Stine Omar und Max Boss, beide dreißig und besser bekannt als Easter, stehen in Jogginghosen auf der Bühne. Stines Haar ist nass und nach hinten gestrichen. Sie tupft mit ihren tätowierten Händen das Mikro ab; es hat etwas von ihrer Bier-Dusche abbekommen. Die Musik setzt kurz aus, sie entschuldigt sich. Dann geht es weiter.

Easters Stücke werden dominiert von Omars Sprechgesang. Begleitet wird sie von Boss, der sich wie in Trance auf der Bühne bewegt. An diesem Abend spielen sie im Yaam. Sie singen über Heteronormativität, Drogen, Regelschmerzen und Sex. Sie mögen weißen Tequila und lieben Instant-Nudeln. Bei ihrer Musik löst sich die Grenze zur Performance auf: Das zeigen sie nicht nur in ihren Videos, sondern auch live auf der Bühne, dabei sehen sie aus wie ein lebendes Kunstwerk. Als menschliches Stillleben sind sie kühl, distanziert, aber dennoch nicht unnahbar. Perfekt und imperfekt zu gleich.

Vor zehn Jahren lernten sich Omar und Boss in Berlin kennen. Damals sahen sie wie Bruder und Schwester aus. Manchmal geben sie sich in Interviews auch für Zwillinge aus. Und in der Tat: Zwischen den beiden besteht eine besondere Verbindung, man kann sie förmlich spüren. Sie nennen sie „Verbindung übers Blut”. Über Jahre hinweg haben sie ihr Band- und Videoprojekt über die Distanz Oslo-Berlin aufgebaut. Obwohl sie in Berlin leben, treten sie kaum auf, existieren fast nur im Internet – außer man lockt sie heraus wie zum CTM-Festival, das bekannt ist für sein experimentelles Line-up. Ihre Musik ist einfach, dennoch lässt sie sich nicht leicht in Worte fassen. Am besten man schaut sich ihre Videos an – oder erlebt sie live.

 

Max, Stine, ihr lebt in Berlin, tretet hier aber nur selten auf. Jetzt seid ihr plötzlich bei der CTM.

Max: Es soll ein besonderer Anlass sein, wenn man uns live sieht, deshalb haben wir das letzte Mal 2014 in Berlin gespielt. Wir dachten, dass unsere nächste Show eine Release-Party wird. Als wir angefragt wurden, konnten wir aber nicht Nein sagen. Wir haben öfters auf Festivals gespielt, haben uns aber oft am falschen Platz gefühlt.

Euer Duo hieß mal Euroshit. Jetzt heißt ihr Easter. Warum der Wechsel?

Stine: Als Euroshit haben wir drei Songs aufgenommen. Das war ein sehr trashiges Projekt (lacht).

Max: Wir hatten uns sogar schon eine Welttournee ausgedacht. Und das Welttournee-Poster war eigentlich der einzige Grund, warum Euroshit existierte.

Stine: Der Name Easter kommt daher, dass wir uns oft in den Osterfeiertagen getroffen haben. Ich habe damals noch in Oslo gelebt.

Wie kam es zum Projekt Easter?

Stine: Als ich vor ein paar Jahren in Berlin zu Besuch war, habe ich Max in einem Imbiss gesehen. Ich bin reingegangen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und die nächsten vierzehn Stunden miteinander verbracht. Es war Schicksal, dass wir uns getroffen haben.

Max: Wir haben festgestellt, dass wir uns beim Songschreiben gut ergänzen und sich alles sehr natürlich anfühlt. Zuvor habe ich schon unter anderen Namen, u. a. als Cyan Kid, Musik produziert. Easter ist unsere Band und unter Easterjesus Productions veröffentlichen wir Filme und alles, was wir sonst noch zusammen machen.

 

Was macht ihr denn sonst noch?

Max: Wir haben eine Radiosendung, die alle zwei Wochen auf Berlin Community Radio läuft.

Stine: Jede Sendung hat ein eigenes Konzept, sonst essen und trinken wir.

Woher kommt euer Faible für Essen, für Instant-Nudeln?

Stine: Das hat mit Max angefangen. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, hat er Nudeln gegessen. Instant-Nudeln sind wie Zigaretten für uns. Wenn wir auftreten, bestehen wir darauf und auf Tequila. Die Nudeln sind einfach und gut, auch wenn meine Mutter etwas anderes sagen würde …

Ist die Kombination nicht etwas hart?

Max: Überhaupt nicht, das ist sehr wohltuend. Wenn du nachts Nudeln isst, geht es dir am nächsten Tag besser.

 

Stine, du singt über Drogenkonsum, deine Tage oder Sex. Gibt es etwas, über das du nicht singen würdest?

Steuern und Rundfunkbeitrag.

 

Ihr seid nicht nur als Musiker aktiv …

Max: Wir drehen unsere Musikvideos selbst, haben Kurzfilme und die Serie Sadness is an Evil Gas Inside of Me gemacht. Sie ist aus den Kurzfilmen entstanden. Beides haben wir mit unseren VHS-Kameras gedreht.

In Sadness is an Evil Gas Inside of Me spielt ihr die Charaktere „Yung Corn„ und „Holidays Bossi“. Seid ihr das?

Stine: Die Figuren sind an uns angelehnt, doch die Serie spielt zwischen Fiktion und Realität.

Max: Vielleicht lässt es sich besser als übertriebene Version von uns beschreiben, wie man sie aus Comics kennt.

 

Es ist also kein Zufall, dass eure Serie in einer Galerie gezeigt wurde?

Max: Wir haben beide freie Kunst studiert. Ich glaube, viele Leute dachten bei unserer Ausstellung, dass wir plötzlich von der Musik- in die Kunstszene wechseln. Doch eigentlich ist es ein Kreis, der sich schließt.

Stine: Als wir uns kennengelernt haben, haben wir mehr Videos als Musik gemacht. Wir haben mit vielen alten Kameras experimentiert. Ich mag es, dass uns heute diese verschiedenen Bühnen vom Festival bis zur Galerie zur Verfügung stehen.

 

Ihr steht zwischen Musik und Kunst. Doch wo seid ihr eigentlich verwurzelt?

Max: Wir stellen zwar aus und kennen aus beiden Szenen Leute, sind aber in keine wirklich involviert.

Stine: Wir wollen uns selbst nicht labeln. Dadurch, dass wir dazwischen stehen, sind wir noch weniger in einer von beiden zu Hause.

Easter, Foto: Mariana Pacho Lopez
Easter, Foto: Mariana Pacho Lopez
Easter, Foto: Mariana Pacho Lopez
Easter, Foto: Mariana Pacho Lopez
Easter, Foto: Promo
Easter, Foto: Promo
Easter, Foto: Promo
Easter, Foto: Promo
Ausstellung Sadness is an Evil Gas Inside of Me, Foto: Galerie Koal
Ausstellung Sadness is an Evil Gas Inside of Me, Foto: Galerie Koal
Easter, Foto: Mariana Pacho Lopez
Easter, Foto: Mariana Pacho Lopez
Easter, Foto: Promo
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Ausstellung Sadness is an Evil Gas Inside of Me, Foto: Galerie Koal

 

Ihr lebt beide in Berlin. Wie beeinflusst die Stadt eure Arbeit?

Stine: Ich weiß es nicht, aber ich wüsste es gerne. Eigentlich haben wir es auch noch nicht woanders ausprobiert.

Max: Am Anfang war es sicher gut, in einer großen Stadt zu leben. Wir haben Leute kennengelernt, Möglichkeiten haben sich für uns eröffnet. Über Weihnachten waren wir auf dem Land, was sehr inspirierend war. Ich habe mir überlegt, wie es wäre, an einem abgeschiedenen Ort zu leben. Dadurch, dass wir vor allem im Internet arbeiten, weiß ich nicht, ob es etwas ändern würde.

 

Was meinst du damit?

Stine: Über soziale Netzwerke können wir auf einfachem Wege viele Leute erreichen.

Max: Es geht um unsere Darstellung. Auf Facebook und YouTube stellen wir unsere Projekte vor. Die Plattformen geben uns Unabhängigkeit. Viele Bands touren, um bekannt zu werden, bei uns ist es das Netz.

 

Ihr habt eine sehr kühle Ästhetik. Kommt die durch Fotos und Videos besser rüber?

Stine: Im Internet hast du mehr Einfluss darauf, wie du wirkst. Du kannst dein Selbstbild manipulieren.

 

Ihr habt neulich erst das Video zu True Cup veröffentlicht. Gibt es auch Albumpläne?

Stine: Nach eineinhalb Jahren Arbeit an der Kurzfilmserie konzentrieren wir uns jetzt wieder auf die Musik. Zur EP New Cuisine Pt. 1 wird es bald einen zweiten Teil geben.

 

Mehr von Easter auf Bandcamp und Facebook.

Titelbild: Nacho G Riaza