Was Modemagazine schon seit Jahrzehnten versprechen, ist das perfekte Rezept für einen guten Look: „Die richtige Hose für deinen Apfel-Po“ oder „10 Teile, die jede Frau im Kleiderschrank haben muss”. Tipps für Große, Dicke, Dünne, A- und Doppel D-Körbchen. Tipps, die immer ziehen. In Zeiten von Online-Shopping, Instagram und Snapchat legen wir ein Stil-Profil an und geben dem Internet gerne Körpergröße und -gewicht preis. Der unumgängliche nächste Schritt war also Online-Styling-Beratung.

Angestoßen wurde das Phänomen der digitalen Beratung in Verbindung mit Online-Shops unter anderem von MODOMOTO und OUTFITTERY in der Männermode. Der grundlegende Gedanke: Männer shoppen nicht gerne, brauchen aber genauso Outfits wie Frauen. Die Lösung des Problems bietet das einfache Konzept „Verrate mir, wer du bist, und ich zeige dir, was du tragen kannst.“ Die Verbindung von Online-Shop, Kundenservice und Dienstleistung ist perfekt. MODOMOTO und OUTFITTERY beraten und stellen personalisierte Kleidungs-Pakete zusammen, die dem Kunden direkt nach Hause geliefert werden. Zalandos Curated Shopping Zalon überträgt das Konzept in die Frauen- und Männerwelt.

Da anprobieren über studieren geht, habe ich Zalon direkt getestet. Der erste Schritt zu meinem individuellen Paket mit Zalando-Artikeln ist das Style-Bingo: Verschiedene Fotos von Bloggern und Influencern in diversen Outfits erscheinen auf meinem Bildschirm und ich soll mit „Ja“, würde ich tragen, oder „Nein“, auf keinen Fall, entscheiden. Ich sortiere den karierten Schal, die Overknee-Stiefel und die weiße Bluse aus. Die Bomberjacke und die T-Shirt-Jeans-Kombo gefällt. Ganze drei Outfits bejahe ich, obwohl ich sie auf Instagram nicht unbedingt mit einem Doppel-Tap herzen würden. Nächster Schritt: Angebote nach Lieblingsmarken ordnen und mein Aussehen kategorisieren; dazu gebe ich Haut-, Haarfarbe, Größe und Armlänge an. Wer ein Foto von sich hochlädt, ist laut Zalon „30 Prozent zufriedener“ mit seiner End-Auswahl – macht Sinn! Drei Experten werden mir mit Fotos, Style-Vorlieben und Lieblingsteilen vorgeschlagenen und ich darf mir einen aussuchen, mit ihm oder ihr telefonieren und mich anschließend zurücklehnen und für mich shoppen lassen.

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Dann heißt es warten, auspacken, anprobieren. Nur in die Klamotten schaffe ich es leider nicht. In dem eigens für mich kuratierten Paket sind eine Jeans in richtiger Waschung, mit falscher Nahtfarbe, der gewünschte Grobstrick-Pullover mit persönlichem No-go-Schlitz und Schuhe, deren Absatz mir nicht gefällt. Halbgarheiten, die ich direkt zurück schicke. Ich habe einfach zu genaue Vorstellungen, die bislang nicht einmal meine besten Freunde verstanden. Damit konnten die Experten nicht rechnen und ich falle aus der Zielgruppe. Zalons Kundenprofil ist nicht auf mich zugeschnitten.

Doch für wen funktioniert das Konzept online? Denn für mich und meine Freunde tut es das schon offline nicht. Wir fragen im Laden nicht nach dem Pullover in der Trend-Lieblingsfarbe Flieder, geschweige denn nach Kleidungstipps für Tinder-Dates. Wir wühlen selbst und entscheiden, was uns gefällt. Aber die Hemmschwelle dafür sinkt, Beratung zu nutzen, später aber nichts zu kaufen, sobald ich die Verkäuferin oder den Verkäufer nicht live durch den Laden laufen und seine Kollegen fragen sehe, sondern mein Experte zwar real, der Kontakt aber digital ist. Zielgruppe eins für das Curated Shopping sind die Offline-Beratungs-Nutzer mit Internetanschluss und Ratgeber-Leserinnen. Zielgruppe zwei die Digital Natives, die Linkbait-Klicker und die, die sich scheuen, im echten Leben Nein zu einer Verkäuferin zu sagen – wie ich und meine Freunde. Insgesamt wird der Service von Menschen genutzt, die zwar gerne modisch sein wollen, aber nicht genau wissen wie. Modeinteressierte, die noch keinen eigenen Stil gefunden haben und sich Ausgefallenes nicht trauen. Oder eben einfach für jene Männer und Frauen, die andere Prioritäten setzen und schlicht keine Zeit oder Lust darauf haben, sich durch Internetseiten mit tausenden Marken und zehntausenden Artikeln zu klicken. Ob uns Online- oder Offline Beratung nun zu unserem inneren Modegeist führen wird sei dahingestellt, ganz sicher aber zu neuen Lieblingsteilen.

 

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Alle Bilder von Marlen Stahlhuth