anderen Metropolen gibt es Skylines. In Berlin gibt es ein mäßig imposantes Tor, das die Höllenpforte zu geschmacklosen Saufgelagen darstellt. Und den Fernsehturm.

Seit der Wiedervereinigung scheinen Brandenburger Tor und der Berliner Fernsehturm – die architektonische Sollbruchstelle der Ost-West-Trennung – das gleiche Schicksal erlitten zu haben: Das unwürdige Ende einer langen Schlacht um Ideologien, Menschenrechte und Politik mündet endlich in Frieden… und Bierbikes. Und Breakdancern.

Anders als der Budenzauber am Brandenburger Tor, der „Urbane Biederkeit feat. Helene Fischer“ verspricht – gut gelegen zwischen Starbucks, Adlon und Madame Tussauds, der alte Touristen-Tripper – verspricht der Fernsehturm rein gar nichts. Die DDR errichtete ihn als drohende Erinnerung an ihre Existenz, nun ist er eben ein überdimensionaler Grabstein.

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Doch schaut man genauer hin, Richtung Horizont, sieht man keinen „Telespargel“, wie der ehrenlose Feuilleton gerne behauptet, sondern einen riesigen, erigierten Mittelfinger, der bis heute über die Geschichte, die Entwicklung und die Menschen dieser Stadt an eine einzige Wahrheit erinnert: In Berlin gibt es keine Top-Floor-Penthouse-Suite mit exklusiver Sicht.

Die exklusive Sicht gibt es in die Höhe. Aber nicht von ihr herunter.

Das Brandenburger Tor und der Pariser Platz, auf dem es steht, bilden eine schöne, infrastrukturelle Scheide, mit einer zierenden Scham aus Tiergarten und einer Thigh Gap bis Unter den Linden. Drapiert mit Bundestag, Pferdekutsche und Luxus-Hotel. Dieses fertig konstruierte Disneyland-Berlin, das sich in Richtung Friedrichstraße als „Upper West Side“ kennzeichnet, ist eine Lüge.

Aber der Fernsehturm lügt nicht: Er rückt das Bild Berlins zurecht.

In Anbetracht der massiven Enttäuschungen des Brandenburger Tors, das sich als Denkmal ausgibt, aber eigentlich nichts weiter als ein überschminktes Bierzelt für Kollektivbesäufnisse ist, scheint Berlin endgültig den Mythos als Hauptstadt des kleinen Mannes („Arm, aber Alkoholiker“) unter der 67. City Mall begraben zu haben. Nur der Blick nach oben, gen Fernsehturm, vermag noch, ein bisschen Hoffnung zu erwecken.

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Der Fernsehturm gehört zum Alexanderplatz, einem Ort, an dem der räumliche Hass der Großstadt gebündelt ist, um jeden Passanten ins Gesicht zu spucken: Heroin-Junkies und Rostbratwurst-Caddies, Ganzjahresramsch, Happy-Hour-Cocktail-Zelte samt provinziellem Abschlussklassen-Entenmarsch sowie die architektonische Großoffensive gegen die Ästhetik haben sich hier getroffen, um für immer unheilbar beschissen zu sein. Zwischen Alexa und Primark gibt es nichts mehr zu retten. Aber es ist ehrlich. Dit is Berlin, und zwar nicht das aus den Goldenen Zwanzigern, denen immer noch in verstaubten Einstein Cafés nachgetrauert wird.

Es ist das Berlin einer deutschen Trennung und einer in Vergessenheit geratenen Geschichte von Punks und Drecksgesindel. Das Berlin einer fehlgeschlagenen Einwanderungspolitik, eines Neuanfangs, einer mittelmäßigen Stadtpolitik, einer BER-Katastrophe, glamourlosen Sexparties und vollgekotzter Rolltreppen.

Der Fernsehturm symbolisiert das Berlin, das nicht erklommen werden kann. Denn steht man nicht unten, gibt es kein oben.

So löst sich die Fata Morgana der geschichtsträchtigen Metropolen-Ästhetik schließlich auf: Berlin scheisst auf deine Skyline. Der kleine Mann, er steht unten, und sehnt sich nach oben; der große Mann auch. In Berlin bleibt der Fernsehturm der einzige, der es bis an die göttlichen Himmelpforten schafft.

Sowieso: Besteigen sollte man ihn auch nicht. Den Fernsehturm darf man nur von Weitem sehen, ansonsten muss man sich der schönsten aller Berliner Wahrheiten stellen: Ist man in Berlin ganz oben, sitzt man nur in einem mittelmäßigen Restaurant mit mittelmäßigem Ausblick.

Alle Bilder: Sara Shakur