Auf mein Coming-out in der sechsten Klasse reagierten meine Freunde sehr positiv und unterstützten mich. Für die Lehrer und andere Schulkameraden war es dagegen schwer zu akzeptieren. „Das geht sicher vorbei“, sagten sie bestenfalls – Mannweib oder Kampflesbe durchaus häufiger. Kurze Haare, Karohemd und Latzhose hatte ich übrigens noch nie.

Mit 16 brachte ich dann zu einer Silvesterparty meine erste Freundin mit. Meine Freunde freuten sich für mich, sagten, wir seien ein schönes Paar. Später, in der Uni, gab es selten Schwierigkeiten, Fragen, Blicke, abwertende Kommentare. Ich konnte einfach so sein, wie ich bin.

Seit ich Mutter bin, ist das anders. Durch meinen Sohn, der mittlerweile fünf Jahre alt ist und in den Kindergarten geht, wurde ich in eine durch und durch heterosexuell geprägte Welt hineinkatapultiert. Eine Welt, in der Jungen Blau tragen und mit Autos spielen, während für Mädchen rosa Kleider und ein Puppenwagen vorgesehen sind. Wenn die Mädchen dann Familie spielen wollen, dürfen auch die Jungen mitmachen – Vater, Mutter, Kind heißt die Familienform, die hier nachgespielt wird. Auch die Bücher und Filme, die zu Hause und im Kindergarten angeschaut werden, transportieren mit Conni und Caillou noch diese alten Rollenmuster. Die Kinder wachsen mit Vater und Mutter auf. Der Vater geht arbeiten, die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich um die Kinder. Selbst als Nebenfiguren tauchen selten andere Familienformen auf, und wenn, kommen sie nicht besonders positiv weg. In der Kinderserie Feuerwehrmann Sam gibt es beispielsweise Norman Price, der bei seiner alleinerziehenden Mutter aufwächst – und ganz nebenbei über mittlerweile 192 Folgen in zehn Staffeln die Feuerwehrleute und das ganze Dorf in Atem hält. An zu rettenden Tieren, Menschen und an ausgebrochenen Feuern ist er wesentlich häufiger schuld als seine Freunde, die aus klassischen Familien mit Vater und Mutter stammen. Kinder aus Regenbogenfamilien tauchen im Mainstream-Kinderfernsehen gar nicht auf.

„Kinder aus Regenbogenfamilien tauchen im Mainstream-Kinderfernsehen gar nicht auf.“ 

Und das, obwohl sich das gesellschaftliche Bild wandelt. Im Jahre 2014 lebten laut der Bundeszentrale für politische Bildung 2,71 Millionen Erwachsene allein mit mindestens einem Kind zusammen. Die Zahl der in Deutschland lebenden Regenbogenfamilien ist nicht genau bekannt, und die Angaben schwanken stark. Die Bundeszentrale für politische Bildung geht für das Jahr 2011 von 6.500 Regenbogenfamilien in Deutschland aus, der LSVD schätzte im Jahr 2010 die Zahl der Familien mit lesbischen und schwulen Eltern auf 7.000 bis 9.000. Fakt aber ist: Die Zahl der Regenbogenfamilien wächst, und sie werden immer sichtbarer.

Wenn ich ein Date habe, erwähne ich meinen Sohn immer. Eine Frau, die sich nicht grundsätzlich vorstellen könnte, auch mal einen Nachmittag bei Nieselregen auf dem Spielplatz zu verbringen oder bei minus zehn Grad ein Eis essen zu gehen, wenn mein Sohn es sich wünscht, passt nicht zu mir. Ich möchte als Mensch wahrgenommen und akzeptiert werden, mit allen positiven und negativen Eigenschaften. Hier gehe ich sehr selbstbewusst mit meiner Mutterschaft um, die natürlich keine Eigenschaft ist, aber dennnoch untrennbar mit mir verbunden. Und bisher habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht.

„Woher kommt denn dein Kind?“ 

Die Angst vor den Fragen der anderen Eltern im Kindergarten ist dafür umso größer: Woher kommt denn dein Kind? Seit wann weißt du „es“ denn? Tut dein Kind dir nicht leid, dass es so leben muss? Ich mache mir Sorgen, dass mein Sohn tatsächlich ausgegrenzt wird. Denn er ist im ganzen Kindergarten der Einzige, der keine klassische Vater-Mutter-Kind-Familie hat.

Mir fällt es oft schwer, mich in dieser heteronormativen Welt zu bewegen. Einerseits möchte ich  mich nicht verstellen oder lügen. Andererseits möchte ich aber auch nicht ständig und überall anecken. Die Frage, wie viel ich der Leitung des Kindergartens erzählen möchte oder was ich der Mutter des besten Freundes meines Sohnes antworte, wenn ich zum Beispiel gefragt werde, warum ich keinen Mann habe, stelle ich mir immer wieder. Manchmal mache ich mir auch Sorgen, dass mein Sohn in der Schule später wegen seiner Familienform geärgert wird. „Schwuchtel“ und „schwule Sau“ sind schließlich immer noch die meistgebrauchten Schimpfwörter auf dem Schulhof, wie etwa eine Studie der Humboldt-Universität zu Berlin zur Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen im Jahre 2012 herausfand.

mutterseelenalleinerziehend-Janka Burtzlaff

Aber mein Sohn zeigt mir immer wieder, wie wenig dieses Thema für Kinder eine Rolle spielt. Einmal, im Sommer, waren mein Sohn und ich, mit Koffern und Reisetaschen bepackt, auf dem Weg in die Ferien. Vorher waren wir noch kurz auf dem CSD in Hamburg. Er war von der Musik, den tollen Farben und der guten Laune überall ganz begeistert. Zwei Stunden mit dem Zug mussten wir nun fahren. Wir saßen im Familienabteil, zusammen mit einem ebenfalls etwa fünfjährigen Jungen und einem Mann mit grauen Haaren, kariertem Hemd und einer Brille. Ein wenig nach vorn gebeugt saß er da und las dem Jungen aus einem Bilderbuch vor. Dabei fuhr er mit dem Finger die einzelnen Wörter nach. Mein Sohn schaute zunächst aus dem Fenster. Dann lächelte er den Jungen gegenüber an. „Weißt du“, sagte er dann, „ich bin ein Regenbogenkind.“ Der Junge schaute etwas irritiert und musterte meinen Sohn von oben bis unten. Der Mann neben ihm schaute mich direkt an, bekam einen roten Kopf und atmete merklich angespannt aus. Ich wappnete mich schon einmal innerlich gegen die Erklärungsnot, der ich meist in solchen Situationen ausgesetzt bin. Woher kommt denn das Kind? Fehlt Ihnen oder Ihrem Sohn nicht irgendetwas? Und was sagt Ihre Familie dazu? Alles Fragen, die ich gerade wirklich nicht diskutieren möchte.

„Meine Mama mag Männer ganz gern, aber so richtig verlieben, mit Küssen und so, tut sie sich in Frauen.“

Der Junge von gegenüber beobachtete meinen Sohn immer noch genau. “Du bist ja aber gar nicht ganz bunt”, sagt er dann. “Wo ist denn der Regenbogen?” Mein Sohn grinste ihn an. „Das ist total einfach“, meint er dann. „Meine Mama mag Männer ganz gern, aber so richtig verlieben, mit Küssen und so, tut sie sich in Frauen.“ „Ach so.“ Der Junge nickte verständig. Für ihn schien sich das Thema schon erledigt zu haben. Auf einmal fingen beide an zu kichern und machten Luftküsschen. „Bist du mit deinem Opa unterwegs?“, wollte mein Sohn schließlich wissen, als sich die beiden etwas beruhigt hatten. „Nein, ich fahr mit meinem Papa übers Wochenende weg“, sagte der Junge. „Ach so.“ Auch mein Sohn nickte, während der Mann mir gegenüber genauso erleichtert wie ich zu sein schien, jetzt nicht über ihm wahrscheinlich immer wieder begegnende Fragen diskutieren zu müssen. „Mein Opa ist schon im Himmel“, sagte der Junge dann. Mein Sohn überlegte kurz. „Das ist ja prima!“, sagte er schließlich. „Dann ist er ja total nah dran am Regenbogen!“

Mehr Geschichten und Infos von STRAIGHT-Autorin Sarah Wiedenhöft, findet ihr auf ihrem Blog Mutterseelenalleinerziehend 

 

Text: Sarah Wiedenhöft

Fotos: Janka Burtzlaff