Team Selbstdarstellungssucht: Natalie, Veronika, Caroline
Team Selbstdarstellungssucht: Natalie, Veronika, Caroline

Narzissmus schreibt sich niemand gerne zu, doch gleichzeitig steckt in nahezu jedem, der die Sozialen Medien nutzt, eine Art Selbstdarstellungssucht. Das Internet ist zur persönlichen Bühne geworden. Der Suchtfaktor bezieht sich auf das gewachsene Bedürfnis junger Menschen, sich täglich auf mehreren Plattformen zu zeigen und zu äußern. Joseph Beuys Worte scheinen sich erfüllt zu haben: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Das Sich-selbst-Darstellen ist so einfach wie nie geworden. Dieser Zeitgeist hat auch die Namenswahl unseres Blogs beeinflusst. Vielleicht provoziert er, soll anregen, kurz innezuhalten.

Selbstdarstellungssucht war auch der Antrieb für Veronika, ein Blog zu starten. „Der Name ist Ausdruck dessen, was meiner Meinung nach die Motivation zum Bloggen ist: gelesen werden und Kommentare zu bekommen.“ Aus ihrer Idee heraus hat sich ein Kollektiv von drei jungen Frauen und weiteren Co-Autorinnen entwickelt, zu denen ich gehöre. Insgeheim hatte ich schon früh diesen Drang, mich mitzuteilen, weshalb mir das Radiomachen für das Deutschlandradio Kultur und den Bayerischen Rundfunk als Kind sehr gelegen kam. Ich konnte über die neusten Kinofilme und sämtliche Veranstaltungen für Kinder, die es so gibt und auf denen ich natürlich war, erzählen.

Blogtoexpress3-1Wieder entdeckt habe ich meinen Hang, gerne im Mittelpunkt zu stehen, als ich vor ein paar Jahren Veronika kennenlerne. Sie war gerade dabei, einen merkwürdigen Kunstfilm mit Zigarre rauchenden Männern zu drehen, und ich als Reporterin unterwegs, um den Intendanten eines Kleinstadttheaters zu interviewen. Seit drei Jahren bloggen wir jetzt zusammen, und mein erster Text war natürlich aus Berlin. Als Caroline, die wir beide schon über Freunde kannten, zu uns stieß, hatten wir uns gefunden: ein Kollektiv aus freischaffenden Journalisten und Gestaltern, die sich nicht einordnen lassen wollen; experimentierfreudig und mit einem hohen ästhetischen Anspruch.

Aus Selbstdarstellungssucht.de ist ein Autorenblog für junge Kunst und Kultur geworden. „Jetzt untersuchen wir zusammen, wie sich digitale Selbstdarstellung auf Identitätsfindung auswirkt“, sagt Veronika. Darunter fallen vor allem Kreativschaffende: Wir stellen sie in Interviews vor, kuratieren ihre Selfies, rezensieren ihre Self-publishing-Magazine und schreiben als mediale Zwitterwesen öffentliches Tagebuch. Wir wollen Menschen, die interdisziplinär arbeiten, eine Plattform bieten – starke Frauen dürfen da natürlich nicht fehlen. Während Caroline in der Welt unterwegs ist, bloggt Veronika vorwiegend aus München und Karlsruhe. Ich übernehme den Part für die Berliner Szene, schreibe über Kunst, Musik und fotografiere.

Und wie ist das jetzt genau mit der Selbstdarstellungssucht?

In der Psychologie wird das Phänomen Selbstdarstellung als neutral angesehen und beschreibt alle Versuche, anderen mitzuteilen, wie man sich selbst sieht, beziehungsweise wie man gesehen werden möchte. Dies betrifft insbesondere die Vermittlung von Selbstbildern durch die Person. Das englische Impression Management klingt vielleicht schöner, meint jedoch dasselbe. Die Sucht äußert sich als unser übersteigertes Verlangen, wahrgenommen zu werden.

Foto: Günter Götzer