Klischee-Türke – damit bin ich nicht gemeint!
Vom Schubladendenken

Es muss irgendwann vor ein paar Jahren, morgens gegen zehn gewesen sein, als mich das Klingeln an der Tür aus den Gedanken riss. Ich tauschte Kaffee und Kippe gegen Schlappen und zog mir das erstbeste Kleid über. Vor der Tür stand ein Postbote, der mir ein Päckchen überreichen wollte, das leider nicht an mich adressiert war. Als vorbildliche Nachbarin konnte ich natürlich nicht nein sagen. »Dann brauch ich nur noch ’nen Namen und Unterschrift«, sagte er freundlich. »Karakus, so wie man’s spricht«, antwortete ich schlaftrunken. Der Postbote wurde hellhörig: »Aha, Karakus? Woher stammt denn Ihr Name? Griechenland, Italien, Spanien?« Ich schaute ihn leicht resigniert an, wohl wissend, dass er es nicht wissen konnte, ja nicht musste. »Mein Name ist türkisch und bedeutet schwarzer Vogel«, entgegnete ich freundlich. »Aber Sie sehen gar nicht wie eine Türkin aus«, sagte er und musterte mich verwirrt. Ich war wach!

Solche Situationen erlebe ich immer wieder. Nicht, dass es mich jedes Mal großartig aufregen würde; manchmal macht es sogar Spaß, in ein verdutztes Gesicht zu schauen. Ich frage mich, welche Reaktion in solchen Augenblicken angemessen wäre. Vielleicht sich dafür bedanken, dass man nicht als Türkin erkannt wird?

Wie sehen türkische Menschen eigentlich aus? Und was heißt es, türkisch zu sein? Darf man sich sowas fragen? Kann man diese Fragen überhaupt pauschal beantworten? Sie zielen ja nicht nur auf so banale Dinge wie Kleidung, Gestik oder Sprache ab. Vielmehr meinen sie die Gesamterscheinung der Türken in unserem Alltag, die gesellschaftliche Stellung, das soziale Leben oder die berufliche Situation. Auch der nette Postbote wird seine Schublade im Kopf gehabt haben, ich hab anscheinend wohl eher nicht dort hinein gepasst.

Doch mit seiner Denke ist der Postbote nicht allein. Selbst gestalterisch anspruchsvolle Magazine greifen manchmal gerne in die Klischee-Schublade. Ein prominentes Beispiel dafür ist das Gesellschaftsmagazin Dummy, das seine fünfzehnte Ausgabe 2007 dem Thema »Türken« widmete und nahezu jedes erdenkliche Klischee plakativ in Szene setzte; Grillen im Park mit der Großfamilie, Fladenbrot in Originalgröße auf zwei DIN-A4-Seiten und natürlich nicht zu vergessen das Kopftuch, der absolute »Evergreen«. In scheinbar lustloser Feinarbeit wurden Sonderzeichen und akzentuierte Buchstaben zu schmückenden Ornamenten montiert, die sich durch die gesamte Ausgabe ziehen. Triste Bilder von Hinterhof-Moscheen und deutsch-türkischen Freundschaftsvereinen, Portraits von dicken deutschen Hausfrauen in Bauchtanz-Montur und schlussendlich eine Fotoserie über die Wandlungsfähigkeit der muslimischen Frau – einmal mit und einmal ohne Kopftuch. Geht’s noch?

renk_magazin_Klischee_tuerke

Die Gesellschaft ist ein sich stets verändernder Organismus. Auch das Türkenbild verändert sich, doch mir scheint, als sei es die falsche Richtung. Klar, das wird wohl ein jeder unterschreiben können. Aber wie schnell sagt man ganz beiläufig »Ich geh mal eben noch Gurken holen vom Gemüsetürken.«?

Na meckern hilft einem auch nicht wirklich weiter. Schöner ist es doch, etwas zu bewegen und zu  machen, um etwas wirklich nachhaltig zu verändern.

Ich, für meinen Teil, habe daraufhin renk. gegründet. renk das ist türkisch und heißt Farbe und meint damit: »Deutschland, du bist bunt!« Seit 2013 gebe ich mir mit meinen renklis größte Mühe mindestens zwei Mal pro Woche einen Klischeebruch zu erzeugen. Wir interviewen Kreative und Kulturschaffende die, so wie wir, an dem Türken-Bild rütteln. Oder würdet ihr denken, dass es ein deutsch-türkisches Metal-Festival in Berlin gibt, einer der größten Pop-Diven in der Türkei ein Transvestit ist und es einen 81-jährigen Fashion-affinen Opa in Neukölln gibt, der für seine Anzüge bekannt ist?

Ja, ja, ja…all sowas erfährt man bei uns 😉

Aus Liebe zum Papier starten wir nun außerdem mit unserem ersten Printmagazin. Es erwarten euch spannende, langlebige und mitreißende Geschichten, die ihr im besten Fall auch in fünf oder zehn Jahren nochmal lesen möchtet. Mehr über das Projekt erfahrt ihr hier.

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