Wieso ich dir heute schlaue Tipps gebe? Ich habe zwei Bücher geschrieben; am ersten (ein Roman war das) saß ich gute drei Jahre, das zweite (eine Biografie) ging schneller, hauptsächlich weil ich einen Vertrag unterzeichnet und eh keine andere Wahl hatte. Endlos verstrickte ich mich im Arbeitsprozess in nicht zusammenfinden wollenden Handlungssträngen, ungenauen Charakterisierungen der Protagonisten und einer löchrigen Stringenz – von der Schreibtechnik mal ganz abgesehen. Oft habe ich meinen Kopf auf die Tischplatte gehauen oder halb heulend meinen Lektor und Motivator angerufen, jahrelang. Eine harte Schule war das. Doch vielleicht kannst du jetzt aus meinen Fehlern lernen. Du sollst es besser haben als ich! Deshalb hier meine gesammelten und komprimierten Erfahrungen aus den harten Tagen des Autorendaseins.

 

1. Finde ein Thema

Klingt easy, ist aber unter Umständen gar nicht so leicht. Wenn du schon eins hast, ist das super. Falls nicht, solltest du etwas finden, das dein Herz stark hüpfen lässt. Außerdem solltest du mal schauen, was in dem Themensegment so abgeht. Gibt es einen Markt für die gesammelten Tagebucheinträge des emotional verkrüppelten Hamstermörders von Oberhausen? Oder ist das gerade die Marktlücke, die es zu füllen gilt? Achte stets auf dein Bauchgefühl: Passt das Thema nicht zu dir, wird das eh nichts. Mach es im Zweifel wie ich und verhökere einfach dein eigenes Leben. Dann musst du dir nicht so viel selbst ausdenken.

 

2. Schreib ein Exposé

Diesen Teil fand ich ätzend. Es ist die erste Hürde, die du und deine bombensichere Story nehmen müssen. Hier tun sich ganz schnell Denklücken auf, die am Anfang des Prozesses aber völlig normal sind. „Weiß ich doch nicht, was Manni, mein geiler Protagonist, am Ende des Buchs tun wird“, wirst du jetzt eventuell denken. Das stimmt, aber glaub mir: Je besser dein Konzept ausgearbeitet ist, desto einfacher wird es für dich später. Ich wünschte, mir hätte das jemand beim ersten Buch gesagt.

Das Exposé besteht aus einer Inhaltsangabe, der Vorstellung der Hauptfiguren, etwas Background zu dir, einer kurzen Erklärung, warum du genau diesen Schinken schreibst und einem Probekapitel. Du findest dazu eine Menge Material und Inspirationen im Netz. Das Exposé ist übrigens dafür da, um es an Verlage zu schicken, die die Idee dann in kürzester Zeit überblicken können. Und natürlich an jeden, den du kennst, um zu prüfen, ob die Buchidee in sich aufgeht. Das Ding muss sitzen.

 

3. Die Krux mit dem Verlag

Wenn du einen hast: Glückwunsch! Ich will stark hoffen, dass du einen okayen Vorschuss ausgehandelt hast. Wenn es nicht das geile DIY-Label aus dem Nachbardorf ist, das damit eh nie einen Cent verdienen wird, du aber total unabhängig, understated und artsy bleiben möchtest und froh darüber bist, dass dir jemand kostenlos die Blätter ausdruckt – von mir aus. Sei dir aber bewusst, dass du etwas wert bist und sehr viele, also wirklich seeehr viele Stunden daran arbeiten wirst. Ich sag dir eins: ein Vorschuss motiviert. Die Deadline im unterschriebenen Vertrag und der Verlagsanwalt im Nacken womöglich auch.

Sei realistisch, wenn es darum geht, den Abgabetermin auszuhandeln. Dein Lektor sagt vielleicht, sechs Monate seien ausreichend. Das könnte auch stimmen – wenn nicht gerade dein Studium der Physik, deine gebrechliche Katze und dein gesunder Alkoholismus eine Menge deiner Zeit schlucken würden.

Hast du keinen Verlag, empfehle ich dir, deine Texte in die Welt herauszutragen. Die Verlage scouten im Netz. Veröffentlichungen können nicht schaden, behalte aber dein Premium-Material noch in der Schublade für das Buch später. Es lohnt sich, sich mit anderen Autoren zu vernetzen, die Verlage kennenzulernen (da gibt es weitaus mehr, als zumindest ich je dachte) und auch bei Literatur-Agenturen anzuklopfen.

 

4. Aufgeben is’ nich’

Niemand will dich? Quatsch. Wahrscheinlich liegt dein Exposé nur unter den anderen zweitausend Dokumenten auf dem Schreibtisch deines nun leider nicht mehr zukünftigen Lektors begraben. Die haben viel zu tun und ein wenig Glück gehört auch dazu. Gib die Hoffnung nicht so schnell auf! Ausgenommen natürlich, dass dir wirklich jeder sagt, dein Material wär für die Tonne. Bis das jedoch bewiesen ist, gehst du erst mal vom Gegenteil aus. Du bist toll! Du bist ein Künstler! Du bist ein Autor! Stell dich auch einfach neuen Leuten so vor: „Hallo, ich bin Pfandflaschensammler und Autor!“ Je mehr du selbst daran glaubst, desto wahrer wird es. Fact!

Solltest du die zündende Buchidee haben, und niemand interessiert sich dafür, schreib trotzdem schon mal los. Glaub mir: Du wirst eine Menge dabei lernen. Selbst mein unzeigbares, unveröffentlichtes Erstlingswerk erfüllte seinen Zweck. Und wenn mal was daneben geht, so denke dran: Ein Maler beschließt auch nicht gleich, ein 4×7-Meter-großes Ölbild zu malen, nur weil er in der Grundschule solide bis virtuos mit Wachsstiften gearbeitet hat – und ist dann gleich Monet persönlich. Beziehungsweise Money. Er wir erst mal ein paar Leinwände ordentlich verhauen und daraus ’ne Menge lernen. Durch die stete Übung wird er aber besser. Devise: Learning by doing.

 

5. Sortiere dich

Um einen klaren Kopf zu behalten, wenn du die Fußnoten deines Fünfhundertseitenromans überarbeitest, brauchst du Ordnung. Erst mal an deinem Arbeitsplatz: Räum den Schreibtisch auf! Nichts ist tödlicher, als die Mahnung vom Finanzamt und das Foto deines/r Ex gemischt mit Bonbonpapieren, Büroutensilien, der neuen Ausgabe der Schrot und Korn und dem Körper deines Dackelmischlings vor dir aufzuhäufen. Auch wenn es schmerzt: Ordne dich! Oder geh zum Schreiben ins Café. Das fand ich immer hilfreich, weil da ist es schon ordentlich. Gegen störende Einflüsse von außen hatte ich immer Ohrstöpsel und einen Aluhelm dabei. Mit Antenne – das ist wichtig.

Außerdem rate ich dir dazu, dich mit den Funktionen deines Schreibprogramms vertraut zu machen. Wenn du studiert hast, kennst du die womöglich schon. Ich selbst war erstaunt über die Anker- und Kapitelüberschriftsfunktionen im Navigationspanel von Word. Word abonniere ich übrigens mit den anderen Office-Stars für ’nen  Zehner im Monat. Ich mag’s. Ansonsten gibt es auch noch das kostenlose OpenOffice – und damit sollen Leute auch schon Bücher geschrieben haben.

Auch Post-ist mag ich. Die klebten in der heißen Phase überall an meinen Wänden. Geholfen hat es nicht wirklich, aber es sah verdammt beeindruckend aus, wenn ich Besuch hatte.

 

Mein Roman als dekorativer Space Invader über dem Bett + beim Backup mit der Handycam

 

6. Research your shit

Auch wenn ich lange dachte: „Die immer mit ihren Regeln, da kack ich drauf!“, musste ich irgendwann erkennen, dass andere Autoren sich bereits vor mir mit der Frage beschäftigt haben, wie man den Dialog einer dreißigköpfigen betrunkenen Abiturklasse geschickt aufs Papier bringt. Du musst das Rad nicht neu erfinden. Wühle dich durchs Netz, guck in andere Bücher rein. Ich hab für mein erstes Buch ein paar Roadtrip-Romane, den kleinen Duden der DDR-Linguistik und die Bibel gelesen. Außerdem bin ich zum Vatikan gefahren, mit dem Auto – das ein mir fremder Mann fuhr. Nur damit ich auf dem viertägigen Weg in meinem Spiralblock notieren konnte, wie es auf der Autobahn so aussieht. Zugegeben, an dieses Projekt bin ich etwas manisch-strebermäßig rangegangen. Aber Wahnsinn und Kunst liegen halt nah beieinander. Hauptsache du tust, was du tun musst, um mit deinem Werk voranzukommen!

Generell empfehle ich ein Buch, das ich einfach nur „Stein“ nenne. Wiegt so viel wie Granit, ist aber mindestens genauso wertvoll wie Kupferdraht.

 

7. Befreie dich von Schreibblockaden

„Ich kann nicht“ gibt’s nicht. Schreiben mag unmittelbar mit (deinen als Schriftsteller reichlich vorhandenen) Emotionen verbandelt sein, aber ein wenig Nüchternheit in der Betrachtung schadet nicht. Ehrgeiz und Motivation sollten aus dir selbst kommen. Setze dir Mindestziele; eine halbe Seite am Tag, ein Kapitel im Monat, ein Buch im Quartal – und dann zieh es durch, aber in deinem Tempo.

Wenn dann tatsächlich mal so gar nichts kommt (passiert gerne in Phasen, wo man sich frei genommen hat, um gaaanz viel zu schaffen), widme dich deinem Haushalt, geh joggen – je stumpfer, desto besser. Dein Gehirn wird dir für die Pause danken. Fange auf keinen Fall genau jetzt damit an, die erste Folge der ersten Staffel von Game of Thrones zu gucken.

Oder: Schreib einfach Blödsinn auf; was du morgens gefrühstückt hast, mit welchen Backstreet Boy du damals gerne abgestürzt wärst, was du von deinem Schreibtisch aus siehst. Der Inhalt ist egal, aber so kommst du in den Flow. Und wenn du es am wenigsten erwartest, flutscht es an der eigentlich wichtigen Front wieder.

Notfalls leg das Teil einfach mal ein paar Tage oder Wochen zur Seite. Mit etwas Abstand betrachtet finden sich oft viel bessere Lösungen für Schreibblockaden. Das ist leider aber auch der Punkt, an dem viele aufgeben. Also Obacht!

Der Entschluss, ein Buch zu schreiben, fällt leicht. So wie der, jetzt jeden Morgen joggen zu gehen oder in einem Großprojekt die Raufasertapete aus den eigenen vier Wänden zu eliminieren. Aber – du kannst dir sicher vorstellen, worauf ich hinaus möchte – das Dranbleiben ist eine echte Wurst. Aber du schaffst das ganz sicher!

 

Durchhalten – auch am Rande des Wahnsinns

 

8. Backe up!

Weißt du noch, als Carries altertümlicher Mac all ihre Daten fraß? Da hat sie behauptet, niemand hätte ihr gesagt, dass man alles ständig sichern muss. Deswegen sage ich es dir jetzt: Ein Word-Doc ist im Normalfall nicht sonderlich groß, du kannst es locker auf einem Stick speichern. Und am besten noch in der Cloud. Mache es dir zur Routine, nicht nur den jeweils aktuellen Stand zu speichern, sondern auch frühere Versionen zu behalten. Glaub mir, wenn man sich mal so richtig schön verzettelt, kann der Stand der letzten Woche viele Nerven sparen. Niemand, aber auch wirklich niemand wird Mitleid mit dir haben, wenn du den Backup verschusselst und dein Buch auf der internen Festplatte durchgeschmort ist.

 

9. Die bockigen Figuren

Diese kleinen, gehässigen Figuren. Gerade beim Roman neigen die dazu, einen eigenen Willen zu haben und deine Pläne öfter mal umzuschmeißen. Doch das ist okay. Gönn den kleinen Ludern ihr Eigenleben. Hör auf sie und wachse mit ihnen. Und schmeiß auch mal was über Bord. Wenn die anglikanische Nonne nun doch eher gehörlos anstatt blind sein möchte, dann ist das so, auch wenn du jetzt leider auf fünfhundert Seiten noch mal umschreiben musst, was die Nonne alles hört statt liest, beziehungsweise nicht hört.

Dabei fällt mir ein: Schreibe unbedingt chronologisch! Du glaubst gar nicht, wie es der Stringenz deiner Geschichte helfen wird. Ich hab nämlich mit den Danksagungen angefangen und bin damit gar nicht mal so gut gefahren.

 

10. Zeig’s ihnen!

Ich bin so eine kleinliche Autorin, die kein Wort rausrücken möchte, bevor eine Passage nicht fertig ist. Unfertige Passagen sind mir peinlich. Ich entschuldige mich ständig, wenn ich anderen Texte zeige. Aber dass das work in progress ist, ist ja auch klar.

„Löse dich emotional von deinem Text“, hat mal wer zu mir gesagt. Vielleicht solltest du dir ein paar Leute suchen, die zwischendurch drüberlesen. Zeig’s auf jeden Fall deiner Mutter, damit es wenigstens von einer Person positives Feedback gibt. Der Rest sollte vor allem ehrlich sein. Die kleinen Füchse werden deine Schwachstellen aufdecken, Dinge nicht verstehen, sich langweilen und dir dann hoffentlich die Wahrheit sagen. Alles andere hilft dir eh nicht weiter.

 

11. Fertig!

Ja super. Da du selbstverständlich einen Verlag hast, der dich reich mit Cash bedacht hat und dein Buch nun auch gedruckt hat und in die Läden stellt, musst du dich gar nicht um so viel kümmern.

Ich würde an deiner Stelle noch mal das Cover überarbeiten lassen. Einfach aus Prinzip. Und überleg dir für die Promophase doch jetzt schon, was du mit deinem Werk eigentlich sagen wolltest. Man wird es dich fragen. Ständig.

Falls du auf Lesereise gehst: Trink vor den Auftritten nichts mit Sprudel, sonst musst du ständig rüpsen. Kommt im Idealfall total menschlich rüber, wahrscheinlicher ist aber, dass es für die allgemeine Stimmung nicht förderlich ist.

 

12. Und ein letzter Tipp für danach

Wenn du es nicht lassen kannst, ständig Amazon zu refreshen, um dein Buch von Platz 1.435.789 auf 1.435.790 und wieder zurück klettern zu sehen, dann versprich mir, nein, versprich dir, dass du alle Rezensionen, die nicht mit mindestens acht Sternen bewertet wurden, nicht liest. Es gibt zu viele Menschen da draußen, die am Samstagabend gerne ihre Stickersammlung sortieren – oder schlechte Bewertungen schreiben. Aus Erfahrung weiß ich: Man kann viel besser auf deren Meinung scheißen, wenn man sie nicht kennt.

 

Ich persönlich liebe dein Buch übrigens jetzt schon.
Beziehungsweise: Du schuldest mir ’ne Mark. <3

 

Text: Jule #teamimgegenteil
Fotos: Jule Müller