Alleine in Deutschland tragen acht Millionen Menschen bunte Bilder oder Schriftzüge auf der Haut, wie eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung herausfand. Neu ist die Kunst auf dem Körper jedoch nicht; schon Ötzi hatte Tattoos und die älteste kunstvolle Tätowierung fand sich auf einer zweitausendvierhundert Jahre alten Mumie. Dank sozialer Medien, wie Facebook oder Instagram bekam die Popularität von Tattoos nochmal einen ordentlichen Schub verpasst. Rasend schnell verbreiten sich dort Trends, die durch Influencer geschaffen werden und Einfluss darauf haben, was Menschen – im Normalfall –ihr Leben lang auf der Haut tragen. 

Doch wie beeinflussen soziale Medien die individuelle Meinungsbildung bei der Wahl des Tattoo-Motivs? Worauf achtet man beim Fotografieren von Tattoo-Pieces? Woher bekommt eine Tattoo-Künstlerin neue Ideen und wem folgt sie selbst auf Instagram? Mit diesen und vielen weiteren Fragen im Gepäck habe ich mich mit der Berliner Tattoo-Künstlerin Milena Kirsche in ihrem privaten Tattoo-Atelier Vincent & Mies getroffen.

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Milena, wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?

Entweder sehr filigran oder krakelig und skizzenhaft. Kommt ganz darauf an, was der Kunde will.

Wie kam es denn überhaupt dazu, dass du Tätowiererin wurdest?

Ich bin in Unterfranken aufgewachsen, wo ich viele schrottige und furchtbare Tattoos gesehen habe. Ich dachte mir aber, dass man bestimmt so geilen Scheiß machen kann. Mit vierzehn habe ich beschlossen, dass ich nach dem Abi nach Berlin ziehe und auf jeden Fall Tätowiererin werde. Ich war auf einer kleinen Kunstschule für Malerei und dann hat es mit einer Ausbildung geklappt.

Cool! Woher bekommst du dann Inspiration für deine Bildideen?

Ganz unterschiedlich. Meistens kommt das so im Halbschlaf, wenn ich irgendwas Komisches geträumt habe. Aber natürlich auch von Menschen aus meiner Umgebung, Filmen, Musik, Architektur. Das sauge ich unterbewusst auf und dann entwickelt sich eine Idee.

Was für Filme und Künstler?

Alles von David Lynch ist immer großartig. Sieht man auch bei den Wanna-dos, weil ich der größte Fan bin. Musik ganz unterschiedlich. Es kommt darauf an, bei welchen Konzerten ich war, wie die Stimmung ist. Entweder es ist ganz traurige Mädchenmusik oder ein bisschen härtere.

Wie entsteht aus einer vagen Idee ein fertiges Tattoo?

Meistens kommen erst ganz, ganz grobe Skizzen. Dann heißt es ganz viel ausprobieren und schauen, dass die Komposition passt.

Googlest du dann, ob schon jemand anderes Ähnliches umgesetzt hat, wenn du eine neue Bildidee hast?

Nein, nie. Weil ich immer Angst habe, dass wenn ich etwas google und jemand schon mal so eine Idee hatte, ich mich unterbewusst davon beeinflussen lasse und etwas zeichne, was ich gar nicht möchte. Deshalb zeichne ich meine Idee konsequent durch und hoffe, dass alles von mir selbst kam.

Kommen die meisten deiner Kunden eigentlich durch Mundpropaganda oder eher dank deiner Präsenz in sozialen Netzwerken auf dich zu?

Es kommen wirklich viele Leute durch den ganzen Social-Media-Kram, aber auch viele durch Mundpropaganda. Es gibt zum Beispiel einen Freundeskreis (also nicht mein eigener), da sind alle bei mir Kunden, weil es sich herumgesprochen hat. Aber in der Regel ist es fifty-fifty.

Denkst du, dass man ohne Online-Präsenz heute als Tättoowierer überleben würde?

Ja, bestimmt. Kommt aber auch drauf an, was man machen möchte. Wir haben ja das Privat-Atelier eröffnet, um die Laufkundschaft so ein bisschen zu meiden, weil wir halt gerne unseren eigenen Kram machen möchten. Das muss man aber bewerben, und dazu eignen sich soziale Medien perfekt.

Verlieren Tattoos deiner Meinung nach durch Plattformen wie Instagram ihre Individualität?

Es kommt darauf an. Viele Tättowierer machen ihren eigenen Kram. Wenn man da dahinter bleibt, muss man keine Panik schieben. Wenn du deinen Beruf und deine Kollegen schätzt, klaust du nicht von anderen. Wenn zu mir jemand kommt und sagt, er möchte ein Motiv haben, das eigentlich ein anderer tättoowiert hat, dann würde ich das nicht tun.

Genau das gleiche Motiv wie auf einem Instagram-Bild geht dann nicht?

Ne, das mache ich nicht. Kunden können mir gerne Bilder von Tattoos zeigen, die sie schön finden. Dann weiß ich, was sie daran schön finden, ob das jetzt die Linienführung oder die Punkte sind. Aber das gleiche Motiv mache ich nicht. Das ist respektlos dem Künstler gegenüber.

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Also strikte Regel?

Ja. Selbst wenn jemand mit einem Motiv von mir ankommt und es unbedingt tätowiert haben möchte: Alles wird nur einmal gemacht.

Hast du dann manchmal Angst, dass jemand deine Ideen klaut, wenn du fertige Motive oder Wanna-dos auf Instagram stellst?

Die Angst besteht natürlich immer, wenn man was auf sozialen Medien hochlädt. Das ist auch schon vorgekommen und hat mich ziemlich aufgeregt, aber vor allem traurig gemacht. Dagegen kann man nur leider nicht so viel machen, außer an die Leute appellieren, dass sie deinen Kram respektieren.

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Durch das Posten im Internet wird das Tattoo selbst zum Content-Piece. Verliert es deiner Meinung nach dadurch an Einzigartigkeit, wenn man es mit einer so großen Masse an Menschen teilt?

Ne, finde ich nicht. Natürlich sehen das dann viele Menschen, aber es bleibt ja (hoffentlich) trotzdem nur einmal auf einer Person.

In der Musik ist es zu beobachten, dass sich Subkultur und Mainstream vermischen. Gilt das auch für Tattoos?

Ja, auf jeden Fall. Obwohl ich glaube, dass Tattoos mittlerweile gar keine Subkultur mehr sind. Sie sind nichts Ungewöhnliches mehr, was bestimmt auch von Instagram-Mädels, Models oder Schauspielerinnen stark beeinflusst wird. Dann hat Rihanna dieses Ding unter den Möppes und alle wollen das auch.

Ist es dann auch schon vorgekommen, dass Leute dir ein Bild von einem Promi gezeigt haben und exakt dasselbe Motiv wollten?

Oh ja! Das von Rihanna zum Beispiel. Das kommt megaoft vor. Oder wenn ein Promi was am Fuß oder an der Fußsohle stehen hat, dann wollen es plötzlich auch ganz viele. Ich sage dann, dass das wegen der Hornhaut nicht hält und nach einem Monat wieder weg ist, doch das ist ihnen ganz egal.

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Beeinflussen soziale Medien und die großen Influencer die Meinungsbildung also stark?

Ja. Natürlich nicht bei allen Kunden. Es gibt viele, die wirklich super Ideen haben und mit denen man das zusammen umsetzen kann. Aber es gibt auch echt viele, vor allem junge Mädels, die sich stark davon beeinflussen lassen. In zehn Jahren finden sie das bestimmt nicht mehr geil, wenn sie das gleiche Tattoo wie Rihanna haben. Deswegen sage ich dann: „Schau mal, du bist einzigartig. Wir überlegen uns was für dich. Nur für dich.“

Was bewegt dich dazu, dich für ein Tattoo zu entscheiden, das du dein Leben lang auf der Haut trägst?

Unterschiedlich von Tattoo zu Tattoo. An den Beinen war es zum Beispiel schlicht und ergreifend Übungshaut. Ich musste ja irgendwo üben, als ich angefangen habe. Die Tattoos, die ich mir habe machen lassen, sind meistens von Künstlern, die ich ganz großartig finde. Malerei-Künstlern, weil ich ja eigentlich mehr aus der Malerei-Ecke komme.

Welche Künstler zum Beispiel?
Schiele! Schiele ist meine große Liebe.

Dein ältestes Tattoo? Würdest du es dir heute nochmal stechen lassen?

Ein Banksy-Tattoo, das habe ich mit siebzehn gemacht. Würde ich nicht nochmal machen. Ich würde es auch nicht covern lassen. Es ist da und es gehört halt jetzt dazu.

Wer macht die Fotos für deinen Instagram-Account?

Ich selbst. Ich habe immer die gleiche Wand, vor die ich die Leute stelle. Aber manchmal, wenn die Haut zu geschwollen oder es zu rot ist und das Tattoo einfach nicht hübsch aussieht, machen das die Kunden, wenn es abgeheilt ist. Heißt: Die richtig guten Fotos sind meistens von meinen Kunden und die anderen sind alle von mir (lacht). Nein, zu fünfundneunzig Prozent sind die Bilder von mir.

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Worauf achtest du bei der Bildproduktion?

Darauf, dass der Hintergrund immer gleich ist, und dass man gut erkennt, an welcher Körperstelle das Tattoo ist. Ich finde die Positionierung von Tattoos im Bild mitunter am wichtigsten. Außerdem achte ich darauf, dass das Farbspiel immer ähnlich ist. So sieht es insgesamt nicht unordentlich aus, wenn man durchscrollt, sondern clean und farblich abgestimmt. Das habe ich von einem anderen Tätowierer, einem Freund von mir, gelernt. Er meinte, dass es wichtig sei, den Fokus auf das Tattoo zu legen und zum Beispiel keine pinke Wand im Hintergrund zu haben.

Wem folgst du selbst auf Instagram?

Oh, vielen! Ich folge insgesamt nur Tättoowierern und Mops-Besitzern. Sollen wir mal durchscrollen?

Ja, gern!

Milena sieht auf ihrem Handy nach:

Milena Kirsche Interview
Foto: Anna-Sophie Barbutev

Also brody_polinsky ist der besagte Freund mit dem Hintergrund-Tipp, achillemoline macht auch richtig gute Sachen, ich mag so dunkles Zeug. Léa Nahon muss auch unbedingt in die Liste und oggysxm.

Gibt es auch Seiten, wo man als Tattoo-Künstler sein Portfolio einstellen kann?

Sehr viele. Eine großartige Seite ist Tattrx. Morgan English macht die Seite und die stellt wirklich großartige Künstler vor und schreibt dich dann an, wenn ihr dein Kram gefällt, oder ob du gefeatured werden möchtest. Das ist alles kuratiert. Sie sucht sich aus, wer ihr gefällt. Meistens moderne Sachen. Das Ganze ist komplett kostenlos und du kannst dich da auch nicht reinkaufen. Es geht darum, dass man die Leute vorstellt, weil es einfach so viele Tätowierer gibt.

Apropos Präsentation: Snapchat gilt als die App, um junge Leute anzusprechen. Sind dir Tättoowierer bekannt, die dieses Medium nutzen? Könntest du es dir vorstellen, aus dem Studio zu snappen?

Klar, wenn ich Snapchat verstehen würde (lacht). Tätowierer nutzen das bestimmt auch, aber keine Ahnung, ich bin da noch nicht so drin.

Nachdem wir so viel über Tattos geredet haben, würden wir gerne Zeichnungen von dir sehen. Zeigst du uns ein paar Wanna-dos?

Ja, gerne:

DailybreadmagMilenaInterview
Foto: Anna-Sophie Barbutev

Danke für das Gespräch, Milena!

Instagram: milenakirsche

Bilder: Milena Kirsche