Rocket Internet, Zalando und Foodora sind nur drei der vielen Unternehmen, die in Berlin als Startups gegründet wurden und innerhalb kurzer Zeit zu den wichtigsten Playern im digitalen Bereich geworden sind. «Was den digitalen Bereich angeht, hat sich Berlin in den letzten zehn Jahren stark verändert. Als ich 2007 nach Berlin zog, kannten nur wenige die Bedeutung des Begriffs Startup und studiVZ (einst das erfolgreichste soziale Netzwerk Deutschlands, das dann durch Facebook überholt wurde – Anm. d. Red.) stellte eine der ersten Realitäten ihrer Art in der Stadt dar. Heute gilt der Gebrauch des Wortes Startup hingegen als ’übermäßig’ und die deutsche Hauptstadt entspricht einem der größten digitalen Hubs weltweit“, erzählt Anna Cotroneo, seit Mai 2016 Country Manager Italy bei GoEuro. Auf dem digitalen Markt Berlins spielt Italien eine so wichtige Rolle, dass 2011 digItaly gegründet wurde, eine Online-Community für die in der digitalen Industrie Berlins tätigen italienischsprachigen Fachleute. Mittlerweile besteht die Community aus über 1500 Nutzern und Nuterinnen und wird von Anna und den Initiatoren Silvia Foglia und Alessandro Petrucciani geleitet.

Bild: Anna Cotroneo

Die Entstehung von digItaly

„In der digitalen Industrie Berlins spielt Italien eine wichtige Rolle“, erzählt Anna. „Seit einigen Jahren lockt die deutsche Hauptstadt zahlreiche Fachleute aus Italien, die sowohl im technischen als auch im Business-Bereich (Marketing, SEO und Entwicklung) tätig sind, und zum Wachstum international bekannter Player der digitalen Industrie beitragen, wie z. B. Rocket Internet, Sony, Nokia oder GoEuro. digItaly soll Infrastruktur für italienischsprachige Fachkreise Berlins bieten, d. h. als Online-Community dienen, in der man Erfahrungen und Kenntnisse austauschen kann.“ Den Initiatoren lag es am Herzen, dass sich italienische Expats spontan vernetzen können. Wir organisierten informelle Treffen, an denen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Kontakte knüpfen konnten: Wir verabredeten sich in einem Lokal und es wurde einfach bei einem Drink geplaudert. „Dadurch tauschten wir Erfahrungen aus und konnten neue Kontakte sowohl beruflicher als auch freundschaftlicher Natur knüpfen“, erklärt Anna, die als einfache Nutzerin des Netzwerks anfing und erst später in dessen Leitung wechselte. “Von Beginn an herrschte große Begeisterung für die Initiative. Silvia und Alessandro gründeten eine geschlossene Facebook-Gruppe, die bis heute als Bezugsplattform gilt. Auf der Facebook-Wall der Gruppe tauschen die Nutzer Informationen über die interessantesten digitalen Player und Startups Berlins aus. Es geht nicht lediglich darum, Stellenanzeigen zu verbreiten, sondern Erfahrungen und Kenntnisse zu teilen, die eng mit dem digitalen Bereich und den entsprechenden Arbeitschancen verbunden sind, von denen Italiener in Berlin profitieren können“, so Anna.

Drinks & Networking, Thementreffen und Podiumsgespräche

Alle zwei Monate organisiert digItaly sowohl Networking-Treffen als auch Podiumsgespräche mit festgelegten Schwerpunkten. Anna schildert alle Tätigkeiten der Gruppe im Detail: „Bereits am Anfang stellte es sich als notwendig heraus, spezifische Informationen, z. B. zum Thema Buchhaltung oder Gesetze, auszutauschen und innovative Projekte zu teilen. Darum wurden die ersten Thementreffen in italienischer Sprache organisiert, an denen Fachleute Vorträge zu einem besonderen Thema hielten und dann auf die Fragen des Publikums eingingen. Allmählich haben wir angefangen, wichtige italienische Startupper einzuladen, damit sie ihre Projekte vorstellen, wie z. B. den CEO von Instant Play, das bereits im Programm der Initiative 500 Startups stand. Nun veranstalten wir ebenfalls Thementreffen mit unterschiedlichen Rednern oder Podiumsdiskussionen, die dann dem Publikum geöffnet werden. Außerdem organisieren wir seit 2014 auch Events auf Englisch».

Bild: Anna Cotroneo

Bei digItaly dabei sein

Um Mitglied von digItaly zu werden, muss man der geschlossenen Facebook-Gruppe digItaly Berlin eine Beitrittsanfrage zusenden. Daraufhin muss man den Administratoren den Grund der Anfrage erklären. „Einige Voraussetzungen müssen erfüllt werden, aber wir wollen nicht zu streng sein. Uns liegt es einfach am Herzen, dass der Schwerpunkt auf die Berliner digitale Industrie gelegt wird“, erklärt Anna.

Berlin vs Italien

„Reich an Acceleratoren und Inkubatoren, stellt sich die deutsche Hauptstadt als wachsendes digitales Szenario auf, das in einer nahen Zukunft London Konkurrenz machen könnte; vor allem weil zahlreiche Startups die britische Hauptstadt nach dem Brexit verlassen, um in andere europäische Städte zu ziehen. In Berlin finden viele Fachleute aus dem digitalen Bereich den idealen Berufskontext. Aus diesem Grunde entstehen hier Communities wie digItaly oder French Tech. Die digitale Industrie Berlins schließt außerdem zahlreiche Stakeholder, Investoren und Investitionsfonds ein. In Italien gibt es immer noch wenige Akteure dieser Art. Deshalb wandern viele Italiener auf der Suche nach alternativen Arbeitsmöglichkeiten zu Berliner Startups. Der Berliner Startup-Markt ist dank fortgeschrittener Infrastrukturen und einer offenen Mentalität viel reifer als der italienische. In Italien leidet der Markt unter dem riesigen Nord-Süd-Gefälle, unter der Tatsache, dass die englische Sprache immer noch als Hindernis betrachtet wird und darunter, dass ein Konkurs als generelles Versagen und nicht als Erfahrung wie in anderen Ländern aufgefasst wird. Generell schaffen es nämlich nur wenige Startups, die erste Lebensphase – drei bis vier Jahre – zu überwinden und somit zur zu gelangen. Man muss ständig mit einem möglichen Konkurs rechnen, der in den meisten Fällen einfach mit einer ungenügenden Skalierbarkeit des Business selbst oder mit unbefriedigenden Leistungen des Personals zusammenhängt. Nur wenn man auch in Italien anfängt, den Dynamik der Startups als Potenzial und nicht als Hindernis zu betrachten, kann man auch dort auf eine Vermehrung von Akteuren wie digItaly hoffen».

Während die Infrastruktur für digitales Schaffen in Italien also noch wächst, trifft sich die digitale Szene Italiens bei digItaly in Berlin. Ein Stück Heimat in der Ferne.

Autorin: Gloria Reményi