Wann hast du zum letzten Mal dein Essen fotografiert und das farbenfrohe Ergebnis sofort auf Instagram geteilt?

Ich mache das ständig. Im Sommer halte ich gerne mal meine Eistüte in die Kamera, im Winter das reichhaltige Kichererbsen-Curry oder den veganen Hackbraten.

Damit bin ich nicht alleine. In meinem eigenen Feed tauchen regelmäßig Bilder mit leckerem Essen auf. Bowls bestehend aus Gemüse in allen erdenklichen Variationen, grüne Smoothies oder opulente Salate. Meistens sind die Bilder versehen mit Hashtags wie #whatveganseat, #cleaneating, #offsugar #glutenfree #lowcarb oder ganz schlicht #healthy. Eine Flasche eiskalte Cola, Pommes mit Mayo oder die Late-Night-Ritter-Sport vom Späti sehe ich eigentlich nie.

 

Instagramm Orthorexie

 

Prinzipiell habe ich dagegen nichts einzuwenden. Ich genieße es, mir Food-Inspirationen online zu holen und teile meine Liebe zu gutem, hochwertigem Essen auch gerne mit anderen. Es ist etwas anderes, was mich nachdenklich macht.

Wer hat eigentlich heutzutage noch ein unkompliziertes Verhältnis zum Essen?

Auf der einen Seite steigt der Prozentsatz an Menschen, die an Altersdiabetes leiden, stetig. Das liegt hauptsächlich an zuviel Junk-Food, Übergewicht und wenig Bewegung. Auf der anderen Seite beobachte ich eine exzessive Beschäftigung mit Essen. Während vor Kurzem noch grüne Smoothies das Heilversprechen schlechthin waren, sind heute kaltgepresste Säfte das Mittelchen der Wahl. Lange Zeit war das Fett an allem schuld, heute sind es Brot und die enthaltenen Kohlenhydrate, die böse sind. Zucker – was, du isst noch Zucker?!? – sowieso der Volksfeind Nummer 1. Nicht zu vergessen die Problematik Vegan versus Paleo, Rohkost oder Ayurveda und natürlich „Hauptsache bio!“.

Ich selbst bin im Übrigen recht anfällig für derartige Trends. Manche bleiben, manche gehen und andere halte ich für Quatsch, doch in jedem Fall schau ich mir mal an, was es damit auf sich hat. Das Absurde ist, dass ich meistens gut nachvollziehen kann, warum die Begeisterung für Trend XY so groß ist.

Ich glaube, hinter dieser kollektiven Begeisterung für diese Trends steckt die Sehnsucht, dass uns endlich jemand sagt, wie es geht. Dünner zu werden, gesünder zu werden und überhaupt insgesamt ein bisschen „besser“. Kurz: dass uns jemand etwas gibt, was wir uns selbst nicht geben können. In diesem Falle, das Essen.

Nimmt die Beschäftigung mit gesundem Essen sehr viel Raum ein, kann das auch auf eine Essstörung hinweisen. Dieses auffallend ausgeprägte Verhalten danach, sich möglichst gesund zu ernähren, nennt man Orthorexie.

Orthorexie ist auch der Grund, warum heute der US-amerikanische Blog The Blonde Vegan einen neuen Namen hat: The Balanced Blonde. In einem Beitrag, der letztes Jahr die Runde durchs Netz machte, beschreibt die Bloggerin Jordan ausführlich, wie sie sich selbst in einem ewigen Kreislauf aus Juice-Cleanses und anderen Restriktionen von ihrem eigentlichen Grundgedanken, eine pflanzenbasierte Ernährung zu promoten, weg und zu einer ausgeprägten Essstörung hinentwickelt hatte. Als sie diese erkannte, begann sie mit Therapeuten und Ernährungsberatern zu arbeiten und fand so heraus, was ihr gut tut. Ihre persönliche Lösung war, die strikte vegane Ernährung aufzugeben.

Jordans Geschichte zeigt wunderbar das Problem vieler Menschen – ganz egal ob Healthjunkie oder Couchpotatoe:

Wir haben das Gefühl zu unserem Körper verloren

Vor lauter (meist selbstauferlegten) Regeln vergessen wir, was wir eigentlich gerne essen und was uns gut tut. Oder wir merken es und hören nicht drauf, weil das gerade nicht in die Diät der Wahl passt. Auch unliebsame Emotionen lassen sich blitzschnell mit Essen betäuben. Zucker statt (Selbst-)Liebe funktioniert einwandfrei – doch meistens nur für einen kurzen Moment.

Und nun zurück zur eigentlichen Frage: Sind wir alle essgestört?

Ich würde sagen: ein bisschen.

Auf keinen Fall sind alle, die sich besonders gesund, vegan oder ohne Kohlenhydrate ernähren, essgestört. Doch die Grenzen sind fließend. Es lohnt sich, immer wieder ehrlich zu sich zu sein und zu hinterfragen, ob Essen Genuss und Freude bedeutet. Oder ob es ein anderes Bedürfnis, das mit dem Essen selbst gar nichts zu tun hat, befriedigt.

Bevor ich allerdings eine ganze Gesellschaft pathologisiere, schlage ich Folgendes vor:

Leute, entspannt euch!

Etwas weniger Kopf und etwas mehr Bauch, vielleicht sogar im wahrsten Sinne des Wortes, ist manchmal die gesündere Alternative.

Meine 5 Alltime-Tipps für eine gute Ernährung

Stell dir die Frage: Auf welcher Ebene nährt mich das Essen? Ein Topf Gemüse-Curry à la Jamie Oliver, mit Freunden zusammen gegessen, nährt auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene. Aber auch eine Portion Pommes im Schwimmbad kann nährend sein, wenn sie dich an deine Kindheit erinnert und du sie mit Ketchup und Freude genießt.
Break the rules: Egal, welche Ernährungsrichtung für dich Sinn macht: Nimm es locker. Ich esse zum Beispiel überwiegend vegan, wenn ich aber so richtig Bock auf ein Frühstücksei habe, koche ich mir eins. Gleiches gilt für Pommes, Pizza, Schoki und Co.
To Go ist ein No Go. Das heißt: Nimm dir Zeit für das Essen. Setz sich hin, rieche, schmecke und schenke deiner Nahrung Aufmerksamkeit. Whatsapp- Nachrichten, dein Lieblingsbuch oder der Fernseher können warten.
Finde deine Essensroutine. Das war für mich ein echter Gamechanger. Schau welcher Rhythmus gut zu dir und deinem Alltag passt und probier mal ein wenig Regelmäßigkeit. Mir geht es super, seit ich regelmäßige Mahlzeiten zu mir nehme.
Qualität siegt. Gute Qualität ist mir superwichtig. Hochwertige Produkte sind meistens wenig weiterverarbeitet, enthalten mehr Nähr- und weniger Schadstoffe und schmecken besser. Ist meistens teuer, aber hey, ich esse das schließlich.

Die Lösung ist eigentlich ganz leicht.

Lasst uns versuchen, wieder mehr Kontakt zu unserem Bauchgefühl aufzunehmen. Auch im Hinblick auf die Ernährung trügt das selten. Probier‘ dich aus und finde heraus, was dir gut tut. Der Körper ist klüger als du denkst und du kannst seinen Signalen vertrauen.

In diesem Sinne: Lass es dir schmecken!
Deine Rebecca

Header Foto: JD Hancock unter CC-BY-NC