Hallo U-ESS-A

Das ultimative Food-Reisetagebuch

Unser Leben nach Mahlzeiten planen, das tun wir ja sonst schon. Wenn es uns ins Ausland verschlägt, bestimmt unsere Essens-Bucketlist aber schnell mal jede freie Minute. Als es Indie Magazine-Kollegin und Fotografin Marlen Stahlhuth – auch verantwortlich für unsere schöne Bildgalerie hier – und mich also nach Kalifornien und New York verschlug, um die kommende „The USA Road Trip Issue“ zu kuratieren, war klar: Es würden sich mehr Speisen als Sehenswürdigkeiten auf unserer To-do-Liste finden.

Seit Ende letzten Jahres bereiten wir diese ganz besondere monothematische Ausgabe vor, die sich nicht nur den außergewöhnlichen Landschaften und Städten – von denen unsere Teams vor Ort oder von diversen Roadtrips berichten – widmet. Vor allem die tollen FotografInnen, KünstlerInnen und MusikerInnen, die es von West nach Ost zu entdecken gibt, werden in dieser mit viel Liebe vorbereiteten Ausgabe den verdienten Platz finden.

Alleine ein halbes Jahr haben Marlen und ich unsere Redaktionsreise entlang der Westküste und weiter nach New York geplant und organisiert, um innerhalb von dreieinhalb Wochen ein Mammutprogramm an Shoots, Treffen mit Fotografen und Künstlern und Interviews mit Bloggern und Instagramern absolvieren zu können. Wir freuen uns schon sehr, die Strecken der Fotografen Eric White, Bobby Whigham oder Alexandra Valentiunsere Portraitgeschichte rund um den Freundeskreis von Designer Jacques Smith oder Interviews mit Musikern wie dem DJ Naleye Junior in Print zu sehen.

Zwischen all diesen Punkten auf der Tagesordnung galt es natürlich, täglich einen Diary-Beitrag auf unserer Webseite zu verfassen, um unsere LeserInnen immer auf dem Laufenden zu halten, wo wir gerade so stecken und was wir anstellen. Inklusive Powerposts auf unseren sozialen Medien (wir haben uns auch noch in den Kopf gesetzt, den neuen Snapchat-Account @indiemagazine zu starten). Und nachdem es Marlens erstes Mal in den USA war, durften auch die klassischen Sightseeing- und Essens-Abenteuer nicht fehlen.

Unsere Rundreise startete in Los Angeles. Dessen absurde Anzahl an Mini-Malls und darin befindlichen McDonalds, Taco Bells und KFC-Filialen untermauert, warum in den USA vor allem eines unbegrenzt ist: die Anzahl der X vor dem L. Nicht dass wir gepflegtem Fastfood abgeneigt wären, im Gegenteil. Wer es hier nicht einmal durch einen Drive-Through geschafft hat, war einfach nicht wirklich da. Sein Essen, versteht sich, geniesst man hier am liebsten im Auto, schliesslich lebt man hier praktisch in seinem heiss geliebten SUV (wer dazugehören will, mietet in Weiß).

Ein Highlight der Burgerketten-Kultur, so haben wir uns sagen lassen, ist In-n-Out Burger. Ein Mythos, der sich vielleicht auch deshalb manifestieren konnte, weil es diese Läden nur entlang der Westküste gibt und das Prinzip, nicht jederzeit an alle Burgeroptionen ranzukommen, speziell New Yorker Feinspitze ganz wuschig macht. Die Burger waren durchaus lecker, die Pommes überzeugten nicht, am tollsten ist das Sixties-Palmendekor der Kette.
In n Out

Wer den Charme, auf das Aufrufen seiner Burgerbestellnummer zu warten, nicht nachvollziehen kann und, verwöhnt vom Berliner Angebot, unter Burgerkultur mehr versteht als Analogkäse der mit Papierumwicklung fusioniert, dem legen wir Umami Burger ans Herz. Vorausgesetzt man mag Trüffel, andernfalls wird sich einem die Magie eines Trüffelburgers mit Trüffel-Pommes vermutlich nur peripher erschließen.

Umami

Aber es geht natürlich auch ganz anders. Wo, wenn nicht in Los Angeles – Mekka der Healthy-Food-Bewegung – ließe sich sonst das perfekte vegane Baconsandwich oder eine „Raw Pizza“ verkosten? Im Cafe Gratitude stellen die Kellner philosophische Fragen und sind gemeinsam mit ihren Gästen dankbar, dass man für großartiges Essen gar keine Tiere um die Ecke bringen muss. Für alle, die veganes Essen in seiner ursprünglichsten Form – einer losen Ansammlung leckerer Pflanzenprodukte – schätzen, sind die unterschiedlichen Bowls ein im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtiges Überraschungsei des guten Gewissens.

Cafe Gratitude

Auf unserem Weg nach San Francisco machten wir Halt in Big Sur. Das weichgespülte Surferflair aus dem gleichnamigen The-Thrills-Song (und zugegeben auch die im Video dazu Räder schlagenden Beachbabes) sucht man zwar vergebens. Dafür gibt es hier Ewok-Wälder und Twin-Peaks-Stimmung erster Klasse. Passend dazu heisst das tollste Restaurant hier The Roadhouse und wirft mit international angehauchten Rezepten wie warmem Ziegenkäse mit Fruchtmarmelade, Kaviarblinis oder „duck breast with root vegetables, rosemary honey and huckleberry clove sauce“ um sich. All diese Dinge aber besser sparsam bestellen, sonst bleibt am Ende kein Magenplatz mehr für das selbstgemachte Eis in so tollen Sorten wie Popcorn oder Zitrone-Mohn. Und das wäre doch schlicht dumm.

Roadhouse3
Roadhouse1
Roadhouse2
Roadhouse4

Ein Stückchen nach Norden noch, hallo San Francisco. Wer hier etwas auf seine Geschmacksknospen hält, pilgert zum Ferry Plaza Farmers Market am Hafen, den man am Wochenende in schönster Hochform erleben kann. Böse Zungen mögen behaupten, es ginge hier darum, überteuertes Gemüse dekorativ in seinen Bastkorb zu drapieren. Abgesehen von Fünf-Dollar-Rüben gibt es hier aber auch tolle Foodstände, für die sich ein wenig Anstehen durchaus lohnt. Vor allem Brot, also so richtiges Brot, Brot mit einer Kruste (!) lässt sich hier finden. Nach drei Wochen süßlich-weichen amerikanischen Albtraumgebäcks ein Geschenk des Himmels.
Farmers Market

Noch superer als am Markt geht’s in Sachen Brot in der Bäckerei The Mill zu. Ach Sauerteig, wie haben wir dich vermisst. Wer hier keinen Country-Toast mit Butter, Zimt und Zucker bestellt, ist wirklich nicht zu retten. Was so simpel klingt, schlägt jeden Pancake mit Ahornsirup um Längen.
The Mill Cinnamon
The Mill 3
Tartine
The Mill

Und weil man seine Zeit ja auch nicht ständig in geil durchdesignten Szenebäckereien verbringen kann (Tartine ist noch so eine in San Francisco – wahnsinnig lecker, wahnsinnig teuer, wahnsinnig worth it), sollte man dringend zu Saigon Sandwich pilgern, um mal den „real deal“ in Sachen Bánh mì zu testen. In dem runtergekommenen, ungefähr drei Quadratmeter großen Takeout-Laden gibt’s das tollste Roast-Pork-Sandwich, das man je unter so hygienisch fragwürdigen Umständen vor der Nase zubereitet bekommen hat. Ernährt für zwei, macht glücklich für zwei.
Saigon Sandwich

New York – aber bleiben wir doch gleich beim Thema. Viel Fleisch, irrsinnige Mengen an Fleisch zwischen zwei Brotscheiben, das macht nur einer so erfolgreich und filmreif, dass man ohne mit der Wimper zu zucken 20 Dollar für ein Sandwich hinblättert: Katz´s Delicatessen, das ist der Laden, in dem Sally dem Harry diesen schönen Orgasmus vortheatert hat. Und wenn man dort heute sagt. „I want what she’s having“ dann bekommt man mit Sicherheit den größten Pastramibomber, den man je mit seinen kleinen hungrigen Augen überblicken konnte. Unbedingt teilen. Und extra Pickles bestellen, damit das alles besser flutscht.

Was auf jeden Fall gut flutscht, sind Austern. Dass man hier in New York in jeder schrammeligen Bahnhofsbar Austern per Stück bestellen kann, mag etwas befremdlich wirken. Liegt aber einfach daran, dass Austern früher, damals gerne auch frittiert, günstiges Arbeiteressen waren und gerne „casual“ von jedermann und jederzeit mit einem schönen Bier dazu verputzt wurden. Wir empfehlen also, sich mal in die Bar in der Central Station zu setzen und durch die unterschiedlichsten Austernsorten zu testen. Oder aber, für die, denen Austern besser gefallen, wenn sie auf einer mehrstöckigen Crushed-Ice-Servierplattform dargeboten werden: Ab in die John Dory Oyster Bar im Ace Hotel oder das tolle Five Leaves in Brooklyn.

Austern

Zum Abschluss noch mal Nachtisch. Bread Pudding gibt es anscheinend unter dem Namen Brotpudding (wer hätte es gedacht) auch in Deutschland, haben wir aber zugegeben noch nirgends gesehen, speziell nicht auf den Speisekarten großartiger Restaurants. Als Abwandlung des French Toast wird geschnittenes Brot hier beispielsweise mit Nüssen und Früchten gemischt, mit Milch und Ei übergossen und danach im Ofen gebacken. In Cheryl´s Global Soul, gleich gegenüber dem Botanischen Garten in Brooklyn, macht man das Ganze aus zartem Brioche, übergießt es mit Fruchtsauce und setzt Eis oben drauf. Holy Moly.

Cheryls Global Soul

 

So, wir tragen uns jetzt mal im Fitnessstudio ein. Schön wars. Und lecker.

Findet mehr zu unserem Roadtrip auf indie-mag.com oder auf Instagram: @lenipaperboats @kiraaureli