Welcher Begriff ist korrekt für das was du tust: Handlettering, Graffiti, Kaligrafie?

Für das was ich tue, habe ich keine Definition. Es ist mehr ein Arbeiten aus dem Bauch heraus. Je nach dem was ich schreibe und welchen Stift ich dafür nutze. Das ist entscheidend. Mir ist nicht der Stil, sondern mehr die Handschrift in der Arbeit wichtig.

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Erkläre uns mal, was der Name Kalem bedeutet.

Kalem (qalam) bedeutet sowohl in der arabischen, als auch in der türkischen Sprache „Stift“. Und ich mag Stifte. Sie begleiten mich schon seit meiner Kindheit und ich verbinde mit dem Zeichnen viele schöne Erinnerungen.

Wie beschreibst du für dich diesen so inflationär verwendeten Begriff, „kreativ“?

Es ist die Fähigkeit zu beobachten. Dinge zu sehen, die schnell übersehen werden. Sich die Zeit zu nehmen und seine Gedanken auf unterschiedliche Weise auszudrücken. Es ist die Art, wie man seine Umwelt wahrnimmt, das Gesehene, Gehörte oder Gefühlte auf seine Weise neu zu interpretieren und daraus was Neues zu schaffen.

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„Kurz gesagt, Kreativität ist ein geistiger und körperlicher Prozess, seine Umwelt und sich besser wahrzunehmen.“

Was sind denn alltägliche Kreativitäts-Killer für dich?

Es ist wichtig darauf zu achten, dass man seine Zeit auch aktiv nutzt. Heute ist man dank des Internets eher passiv unterwegs, man wird da schnell zum Konsumenten.

Was hat sich durch die Möglichkeit der Digitalisierung an der Typografie verändert?

Es ist definitiv zugänglicher geworden. Viele Quellen, die man früher mühsam und aus eigener Kraft finden musste, sind heute viel einfacher zu greifen.
Man findet natürlich mittlerweile einen schnelleren Zugang zu Inspirationsquellen via Instagram, Youtube, Facebook und Co. und kann so permanent Bilder sammeln.

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Wie kann man sich deinen Alltag so vorstellen? Stehst du auf und fängst direkt nach dem Frühstück an Handletterings zu zeichnen?

Ich bin kein Frühaufsteher. Und komme daher selten zum Frühstücken. Also geht es in den meisten Fällen direkt an den Arbeitsplatz, der in der Regel in dem gleichen Zustand ist, wie ich ihn am Vorabend verlassen habe. An meinem Tisch befinden sich neben vielen losen Blättern mit Studien auch ein bis zwei Skizzenbücher und diverse Brush-Stifte, Federn und Marker.

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In der Regel arbeite ich in mehreren Schritten. Ich beginne zuerst mit ein paar Zeichnungen. Wenn ich das Gefühl habe, es entsteht etwas Brauchbares, beginne ich mit meinen Studien. Diese scanne ich ein und treffe dann eine Auswahl. Für den weiteren Verlauf benutze ich entweder Photoshop oder Illustrator, je nach dem, wie das Ergebnis aussehen soll.

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Die meisten Arbeiten entstehen in Handarbeit und durch mehrfache Wiederholungen. Die digitale Komponente ist lediglich ein kleiner Bereich, der zur Ausbesserung oder dem letzten Schliff dient.

 

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Was macht man als erstes, wenn man sich jetzt von Kalem Kollektiv inspiriert fühlt, um auch irgendwann die gleichen Skills zu haben?

Ich würde empfehlen, nicht gleich die teuersten Stifte zu kaufen. Für den Anfang reichen die günstigeren aus dem Künstlerbedarf. Zur Auswahl gibt es Kalligrafiemarker, Brush-Stifte oder Federn. Man muss einfach ausprobieren, bis man seinen individuellen Stift gefunden hat. Wichtig ist dabei, sich mit dem Werkzeug vertraut zu machen. Wenn man einen sicheren Umgang beherrscht, sollte man mit dem Alphabet beginnen. Am Anfang kann es schon sehr frustrierend sein, aber je mehr Zeit man investiert, umso deutlicher ist der Erfolg. Sammelt auch die alten Zeichnungen, schmeißt sie nicht weg. Erst durch sie erkennt man seine Entwicklung.

Erzähl uns noch etwas zu deinem aktuellsten Projekt.

Ich habe letztes Jahr in Istanbul angefangen, für eine Dokumentation unterschiedliche Künstler zu portraitieren. Mein Hauptanliegen war herauszufinden, inwieweit die Künstler von der Stadt Istanbul in ihren Arbeiten beeinflusst werden. Sie alle schildern ihre Erfahrungen und Eindrücke in ihrem Schaffen. Ende des Jahres werden die Dreharbeiten abgeschlossen sein und voraussichtlich im Frühjahr die Postproduktion. Es ist noch ein langer Weg, aber ich freue mich schon sehr auf das Endergebnis.

2.emi_koc

Sag uns Bescheid, wir sind gespannt! Mehr zu seinen Arbeiten hier.

Credits
Film:  Zuhal Er
Farbkorrektur: Robert Brenner
Tonmischung: Sebastian Tarcan
Musik: Mobygratis.com