„Diese Woche ist bei mir schon megavoll. Vielleicht nächste? Wobei … da bin ich in Hamburg. Pass auf, lass uns Sonntag in zwei Wochen anpeilen und davor noch einmal telefonieren. Okay?“ So oder so ähnlich hören sich meine Versuche an, mich mal wieder zum ausgiebigen Quatschen mit meiner besten Freundin zu verabreden. Obwohl wir uns bei jedem Treffen versprechen, uns öfter zu sehen, enden die Verabredungsversuche oft im Chaos überfüllter Terminkalender.

Ich selbst bin höllisch genervt von meiner eigenen Geschäftigkeit. Ich vermisse unverplante Zeit, entspannte Unterhaltungen und Treffen, die nicht nach spätestens zwei Stunden von einem „Ich muss dann mal los!“ beendet werden. Obwohl ich versuche, meine Termine bestmöglich zu managen, scheitere ich immer wieder daran, mir Zeit freizuschaufeln.

Und damit bin ich nicht alleine. Fast allen in meinem Umfeld geht es so; am Ende vom Tag bleiben einfach zu viele To-dos übrig. Heißt das, dass wir die Nichtverfügbarkeit schlichtweg als typische Krankheit des zeitgenössischen Großstädters akzeptieren müssen? Ich finde: Nein. Deshalb habe ich recherchiert und mir und meinen Artgenossen ein paar Fragen gestellt.

Warum fällt es uns so schwer, einfach mal nichts zu tun? Wieso bekommen wir es nicht hin, Lücken im Terminkalender zu finden, obwohl wir es so gerne möchten? Und vor allem: Wie können wir das ändern?

In geschäftiger Gesellschaft_Rebecca Randak_CC0 via pixabay

Ich glaube, einige von uns haben tatsächlich keine Zeit. Nicht etwa, weil sie tatsächlich so wahnsinnig viel zu tun haben, sondern weil sie ihre Zeit vertrödeln. Meistens im Internet. Oft in sinnlosen Gruppen-Chats auf WhatsApp. Manchmal in sinnlosen Telefonaten. Wir haben uns daran gewöhnt, Gedanken, Ideen und Erlebnisse sofort zu teilen und auszuwerten. Tatsächlich befinden wir uns in ständiger Kommunikation mit der Außenwelt und wundern uns dann, dass es uns vor lauter Multitasking nicht gelingt, den Fokus auf den wirklich wichtigen Dingen zu halten.

Doch es wäre unfair, alles auf das „böse“ Internet zu schieben. Man könnte das Handy zwischendurch ausschalten oder einschlägige Apps nutzen, um die mangelnde Selbstkontrolle in Sachen Social Media zu überlisten. Doch irgendwie tun wir das dann doch nicht. Heißt das, dass wir möglicherweise doch ganz gerne busy sind? Vielleicht sogar etwas davon haben? Ich behaupte: Ja!

Wer viel zu tun hat, ist scheinbar wichtig. Beruflich erfolgreiche Menschen haben oft wenig Zeit. Und der Job ist nach wie vor ein wichtiges Kriterium, wenn es um die Definition des gesellschaftlichen Status geht. Wer immer verfügbar ist, ist demnach weniger gefragt, ergo wichtig. Wahrscheinlich taucht dieser Gedanke bei den Meisten nicht bewusst auf, doch wer ganz ehrlich zu sich selbst ist, findet hier vielleicht die versteckte Motivation für all die zusätzlichen Aufgaben, die im Laufe eines Tages so plötzlich und unvorhersehbar auftauchen. Denn: Wollen wir nicht alle wichtig sein? Oder liegt der Grund für die fehlende Freizeit daran, dass wir im Job schlecht abgeben können? Auf Kontrolle zu verzichten bedeutet, immer auch Macht abzugeben, und das fällt bekanntermaßen vielen Menschen schwer.

Ich bin davon überzeugt, dass der Mangel an Freizeit nicht unserem schlechten Zeit-Management geschuldet ist. Im Gegenteil: Die Geschäftigkeit erfüllt immer einen anderen Zweck und schützt uns vor ganz verschiedenen Dingen. Denn: Was wäre eigentlich, wenn wir nichts mehr zu tun hätten?

Wir könnten „Tut mir leid, keine Zeit!“ nicht mehr als Ausrede nutzen, um nicht auf den Geburtstag des langweiligen Arbeits-Kollegen gehen zu müssen. Auch der Satz: „Mal schauen, ob ich es schaffe.“ würde blitzartig seine Kraft als unverbindliche Zusage verlieren. Das wiederum würde uns zwingen, uns auf ein „Ich komme vorbei!“ festzulegen oder gar eindeutig zu sagen, dass wir eigentlich keine Lust haben und lieber zuhause auf der Couch rumhängen. Im allerschlimmsten Falle müssten wir riskieren, dass uns so richtig langweilig wird.

Bleibt nur die Frage: Wie finden wir den Ausweg aus diesem Dilemma?

Mit Self-Control-Apps und Zeit-Management-Kursen ist es jedenfalls nicht getan. Wenn wir unsere eingefahrenen Muster ändern wollen, müssen wir, wie könnte es anders sein, bei uns selbst anfangen. Wenn wir aufhören, uns mit To-dos vollzuladen, könnten Gedanken und Gefühle auftauchen, die wir sonst im täglichen Workload ersticken. Diese zu konfrontieren erfordert Mut und die Bereitschaft, Verantwortung für sich uns seine Bedürfnisse zu übernehmen. Um aber dahin zu kommen, gibt es nur einen Weg: Und der beginnt damit, seinen Terminkalender radikal auszumisten. Weniger zu tun und zu versuchen,  mehr Zeit für das süße Nichtstun zu schaffen. So banal es klingt, so schwer ist es umzusetzen. Doch es lohnt sich, denn das Ergebnis ist wahrscheinlich genau das, was wir uns so sehnlich wünschen: Viel unverplante Zeit.

Headerbild: Christian K., busy auf Flickr unter CC-BY-2.0