„Selfie, selfie, selfie – on Lira!“ ruft einer der Verkäufer auf dem Taksim-Platz. Zehn Lira, umgerechnet etwa drei Euro, verlangt er für einen sogenannten Selfie-Stick. Touristen oder Istanbuler: In beiden Gruppen finden sich Käufer, die mit dem erstandenen Accessoire ein Selfie schießen und online teilen wollen. Ob auf der Fähre, beim gemeinsamen Essen oder vor einer schönen Kulisse: Selfies schießende Gruppen sind hier allgegenwärtig und nur einer von vielen Beweisen dafür, wie verrückt die Türkei nach sozialen Medien ist.

Türkisch, jung und Social Media-affin

Nur etwas weniger als die Hälfte der nahezu 80 Millionen Einwohner der Türkei ist mit dem Internet verbunden. In Deutschland sollen es fast 90 Prozent sein. 2015 zählte Deutschland somit zu den zehn Ländern mit den meisten Internetusern, während die Türkei immerhin erstmals unter die ersten zwanzig kam. Die User sind meistens jung, urban und digital vernetzt. Längst ist für sie das Smartphone ein Werkzeug zur Erweiterung der eigenen Persönlichkeit.

Wie andernorts auch begann der Siegeszug sozialer Medien in der Türkei mit Facebook, das heute eine der meistbesuchten Internetseiten des Landes ist. Ähnlich erfolgreich ist trotz oder vielleicht auch gerade wegen der regelmäßigen Sperren Twitter, für welches die Türkei zu den aktivsten Ländern gehört. Auch WhatsApp ist in der Türkei sehr beliebt, genauso wie Instagram, LinkedIn oder Pinterest, die immer größere Benutzerzahlen verzeichnen. Auf Uni-Campussen zunehmend genutzt werden auch Snapchat und Tinder.

Doch auch in anderen Bereichen des Lebens wird das Smartphone immer wichtiger; sei es, um schnell mit der extrem erfolgreichen App Yemek Sepeti (Essenskorb) Essen zu bestellen, oder um in Istanbul oder Ankara das nächste Taxi mit BiTaksi zu finden. Als alternatives Wikipedia könnte man Ekşi Sözlük (saures Lexikon) bezeichnen, das zugleich auch zu den beliebtesten türkischen Webseiten gehört. In den von Usern erstellten Einträgen herrscht kein Wahrheitsanspruch oder penible Korrektheit. Im Gegenteil: Das Lexikon zeichnet sich durch Umgangssprache, unkonventionelle und zumeist ironische Erklärungen aus, gilt aber trotzdem als alternatives Nachschlageportal.

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Die Macht sozialer Medien

Auf der Pressefreiheit-Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen belegt die Türkei den 149. von 180 Plätzen. Diese Tatsache erklärt die Rolle der sozialen Netzwerke als Gegenmedien, in denen User selbst Nachrichten verbreiten und Inhalte bestimmten können. Allerdings ist dies nicht immer möglich. YouTube war in der Türkei bereits mehrere Jahre gesperrt. Und auch der Zugang zu anderen sozialen Medien wird regelmäßig eingeschränkt. Was also unbequem ist, wird geblockt; wer sich zu kritisch zu politischen Umständen im Internet äußert könnte Konsequenzen spüren. Strenge Gesetze zur Wortfreiheit im Internet und die Zensur vieler Inhalte sind die Folge.

In Deutschland zwar noch oft belächelt, ist ein persönliches Twitter-Profil in der Türkei trotzdem keine Seltenheit mehr. Eine Studie der OECD ergab, dass 2014 soziale Medien in der Türkei vor allem von Menschen mit hohem Bildungsgrad genutzt wurden. Deutschland hingegen gilt als das einzige europäische Land, in dem soziale Medien am stärksten von Menschen mit einem niedrigeren Bildungsgrad genutzt wurden.

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Postings als Protest

Die politische Situation der Türkei wird in letzter Zeit immer instabiler. Den jüngsten verheerenden Terroranschlägen in Ankara und Istanbul folgte eine Nachrichtensperre. Somit blieben für aktuelle Informationen nur Medien aus dem Ausland und Plattformen wie Twitter oder Facebook. Doch sind es gerade solche Ereignisse, die die Regierung dazu veranlassen, den Zugang zu sozialen Medien zu sperren oder ihre Benutzung zumindest einzuschränken.

Bereits während der Gezi-Proteste im Frühsommer 2013 wurde der Zugang zu Twitter für einige Tage blockiert. Graffitis, die erklärten, wie man die Sperre umgehen kann, zierten in der Folge ganze Häuserwände. Heutzutage ist ein sogenannter WebVPN oft auf Smartphone und Laptops vieler User installiert und ermöglicht es, Sperrungen bestimmter Webseiten zu umgehen. Soziale Netzwerke waren für die Proteste von enormer Bedeutung, denn gerade in solchen Zeiten entfalten sie ihr wahres Potential. Die Ziele und der ungestüme und kreative Geist der Demonstrationen wurden binnen Sekunden um die ganze Welt geschickt. Videos der Protestaktionen und Auseinandersetzungen, solidarische Songs oder Bilder von Graffitis erreichten so Menschen nicht nur in der Türkei, sondern der ganzen Welt.

Als die großen türkischen Fernsehsender die wachsenden Proteste zunächst nicht erwähnten und sogar CCN Turk zu diesem Zeitpunkt eine Pinguin-Dokumentation zeigte, bildeten soziale Medien zeitweise die wichtigste Nachrichtenquelle. Der Pinguin fungiert seither als Symbol der Proteste. Auch wenn das Fernsehen in türkischen Wohnzimmern noch eine traditionell hohe Rolle spielt, verliert es zunehmend an Bedeutung; Soziale Medien gelten längst als die verlässlichere Nachrichtenquelle. Viele Menschen in der Türkei führen bereits einen „digitalem Lebensstil“.
Ein anderer Schriftzug, der während der Proteste 2013 mehrfach an Häuserwänden auftauchte, gibt daher treffend wieder: „The revolution will not be televized, it will be tweeted.“

Text: Tarık Kemper

Fotos: Şener Yılmaz Aslan/ MOKU

Titelfoto: Kenan Kahraman / Shutterstock.com