2010 in Brasilien von Fotograf Chris Phillips und Eventmanagerin Raquel Fedato gegründet, hinterfragt Pornceptual etablierte pornografische Stereotype. In ihren Fotoserien, Filmen und Performances erweitern sie den Horizont des gängigen Verständnisses von Erotik auf ästhetische und manchmal verstörende Weise. Dazu gehören auch regelmäßig stattfindende Fetisch-Partys in Metropolen wie Sao Paolo, Istanbul und Amsterdam. Ihre eigens produzierten viralen Kunstvideos liefen schon auf kleinen Filmfestivals.

Obwohl die Webseite des Kollektivs großen Anklang findet, werden bestimmte Inhalte immer wieder mal von Plattformen wie Facebook oder Vimeo gesperrt. So liegt es nah, dass die Truppe demnächst ihr erstes Printmagazin launched. Es wird strukturiert sein wie ein Manifest, illustiert von verschiedenen Künstlern, die sich beteiligt haben.

Trotzdem sich die Inhalte von Pornceptual vordergründig um Lust und Vergnügen drehen, machte Emre den Eindruck, er betreibe seine Arbeit mit Ernsthaftigkeit, Know How und einem hohen Anspruch. Auch unser Fotoshooting wollte er vorab gut konzipiert wissen.

Emre, wie hast du zu Pornceptual gefunden?

Ich habe vor zwei Jahren hier in Berlin Chris kennengelernt. Erst haben wir Filme zusammen gemacht und dann angefangen Partys zu organisieren. In erster Zeit habe ich dort hauptsächlich verschiedene Rollen performt. Das war wie ein Tabubruch, selbst hier in Berlin. „Dieser Türke im Fetisch-Outfit, ist der pervers oder wie?“  Viele Leute haben immer noch Stereotypen eines Türken in ihren Köpfen. Sogar die selbsternannten Säkularisten unter den Türken haben sich an den Anblick sexuell freizügiger Menschen noch nicht gewöhnt.

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Wie verbindet ihr Erotik und Kunst?

Wenn ich mir Mainstream-Pornographie anschaue, kann ich daran nichts Reizvolles entdecken, alles bleibt in seinen klassischen Mustern. In der Kunstszene sind die Darstellungen oft entweder rein politisch oder zu exzessiv. Ich wollte einen Mittelweg finden, bei dem ich meine Ideen zusammen mit Gleichgesinnten umsetzen kann.

Wir versuchen das Ganze realistischer und gleichzeitig kunstvoll aufzuziehen, um auch einen visuellen Genuss dabei zu erzeugen. Übrigens, am Ende schaut sowieso jeder Porno, welcher Art auch immer. Wer sagt er tue es nicht, der lügt. Oder hat ein unglaubliches Sex-Leben! (lacht)

Was bedeutet Erotik für dich?

Ich würde sagen, alles kann erotisch sein. Sogar diese Limoflasche hier. Es hängt immer davon ab, wie man das Objekt betrachtet und sich fühlt in dem Moment. Ich würde nie von einer festen Definition des Begriffs ausgehen.

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Warst du vorher in der Istanbuler Szene aktiv?

Dort war ich eher Aktivist bei politischen Aktionen. Zwei Jahre lang habe ich den LGBT Pride (A.d.R.: Parade der Lesben, Schwulen, Bisexuellen u. Transgender) in Istanbul mitorganisiert. Und wir hatten natürlich große Schwierigkeiten während der Gezi-Proteste.

Wie hat dein Aktivismus genau ausgesehen?

Ich habe zum Beispiel damals eine der Baumaschinen am Eingang des Gezi Parks pink angestrichen. Die Regierung hatte mich zum Bauernopfer gemacht und so wurde ich wegen Beschädigung staatlichen Eigentums angezeigt. Darauf habe ich mit einer Klage gegen Verhinderung meiner künstlerischen Performance und Meinungsäußerung reagiert, bis die Anzeige schließlich zurückgezogen wurde. Es war wie ein Knall. Sie haben ihre Anwälte geschickt und mir gedroht. Aber ich habe dagegen gehalten und von weltweit aktiven LGBT-Mitgliedern erzählt, die ich im Notfall mobilisieren würde. Das war sozusagen mein As im Ärmel. Am Ende blieb das Teil also pink. Es ist mein persönliches Monument.

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Wie liefen eure Partys in Istanbul?

Es war grandios! Wir hatten beim ersten Mal fast 1..000 Gäste, damit haben wir nicht gerechnet. Vor allem die Frauen bewegten sich so frei und ausgelassen in ihren Outfits. Es schien als würde sich da etwas wandeln. Einfach schön, das in der eigenen Heimatstadt zu erleben. Im September dieses Jahres während der Istanbuler Biennale wird es dort noch eine Party mit Ausstellung geben.

Wir dürfen unsere Party jedoch nicht Pornceptual nennen, weil, wie uns mitgeteilt wurde, der Begriff Porn für Veranstaltungen verboten ist. Also verwenden wir Namen wie Masquerade.

Pornceptual Party „Lust“ in Istanbul (Fotos von Chris Phillips)

Hattest du auch in Berlin mit Hindernissen zu kämpfen?

Natürlich gibt es Vorurteile. Die Pornographie und die Begrifflichkeit selbst ist leider zu stigmatisiert. Aber es ist wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sobald mir Steine in den Weg gelegt werden, spornt es mich umso mehr an, weiterzumachen. Vielleicht liegt das an meiner Zeit als Aktivist. Rebellion ist meine größte Motivation, ich brauche das. Ich nenne das den orientalischen Weg Tabus zu brechen. Insgesamt kann man Berlin aber natürlich als entspannt bezeichnen, was das angeht.

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Eure Partys finden hier in Berlin derzeit alle zwei Monate statt. Was ist ein ultimativ gelungener Abend für dich?

Ganz klar: Sobald ich viele glückliche, nackte Frauen um mich herum sehe. Wenn sie sich wohlfühlen, ist das wie ein Geständnis. Auf so vielen Partys findet man schwule Männer, muskelbepackt und mit freiem Oberkörper, die so selbstsicher wirken und keine Frauen in ihre Nähe lassen. Sich als schwuler Mann frei fühlen heißt aber nicht, die Frauen von der Tanzfläche verbannen zu wollen. Wie die Musikerin Planningtorock schon sagte: “Patriarchy Over and Out!” (dt.: Nieder mit dem Patriarchat!)

Was hält deine Familie eigentlich von deiner Arbeit?

Eigentlich sind meine Eltern total okay damit. Manchmal fragen sie: „Hey, ist dieses Foto nicht ein bisschen zu viel des Guten?“ Aber alles in allem verstehen sie, warum ich das tue. Als ich meinem Vater erstmals von Pornceptual erzählte, war seine Antwort sogar: „Wieso hast du so lange gewartet? Jetzt bin ich zu alt, um mitzumachen!“

Wie sehen eure derzeitigen Pläne aus?

Wir möchten in Zukunft versuchen, Pornceptual in neue Locations zu bringen. Das große Ziel ist es, mindestens eine Party auf jedem Kontinent zu organisieren. Mein persönlicher Traum wäre, eines Tages eine Party in Südafrika zu schmeißen. Mein Vater lebt in Kapstadt, vielleicht finden wir vor Ort einen Kontakt. Auch Japan wäre total spannend! Die haben so viele Tabus bezüglich Sexualität und Nacktheit, die es noch zu brechen gilt.

Meine Kollegin Selin Davasse und ich hatten vor kurzem die Premiere unserer Dokumentation „Hyper-masculinity on the Dancefloor“, die super ankam.

Hyper Masculinity On The Dance Floor – Trailer von Pornceptual auf Vimeo

Am 8. August ist dann die nächste Pornceptual-Party im Prince Charles in Berlin-Kreuzberg und auch unser Jubiläum.

Ich persönlich überlege nach dem Master noch meinen Doktor zu machen.

Text: Wiebke Finkenwirth/ Fotos: Harun Güler

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