Ich habe Flugangst! Schon Tage vor einem Flug kann ich nicht mehr schlafen und plötzlich laufen auf diversen TV-Kanälen schlechte Spielfilme oder gar Dokumentationen über Flugzeugabstürze. Ist das immer so oder fällt es mir nur jetzt auf, weil ich glaube zu wissen, dass ich morgen ich einen Flieger steige und sterben werde? Bisher habe ich – klopf auf Holz – jeden Flug überlebt. Dabei floss Angstschweiß in Litern und meinen Mitreisenden wurde eine kostenlose Angstshow geliefert, bevor das Flugzeug am Ende immer sicher landete. Die guten Erfahrungen sind mir hingegen vollkommend egal. Wenn es ums Fliegen geht, setzt mein Angstzentrum Erinnerungen, Argumente und Statistiken außer Kraft. Es ist wie ein Spiel, das meine Angst jedes Mal gewinnt.

Liegt es daran, dass ich die Kontrolle abgeben muss? Eigentlich nicht, in der Bahn kann ich das ja auch. Am Vertrauen in den Flugkapitän? Ach, der wird schon wissen, was er tut. An der Technik? OH JA! Da haben wir den wunden Punkt. Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie so eine Blechbüchse stundenlang in der Luft bleiben kann. Ein Flugzeug, so sagen es die Statistiken, ist das sicherste Verkehrsmittel. Autofahren ist viel gefährlicher, sagen die Zahlen. Die Hälfte meines Kopfes stimmt dem zu, die andere sagt: NEIN, NEIN. Denn wenn so ein Flugzeug abstürzt, dann so richtig. Minuten langer Überlebenskampf, und am Ende sterben ALLLLLLEEEE. Bei einem Flugzeugabsturz gibt es kein so gut wie kein Endkommen.

Es ist gut zu wissen, dass ich mit meiner Flugangst, auch wenn diese oft belächelt wird, nicht alleine bin. Ein Viertel aller in Deutschland lebenden Menschen leidet unter der Angst vorm Fliegen. Achtzig Prozent der Betroffenen arbeiten in Führungspositionen, wie ich. Wir sind Menschen, die eine große Klappe haben, mit großen Schritten durch ihr Leben marschieren, Menschen die das Steuer immer selbst in der Hand haben müssen. Liegt es also doch daran, dass man sich für ein paar Stunden in die Hände anderer Menschen begibt, loslassen muss und sein eigenes Leben nicht mehr in der Hand hat? Ich gebe es ungern zu, aber das spielt wahrscheinlich mit rein.

Eine Angst kommt selten allein

Gerne kommt Flugangst auch in Kombination mit anderen Ängsten: Höhenangst ist ein guter Freund von ihr. Ich kann schwer über Brücken laufen oder fahren, ohne zu denken. Mir fällt jeder Fehler an einer Brücke sofort auf. Ich würde auch niemals in ein Riesenrad steigen. Auch bei Flugzeugen sehe ich beim Einsteigen jeden Rostfleck, der meist nur Taubenkacke ist. Und trotzdem steige ich dann nicht ein.

“Kein Flugzeug fällt einfach so vom Himmel,“ sagen mir kluge Menschen immer wieder. JA, ich weiß das! Vor ein paar Jahren habe ich von Freunden einen Kurs gegen Flugangst geschenkt bekommen. Danach sollte alles gut sein. Doch Pustekuchen! Seit dem Kurs ist es viel schlimmer. Ich möchte nicht wissen, wie viel Technik in so einem Flugzeug steckt. Ich möchte nicht wissen, dass die Maschine vom Autopiloten geflogen wird. Hallooo? Die Maschine wird von einem Computer gesteuert? Ich bekomme schon Panik, wenn ich nur darüber schreibe. Was soll das? Wozu haben die ausgebildete Piloten? Denen ich zwar auch ungern mein Leben in die Hand drücke, aber immerhin mehr vertraue als irgendwelchen Flugprogrammen.

Ich habe alles versucht, um meine Flugangst zu überwinden; einen Joint geraucht, Valium genommen, Alkohol getrunken. Nichts half. Mir ist es einfach unerklärlich, warum der Mensch diesen Wunsch hat, hoch oben über den Wolken zu sein! Piloten der ersten Stunde werden noch heute als Helden gefeiert. Ja klar, sie haben viel für uns moderne Menschen getan. Dank ihres Mutes können wir heute in wenigen Stunden über die Kontinente düsen, sind in wenigen Stunden an Plätzen dieser Welt, die wir sonst nur mühsam erreicht haben. Da stellt sich mir die Frage: Was tun wir, wenn es plötzlich einen Blackout gibt und kein Flieger mehr starten kann? Wie wird sich die Welt dann verändern? Für mich als Flugangstpatient gibt es da nur eine logische Lösung: Pferde! Die befördern einen auch ganz schön schnell. Pferde sind quasi die Flugzeuge der Vergangenheit. Und wer könnte den Augen nicht trauen, einen sicher ans Ziel zu bringen?

Deshalb koof ick mir jetzt ‘n Pony, denn hoch oben auf einem Pferd ist es tausendmal schöner als über den Wolken.

Header: Marcel Schlutt