Ob in INDIE’s neuem Redaktionszuhause Berlin oder der alten Heimat Wien – auf Facebook liest sich das aktuell wichtigste Thema rund um die täglich neu ankommenden, von offiziellen Stellen nur rudimentär versorgten Flüchtlinge erschreckend analog: Listen an dringend gebrauchten Spenden werden ausgetauscht, Updates über Sammel- und Verteilaktionen geshared, Sprachskripte zum Download angeboten und gelegentlich diskutiert man auch von Helfer zu Helfer mal kontrovers.

Wenn man ein halbwegs guter Mensch ist, tauchen diese seit Tagen und Wochen im eigenen Feed auf, die unermüdlichen Freunde, die sich engagieren und helfen – und einen erinnern, sich doch verdammt noch mal auch zu engagieren und zu helfen. Weil: wenn die das können – die eigenen Freunde, die Mode oder PR oder Musik machen – ja dann muss man selbst das doch auch in seinem busybusy Kreativwirtschaftsalltag unterbringen.

Zwei unserer aktuellen Heldinnen in Sachen persönlichem Engagement heißen Jule und Madeleine. Jule Müller von imgegenteil.de sitzt hier in der Blogfabrik am Nebentisch. Also derzeit sitzt sie da nicht wirklich, weil sie auf Dauereinsatz am Lageso in Moabit ist oder privat Flüchtlinge unterbringt – im ganz wörtlichen Sinne: bei sich zu Hause.

Daily Bread Refugees Welcome Jule Mueller

Und Madeleine Alizadeh, Bloggerin und ehemalige Kollegin hier bei INDIE, bewies letzte Woche mit dem auf ihrem Blog DARIADARIA.COM veröffentlichten offenen Brief an das österreichische Innenministerium, dass auch Themen abseits von Katzenbabys und Donald Trumps Frisur viral gehen können. Über eine Million Facebook-User erreichte der Post, in dem sie von ihrem bis dahin vergeblichen Kampf, eine irakische Familie aus dem überfüllten Flüchtlingslager in Traiskirchen in ein von ihr organisiertes neues Zuhause bringen zu dürfen, erzählte.

Ein lauter Aufschrei, der dank rasanter Verbreitung durch die Online-Community seinen Weg in die Twitter-Meldungen von Österreichs beliebtestem Anchorman Armin Wolf weiter bis in die wichtigsten Tagesnachrichten fand. Einen Tag später durfte die Familie in das neue Leben ziehen, der digitale Druck auf die Behörden hatte überraschend schnell Wirkung gezeigt. Vielleicht gerade weil Madeleine sonst über fair fashion und vegane Rezepte bloggt und eine Followerschaft von ca 80.000 Lifestyle-interessierten LeserInnen hinter sich hat, die mit einer neuen Energie in die Kampfzone rund um das Flüchtlingsthema gehen.

 

 

Wir haben mit Madeleine darüber gesprochen, wie man diese Energie am besten bündelt und in dem verkommenen Sumpf der Internet-Diskussionskultur seine Nerven behält.

Wie ergab sich aus deinem ersten Besuch in Traiskirchen dein alles-bestimmendes Engagement der letzen Wochen?

Beim ersten Besuch bin ich nur hingefahren und habe Sachspenden am Haupteingang abgegeben. Ich dachte, damit geholfen zu haben. Als ich aber dann ein zweites Mal hingefahren bin und einen ganzen Tag dort verbracht, mit den Menschen dort Tee getrunken und geredet habe, habe ich bemerkt, an wie vielen Ecken es in Traiskirchen fehlt. Ich habe angefangen Nummern auszutauschen, Listen mit Dingen, die spezifische Familien brauchen, anzufertigen usw. Schnell wurde ich so sehr „reingezogen“, dass es mein Leben bestimmt hat.

Was empfandest du in dieser Zeit als am kräfteraubendsten, wo liegen die Schwierigkeiten und Widerstände?

Die Bürokratie in Österreich war/ist lahmgelegt. Das System steht still, weil man mit dem Ansturm an Flüchtlingen nicht zurechtkommt. Es gibt zwar sehr hilfreiche Stellen wie die Diakonie, aber auch die sind heillos überfordert. Wieso man vor 20 Jahren mit der Menge an Flüchtlingen umgehen konnte und heute nicht, weiß ich nicht. Zu der Zeit, als ich so intensiv Sachspenden organisiert habe, haben mich auch andere Helfer immer wieder verärgert. Obwohl ich dezidiert nach spezifischen Sachspenden gefragt habe (denn in Traiskirchen haben viele Leute einfach unbrauchbare Dinge gespendet, sodass die Lager der Caritas mit Eislaufschuhen oder Autositzen vollgeräumt waren), habe ich Tage damit verbracht, Spenden auszusortieren. Manche Leute spenden den letzten, kaputten Ramsch. Es ist schade, wenn man die Zeit, die man mit helfen verbringen könnte, damit verbringt zu sortieren, was andere Leute ausgemistet haben.

Du hast bis zu 380 Kommentare unter deinen Facebook-Posts und wirst bestimmt auch von unzähligen E-Mails überflutet – welche Reaktionen haben dich am meisten überrascht, gefordert oder vielleicht sogar verärgert?

Es gab natürlich sehr viele rechtsextreme Kommentare wie z.B. „auf Traiskirchen sollte man eine Bombe werfen“. Ich habe auch per Mail negative Reaktionen erhalten wie z.B.: S.g Frau Alizadeh! Ich empfinde Ihr Engagement für „Flüchtlinge“, von denen die meisten illegale Zuwanderer sind, schlichtweg als überflüssig. Nehmen Sie zur Kenntnis, dass die österr. Bevölkerung keine weitere islamische Invasion unter dem Deckmantel des Asyls wünscht.“ 

Als „Internet-Persönlichkeit“ warst du sicher schon des Öfteren Opfer anonymer Hater, hilft deine Erfahrung mit dem Thema Cyber-Mobbing den niveaulosen bis grausamen Ton in der Flüchtlingsdebatte online auszublenden? Oder entscheidest du dich manchmal, doch noch online zu diskutieren und argumentieren?

Ich habe rechtsextreme Kommentare gelöscht oder ignoriert. Es ging mir aber trotzdem sehr, sehr nahe. Wenn man jeden Tag vor Ort ist und sieht, wie es den Menschen geht, dann nach einem anstrengenden Tag den Computer aufklappt und solche Kommentare liest, möchte man einfach nur weinen. Auch unter den Beiträgen diverser Medien (Die Welt oder Der Standard) waren Kommentare, die ich nicht mal anschauen möchte, weil sie so aggressiv und respektlos waren. Da stand z.B. unter einem: „Die muss doch nur von einer Gruppe von Asylanten durchgevögelt werden, das will sie ja“.

In den Berichten über deine Arbeit wird nie vergessen zu erwähnen, dass du „Mode/Lifestylebloggerin“ bist – stört dich die Betonung dieser so anderen Welt, in der du dich sonst bewegst? Kannst du wertschätzen, dass dieser Kontrast deine Geschichte allgemein spannender macht und deine Wirkung als Sprachrohr verstärkt?

Ich komme aus einem sehr politisierten Haushalt, habe eine Zeit lang Politikwissenschaft und Ethnologie studiert und interessiere mich schon immer für NGO-Arbeit. Nichtsdestotrotz ist man sofort in einer Schublade, wenn man einen Lifestyle- bzw. Modeblog betreibt. Und da interessiert es dann niemanden mehr, ob und wie du einen Bezug hast. Ich kann bis heute nicht verstehen, wieso das eine das andere ausschließt und wieso es so verwundernswert ist, dass ich als Bloggerin auch soziale Hilfe leiste. Nur weil ich einen Beitrag über vegane Sonnencremes veröffentliche, heißt das noch lange nicht, dass ich den ganzen Tag damit verbringe, mich zu schminken. Ich finde, so wird es Menschen, die wenig oder gar keinen Bezug zu sozialer Arbeit haben, schwierig gemacht, denn sie werden immer misstrauisch beäugt. So wie bei mir viele gesagt haben „das ist doch nur PR!“. Nur weil ich jung, erfolgreich und hübsch bin, heißt das noch lange nicht, dass ich eine wohlstandsverwahrloste Tussi bin, die den ganzen Tag nur in den Spiegel schaut.

**
Mehr zum Thema / Helfen / Spenden findet ihr übrigens hier:

Bei unserer Kollegin Sara von Finding Berlin: 10 Ways to Help Refugees in Berlin!

Unterstützt die Aktion #BloggerFuerFlüchtlinge

Berlin hilft LaGeSo