„Das gaben die meisten Menschen an“, erklärt mir die neue Zeit-Spar-App auf meinen Rechner, als ich „Social Networking“ als Produktivitäts-Killer Nummer Eins im Drop-Down-Menü auswähle. War ja klar, denke ich, und erlaube der App, in Zukunft meine Online-Aktivitäten zu überwachen. Wohlwissend, dass die Mail, die mir am Ende der Woche Auskunft darüber geben wird, in welchen Ecken des Internets ich meine Zeit vertrödelt habe, zum Auslöser eines Herzinfarkts werden könnte.

Always On: Eine Problematik, die das Leben als Bloggerin mit sich bringt. In meinem Fall gepaart mit der Sehnsucht, endlich mal abzuschalten. Dass ich damit nicht alleine bin, hat mir die Reaktion auf meinen Beitrag Offtime: Warum unsere Gedanken mehr Pausen brauchen, deutlich gezeigt. Ich bekam jede Menge Post von Lesern und Leserinnen, die sich in meiner Geschichte wieder erkannten und sie als Anreiz nehmen wollten, sich weniger von ihren Handys diktieren zu lassen.

Hand aufs Herz: Hat es geklappt?

Bei mir nicht. Also nicht so richtig. Das noble Vorhaben, meinem Gehirn die wohlverdiente Offtime zu gönnen, damit es sich in besagten Optimal-Zustand fahren könnte, scheiterte bei all meinen Versuchen nach etwa drei Tagen.

Telefonieren auf dem Fahrrad, Arbeiten am Rechner bis 22 Uhr, Instagram checken auf dem Klo – alte Gewohnheiten machten sich schnell wieder breit. Wirklich verändert hat sich mein Online-Verhalten erst, als ich radikalere Maßnahmen ergriff.

Das 3-Schritte-Online-Entwöhnungsprogramm für Internet-Junkies

Prokrastinieren im Internet

1. Beobachte, in welchen Situationen du digital prokrastinierst

Zu meinem Selbstbild passt es weder ständig online zu sein, noch als digitaler Miesepeter mein Handy zu verfluchen. Und doch fiel es mir schwer, eine gute Balance zwischen Online und Offline zu finden. Als ersten Schritt begann ich deshalb zu beobachten, wann und vor allem warum meine Hand zum Handy zuckte.

Relativ schnell erkannte ich: Wenn etwas unangenehm ist, flüchte ich mich auf Facebook. Zum Beispiel anstatt endlich die Steuer zu machen. Oder als ich einem Privatschüler mitteilen musste, das ich ihn wegen der weiten Anreise nicht mehr unterrichten könnte. Ein bisschen auf Facebook rumgehangen und schwupps war es zu spät das Projekt noch am gleichen Tag anzugehen.

Erkenntnis Nummer Zwei war, dass ich mir einfach zu viel vornahm für eine Woche. Um zwischen Yogaklassen und Blogfabrik mal mit meiner Familie oder Nicht-Berliner-Freunden telefonieren zu können, erledigte ich das auf dem Fahrrad von Kreuzberg nach Mitte.

Allein diese Erkenntnisse haben etwas verändert. Sobald ich mir selbst glasklar vor Augen geführt hatte, warum ich immer wieder abschweife, fiel es mir leichter, bei der unliebsamen Aufgabe zu bleiben und sie zu erledigen. Außerdem arbeite ich daran, meine Arbeit besser zu strukturieren und vor allem zu reduzieren. Inzwischen nehme ich nehme mir bewusst Zeit für meine Liebsten. Auch wenn der Terminkalender was anderes sagt.

2. Nutze Online für mehr Offtime

Normalerweise plädiere ich für Vertrauen, doch manchmal ist Kontrolle ein Segen. Diese Produktivitätsapps haben mir geholfen, die Gewohnheit zu durchbrechen und weniger zu prokrastinieren. Manchmal war ich richtig erstaunt, wie viel ich an einem Tag schaffe. Mehr Fokus auf die To-dos heißt am Ende auch mehr Zeit für die schönen Dinge.

Rescue Time: Die App, von der ich eingangs erzählt habe. Sie trackt, wo du dich wie lange im Netz aufhältst und gibt dir abends einen Report.

SelfControl: Mit diesem simplen Programm für den Mac kannst du bestimmte Webseiten und Mailprogramme für einen definierten Zeitraum blocken. Einmal eingestellt, ist die App gnadenlos und es braucht echte Programmier-Kenntnisse, um die Sperre zu umgehen. Für Windows-Betriebssysteme empfehle ich Cold Turkey.

Offtime: Gleiches Prinzip für dein Android-Phone. App-Blocking und Kommunikationsfilter, wie du sie brauchst. Leider gibt es die App bisher nicht für das iPhone, weswegen ich alle Facebook-Apps von meinem Handy verbannt habe.

Hootsuite verwaltet meine zahlreichen Social-Media-Accounts. Seit Kurzem kann man auch Instagram-Posts über Hootsuite timen. Ob ich die Insta-App nun auch vom Handy verbanne?

Omm Writer: Genial simples Tool, das vor allem für Content Creators spannend ist, die ungestört Texte schreiben wollen. Schöner Hintergrund, schöne Entspannungsmusik und keine weiteren Ablenkungen. Ähnliches Prinzip, nur etwas professioneller: Scrivener.

3. Wenn das immer noch nicht reicht: DELETE

Ohne Social Apps auf dem Handy und mit Kontroll-Programmen auf dem Macbook konnte ich viel verändern. Ich bin nicht nur produktiver, sondern mein privates Interesse am Social Blabla sinkt zusätzlich. Wenn bei dir die Tool-Strategie nicht ausreicht und du trotzdem etwas verändern willst, habe ich zwei letzte Vorschläge:

Account löschen. Was verpasst du wirklich? Eine Blogger-Kollegin hat kürzlich all ihre privaten Accounts gelöscht. Das Business floriert dank Hootsuite nach wie vor und sie freut sich Tag für Tag über ihre wieder gewonnene Freizeit.

Digital Detox. Verzichte für eine bestimmte Zeit komplett auf dein Handy. Vielleicht merkst du dann: Ohne ist einfach schöner.

Ich habe nach wochenlangem Probieren tatsächlich eine Methode gefunden, wie ich meine Liebe zur Online-Welt mit meinem Verlangen nach Offtime ins Gleichgewicht bringe. Vielleicht pendelt sich mein Online-Verhalten bald so ein, dass ich die Tools schon gar nicht mehr brauche. In der Zwischenzeit lass mich gerne wissen, wie es dir mit dem Thema geht und was dir besonders geholfen hat!

Happy Offtime!

Deine Rebecca

Headerbild: Mark Morgan, 0075 Time auf Flickr unter CC-BY-2.0